Die "Mockumentary" zum "Brat"-Phänomen läuft seit dem 19. Februar in den deutschen Kinos. Einige Gedanken zum Film (Spoiler-Alarm)!
Konstanz (dml) - Sommer 2024: Ein kotzgrünes Cover mit der dezent verschwommenen Aufschrift "brat" thronte am Pop-Himmel. Charli XCXs sechstes Studioprojekt katapultierte eine durchaus bekannte und dennoch eher nischige Künstlerin zum Legenden-Status. Top-Resonanzen von Kritikern und eine begeisterte Hörerschaft, die sich sofort mit diesem rebellischen Club-Epos identifizierte. Die Zoomer konnten ihr Glück nicht fassen: "being chronically online has finally paid off", wie es unter dem Video der Single "360" heißt. Nach über anderthalb Jahren stellt sich jedoch die Frage: War das vielleicht zuviel des Guten? Dies versucht der im Mockumentary-Format gedrehte Film "The Moment" unter der Regie von Aidan Zamiri, der unter anderem für die Musikvideos zu den Songs "360" und "Guess" der britischen Hyperpop-Ikone verantwortlich ist, zu beantworten.
Vorweg: Ich fand den Film ziemlich unterhaltsam. Zugegebenermaßen, das Label "Mockumentary" will sich mir nicht hunderprozentig erschließen. Dafür ist der Humor des Films stellenweise zu subtil, auf nischige Referenzen beruhend und zum Ende hin bewusst kaum noch humorvoll, wenn da nicht Alexander Skarsgårds Charakter wäre.
Skarsgård als Comic Relief
Im Film spielt er die Rolle eines Regisseurs namens Johannnes Godwin, den Charlis Musiklabel engagiert, um die "Brat"-Arena-Tour für Amazon Prime zu verfilmen. Charli spottet zunächst über den Gedanken, jemandem wie ihm, der eher massentaugliche und familienfreundlichere Konzertfilme unter anderem für Coldplay dreht, diese Aufgabe anzuvertrauen. Dabei gerät er ständig in Konflikt mit Charlis Creative Director Celeste, die eine wesentlich radikalere und somit näher an das Album gerichtete Vision für die Arena Tour verfolgt. Skarsgård als Comic Relief macht einen guten Job, leicht übertrieben, aber in einem Rahmen, in dem ich mir einen Charakter wie ihn auch im echten Leben vorstellen könnte.
Hinter Godwin manifestieren sich auch die Labelinteressen. Atlantic Records versucht, jeden noch so kleinen Rest aus dem "Brat"-Phänomen auszupressen, sei es durch Werbedeals oder eben auch den Tour-Film. Dazwischen steht Charli XCX, die hier in ihrer fiktionalisierten Version trotzdem sehr authentisch rüberkommt. Einerseits will sie den neuen Hype um ihre Person, den sie durch die Platte generierte, nicht abebben lassen. Gleichzeitig möchte niemand, wie sie andeutet, der Letzte auf der Party sein, auch wenn es ihr in diesem Falle schwer fällt.
Stress
Sie verspürt Druck von mehreren Seiten: Fans wollen, dass der "Brat-Summer" nie zuende geht, das Label will den Hype ausschlachten, Kylie Jenner (ja, die taucht ebenfalls auf) rät Charli im Ibiza-Urlaub, jetzt erst so richtig Gas zu geben. Kurz zuvor besuchte sie eine rennomierte Gesichtsmasseurin, die Charlie für so ausgelaugt und gestresst hielt, dass sie keinen Handlungsspielraum fand und die Behandlung Charlis abbrach. In einem Moment der Wut und totalen Unsicherheit geht sie auf die Labelinteressen ein und beschließt, den Film mit Godwin zu drehen, wodurch ihre gute Freundin Celeste schmerzvoll entlassen wird.
An dieser Stelle zeigt der Film nicht nur, wie kommerzielle Interessen versuchen, das umzudeuten, was Charli mit der Platte bewegen wollte. An einer Stelle versucht Godwin sogar, das Albumcover für eine breitflächigere Audience zu verändern, indem er das kleine "b" groß macht und den giftigen Grünton bescheidener und erdlicher umfunktioniert. Eine gewisse patriarchale Unterwanderung ist auch zu vernehmen, wenn Charlie den Regisseur als objektifizierend betrachtet und Celeste von jenen Typen bedrängt und rausgeworfen wird, die überhaupt erst den Amazon-Deal klargemacht haben. Das Album heißt nicht umsonst zu deutsch "Göre", dementsprechend verheißt es nichts Gutes, wenn sich auf einmal Männer an der Vision dieser Platte zu schaffen machen.
Der Kreditkarten-Deal und die Konklusion
Unsicher bin ich mir hingegen beim Plotpoint des Kreditkarten-Werbedeals mit der fiktiven und in der Krise steckenden Bank Howard Sterling. In ihrem Nervenzusammenbruch bewirbt Charli das Produkt falsch, was schließlich dazu führt, dass die Bank pleite geht, sie einen gewaltigen Shitstorm kassiert und abtaucht. Der Film bewahrt bis zu diesem Moment trotz der Satire einen authentischen Vibe, nur um jetzt komplett durch die Decke zu gehen. Ich frage mich, ob es solch ein massives Ereignis brauchte, um Charli zu ihrer Konklusion zu führen, die wiederum recht gelungen ist.
In einer Sprachnachricht und Entschuldigung an die gefeuerte Celeste fasst Charli letzten Endes den Entschluss, nach all dem Backclash diesen lächerlichen Tour-Film mit Johannes Godwin durchzuziehen, mit der Intention, "Brat" endgültig zu begraben. Sie spricht ihren Fans zu, dass jeder den "Brat-Summer" für sich weiterleben kann. Charli selbst schließt damit ab. Zum Schluss bekommen wir einen Trailer des kitschigen Tour-Films von Amazon zu sehen, der von Musikmagazinen wie Rolling Stone oder Pitchfork hochgelobt wird.
Abschließende Gedanken
Zwischen all der Satire gerate ich beim Aspekt der Kommerzkritik ins grübeln, was an der fast schon zu offensichtlichen Antagonisierung ihres Labels Atlantic Records liegt. Es erinnert mich immer an das Gefühl, das ich auch beim Gucken der Amazon-Prime-Serie "The Boys" verspüre, ein Werk mit antikapitalistischen Untertönen, produziert von einem der kapitalistischsten und reichsten Konzerne überhaupt. Beschränkt man den Film auf Charlis persönlichen Konflikt rund um die Frage, ob und wie sie mit "Brat" weiterlebt, dann wirkt der Film sehr gelungen. Bei der Kommerzkritik, so lustig sie sein mag, bleibe ich zwiegespalten.


















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