laut.de-Kritik

Die Diva in der und gegen die Maschine.

Review von

Der von Arca als "Autopilot" beschriebene kreative Schub, der uns die Kick-Reihe bescherte, liegt nun fast fünf Jahre zurück. In der Zwischenzeit beteiligte sich die Venezolanerin mit Produktionen an verschiedenen Alben: "Caprisongs", "Pink Tape" oder zuletzt "Confessions II". Als erstes Solo-Release nach dieser Pause soll "XXXXX" aus dem Autopilot austreten.

Über das Album verteilt finden sich diverse Einspieler, "Diva Experimental FM", mal flüstert, mal quietscht Arcas durch Hall und diverse andere Effekte gejagte Stimme. Man kann sie als eine Art Pendant zu den im Hip Hop geläufigen Producer-Tags oder DJ-Zwischenrufen auf Mixtapes betrachten. Ursprünglich war dieses Album auch als Mixtape gedacht, der Titel spielt auf ihre früheren Werke "&&&&&" und "@@@@@" an.

Die Einspieler sind im Arca-Kosmos also nicht ganz fremd. Viele der Tracks auf "XXXXX" erschaffen ein Amalgam aus organischen und synthetischen Klangbildern, in dem die beiden Gegensätze miteinander interagieren.

"Willow" etwa durchläuft mehrere Phasen, beginnend mit sanften Streichern und Glocken, die dann plötzlich von einem kreischenden, Synthesizer durchbrochen werden. Es folgen ein Rhythmus aus übereinanderliegenden Claps, eine 808 und Vocals, die gleichzeitig robotisch und wie die ersten Sprechversuche eines Neugeborenen klingen. Die einzelnen Segmente fügen sich trotz ihrer widersprüchlichen Natur problemlos zu einem gesamten Stück zusammen. Zumindest bis sie das nicht mehr tun und zum Schluss eine laute Chiptune-Melodie einsetzt, die das Gleichgewicht erschüttert.

"Heart" geht andere Wege mit dieser Idee. Der Track besteht praktisch aus nur einem Loop, anfangs noch eine klare Synth-Melodie, die sich durch Verzerrung und überlagerte Texturen mit jeder Wiederholung weiter vom Ursprung entfernt. Dieser Vorgang ruft ein seltsames, klaustrophobisches Gefühl hervor, als würde Arca in diesem Loop feststecken und von innen gegen die Wände klopfen. Der Moment der gänzlichen Unkenntlichkeit bleibt uns als Hörer jedoch vorenthalten. Der Einspieler beendet den Track sehr abrupt.

Doch neben den Experimenten gibt es auch eingängige Songs. "Taconeando" erzielt ein fast absurdes Level an Catchyness mit den simpelsten Bestandteilen. Ein Drum-Loop, bestehend aus einer einzigen Kick und ein Atemgeräusch machen so gut wie alles vom Instrumental aus. Oft erfordert "XXXXX" gar nicht mehr, um Atmosphäre aufzubauen.

Wir hören es auf "Raver". Die erste Hälfte des Tracks besteht nur aus einem künstlichen Lead, die eigentliche Magie steckt aber im Rhythmus. Der klingt so unregelmäßig, als würde man die Melodie auf einer Spieluhr kurbeln und zwischen "etwas zu schnell" und "etwas zu langsam" fluktuieren, bis einem schwindelig wird.

Arcas neues Album verstrickt die Widersprüche und Gegensätze von Mensch und Maschine zu einem zusammenhängenden Gewebe. Dabei findet sich mit jedem neuen Track ein anderer Approach, so dass sich beim Hören Türen zu ganz unterschiedlichen Gefühlswelten öffnen. Darum finde ich es so spannend, dass die Künstlerin ihr Konzept als "die Diva als Technologie" bezeichnet. Denn auf "XXXXX" ist die Diva nicht bloß Maschine selbst, sondern auch in ihr und gegen sie zugleich.

Trackliste

  1. 1. No End
  2. 2. Willow
  3. 3. Eidolon
  4. 4. Heart
  5. 5. Syncope
  6. 6. Raver
  7. 7. Cinch
  8. 8. Fxck
  9. 9. Finisher
  10. 10. Taconeando
  11. 11. Futurality
  12. 12. Grip
  13. 13. Enraptured
  14. 14. Throb
  15. 15. Everything
  16. 16. Sueño

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