Seite 16 von 27

Der Festivalbesucher als Datensatz

Festivals versprechen den vorübergehenden Ausstieg aus dem Alltag. Ein paar Tage Zelt, Schlamm, Bass und die angenehme Fiktion, außerhalb des Geländes existiere keine Welt. Tatsächlich bewegen sich Besucher heute durch eine ausgefeilte digitale Infrastruktur aus Apps, RFID-Armbändern und bargeldlosen Zahlungssystemen. Der britische Journalist Simon Doherty kritisiert diese Entwicklung in seiner neuen Dokumentation "Festivals Have Become A Data Collection Dystopia". Im Mittelpunkt steht das Boomtown-Festival, das inzwischen zu 45 Prozent Live Nation, Gaiety und anderen, wie die alten Leute sagen, Heuschrecken gehört.

Bei Boomtown ist das RFID-Armband zum Bezahlen verpflichtend, während die Standorterfassung per App freiwillig bleibt. Wer einwilligt, dessen Position wird ungefähr alle fünf Minuten erfasst. Daraus entstehen persönliche Festivalrückblicke und anonymisierte Analysen der Besucherströme. Das kann durchaus sinnvoll sein: Engstellen erkennen, Sicherheit verbessern, Gastronomie planen. Gleichzeitig liefern solche Daten wertvolle Informationen über das Konsumverhalten des Publikums.

Brisant wird das durch die zunehmende Konzentration der Festivalbranche. Einer aktuellen Untersuchung zufolge gehören mehr als 150 große europäische Festivals zu lediglich vier Unternehmensgruppen. Je stärker Veranstalter, Ticketing und digitale Infrastruktur zusammenwachsen, desto wertvoller werden die Daten ihrer Besucher. Das Festival wird zur temporären Smart City/ Werbefachmann- und Autokratenutopie. Ausgerechnet dort, wo Menschen für ein Wochenende Freiheit und Kontrollverlust suchen, wird ihr Verhalten immer präziser vermessen.

Seite 16 von 27

Weiterlesen

Noch keine Kommentare