Werner Herzog hörte Ambient, bevor wir es so nannten
Ein Skispringer steht auf einer Schanze, unter ihm 180 Meter Luft und Schnee. Werner Herzog sieht darin natürlich keinen Sport. Sein Film "Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner" von 1974 erzählt vom Schweizer Skiflieger Walter Steiner, eigentlich aber von einem Menschen, der Grenzen überschreitet, die jeder Vernünftige respektieren würde. Mehr als fünfzig Jahre später erscheint nun erstmals der Soundtrack von Florian Frickes Popol Vuh offiziell auf Platte. Am 13. November veröffentlicht Latency "The Great Ecstasy Of Woodcarver Steiner", ergänzt um Neuinterpretationen von James K, Lorenzo Senni (der es zu zwei Auftritten in dieser Kolumne bringt!) und ML Buch.
Popol Vuh und Herzog gehören zu den bemerkenswertesten Paarungen der Filmgeschichte. Gemeinsam schufen sie die Klangwelten von "Aguirre", "Nosferatu" oder "Fitzcarraldo". Frickes Musik illustriert die Bilder nicht, sondern verwandelt sie: Berge werden sakral, Urwälder zu metaphysischen Räumen, ein Skiflieger zum Ikarus. Lange bevor Brian Eno Ambient popularisierte, schufen Popol Vuh Atmosphären, die weit mehr waren als Hintergrundmusik.
Dass nun ausgerechnet Senni, ML Buch und james K das Material neu interpretieren, passt hervorragend. Alle drei beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit der Auflösung vertrauter Klangräume. Vielleicht ist das Erstaunlichste an Popol Vuh ohnehin, wie wenig ihre Musik gealtert ist. Sie klingt weder nach 1974 noch nach einer bestimmten Vorstellung von Zukunft. Herzog suchte Menschen und Landschaften, die nicht ganz in unsere Welt passen. Mit Florian Fricke fand er dafür den richtigen Sound.
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