Bulgarien setzt sich gegen Israel durch und gewinnt die 70. Ausgabe des Eurovision Song Contests. Deutschland landet auf Platz 23.
Wien (mag) - Der Glitzerwahnsinn mit einem Hauch von Musik ist vorbei. Ganze vier Stunden Programm gab es am verregneten Samstag in der Wiener Stadthalle, am Ende lieferten sich zwei Überraschungsländer ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Dara aus Bulgarien hat die Nase mit Song "Bangaranga" 173 Punkten Abstand zum Zweitplatzierten Israel deutlich vorne und rettet so wahrscheinlich den Frieden in der Halle. Zwar bleiben Buhrufe während Noam Bettans Performance von "Michelle" aus, als sich Israel zum temporären ersten Platz entwickelt, beginnt die Menge dennoch zu kochen.
"Close to the edge, I can feel it inside / Bodies on bodies and sparks about to fly? / I, I, I'm 'bout to lose my mind, mind". Siegerin Dara klingt in ihrem Song fast so, als hätte sie die angespannte Stimmung vor der Entscheidung schon erahnt. "Bangaranga" sei Rebellion und Chaos, und mit ihrer starken Tanzperformance verteibt Dara gemeinsam mit maskierten Figuren böse Geister. Und das ist ihr in den Augen von Europa auch gelungen - dass sie genau Israel vom vorübergehenden Thron stößt, kann schon fast kein Zufall sein.
Neben Israels umstrittener Teilnahme ist auch der dritte Platz des ESC heiß diskutiert. Alexandra Căpitănescu kuschele laut Kritiker*innen ein bisschen zu eng mit gewaltverherrlichenden Sexualpraktiken in ihrem Song "Choke Me". Dass sich der Wettbewerb nicht nur um Musik dreht, bestätigen auch die Outfits von Rumänien, Belgien, Litauen und Co. Denn hier sieht es fast nach einem Contest für die wildesten Schulterpolster aus: klarer Gewinner der Litauer Lion Ceccah.
Kein Gewinner wird das eigentlich als Sieger prognostizierte Geigen-Gesangs-Duo aus Lettland. Linda Lampenius und Pete Parkkonen belegen den sechsten Platz, zwei Ränge weiter nach vorne schafft es die australische Top-Favoritin Delta Goodrem von der anderen Seite des Globus. Griechenland landet mit dem konsumkritischen Spaßsong auf Platz zehn und damit vor der 17-jährigen Monroe, die mit französischer Dramatik den elften Platz ersingt.
Deutsch(land) bleibt erfolglos
Die Flammen lodern im Takt, ein mittelmäßig spektakulärer Outfitwechsel und Bodentanz. Sarah Engels liefert eine solide Performance von "Fire" ab, am Ende ist das einzige was brennt, jedoch die Bühne und nicht die Begeisterung über die Punkte. Von der Jury gibt's immerhin insgesamt 12, leer geht Engels beim Publikum aus und landet damit auf dem drittletzten Platz des Wettbewerbs. Als eines der Schlusslichter des Rankings ist Deutschland mit Gastgeberland Österreich in vertrauter Nachbarschaft. Das Gastgeberland staubt nur sechs Punkte mit Song "Tanzschein" ab, fast schon traurig, dass Wiener Charme weder bei den Moderationen noch bei den musikalischen Darbietungen gut ankommt. Die rote Laterne trägt dann auch noch ein teilweise auf deutsch vorgetragener Song von Look Mum No Computer. Sänger Sam Battle nimmt's humorvoll und grölt mit seinem Team im Chor "UK, ein Punkt".
4,5 Millionen Euro Schmuck und Katerstimmung
Obwohl sich Moderatorin Viktoria Swarovski mit millionenschweren Schmuck behängt hat und Michael Ostrowski als schillernder Aladdin auf die Bühne geht, sorgt das Duo für eine eher glanzlose Stimmung. Während die beiden in den Halbfinalen noch ihre eigene Gesangskünste zum Besten geben, läuft das Finale ohne skurrile Performances ab. Die gibt es nur von früheren ESC-Teilnehmer*innen, die einige der mittlerweile 1789 Songs im Schnelldurchlauf wiederbeleben.
Dass Livemusik noch nicht vollständig tot ist, will das ORF-Radio-Symphonieorchester beweisen, Vorjahressieger JJ beschallt das Publikum mit "Wasted Love", Cesár Sampson covert Billy Joels "Vienna Waits For You" - die Zwischenacts sind nett gedacht, können aber den Überraschungseffekt von Bulgariens Sieg nicht übertrumpfen. Was bleibt also vom Jubiläums-ESC? Neben leeren Ottakringerdosen auf den Fensterbrettern, dem ersten Sieg für Bulgarien und nassem Konfetti am Boden, vor allem ein Kater.
Foto: Corinne Cumming/EBU







2 Kommentare mit 3 Antworten
"Sarah Engels liefert eine solide Performance von "Fire" ab, " -Check. Und auch die Nummer,wie ich finde, ganz solide. Also woran liegts ? Vielleicht am (nur) "solide" ? Was dann doch eher untergeht unter vielem Ähnlichem, als sich hervorzuheben? Ein anders verpacktes "Ein bisschen Frieden" - Und der Sieg wäre sicher gewesen.
Wir hatten tatsächlich ein ein wenig anders verpacktes „ein bisschen Frieden“ eingeschickt. Mit Piano, Celli, Epik und einem deutschen Text der vereinend und Mut machend ist.
Ich glaube ohnehin, dass man mit was „echtem” und mit aus dem Konzept fallenden mehr Chancen hätte, als mit jeder Anbiederung an das, was fer ESC vermeintlich „braucht“.
"Sarah Engels liefert eine solide Performance von 'Fire' ab"
Sarah so "I AM THE GOD OFF HELLFIRE"
So wie den ESC stelle ich mir die musikalische Hölle vor. Eine nie endende Folter, die jede Zelle des Körpers maltretiert. Ich kenne nichts, dass in wirklich jeder erdenklichen Hinsicht so viel Brechreiz auslöst.
Das meinte Zappa wohl, als er "The Torture Never Stops" schrieb.