RIP, Monsieur Kavinsky
Vincent Belorgey wollte offenbar nicht nur ein französischer Produzent mit Sonnenbrille sein. Also erfand er Kavinsky: Einen jungen Mann, der 1986 in seinem Ferrari Testarossa stirbt, als untoter Fahrer zurückkehrt und aus irgendeiner neonbeleuchteten Zwischenwelt elektronische Musik sendet. Andere Künstler brauchten mehrere Konzeptalben, um weniger Mythologie zu erzeugen. Kavinsky benötigte eine Collegejacke, rote Augen und ein Auto.
Seine Karriere war entsprechend weniger die eines rastlos veröffentlichenden Musikers als die eines erstaunlich konsequenten Bildermachers. Er veröffentlichte nur zwei Studioalben, "Outrun" 2013 und "Reborn" neun Jahre später. Dazwischen und davor entstanden EPs, einzelne Stücke und eine Figur, die stets vollständiger wirkte als der reale Mann dahinter. Belorgey sagte selbst, er habe eine Rolle gebraucht, hinter der er sich verstecken könne.
Dann kam "Nightcall". Das gemeinsam mit Daft Punk-Hälfte Guy-Manuel de Homem-Christo produzierte Stück mit Lovefoxxx war zunächst kein großer kommerzieller Erfolg. Erst als Nicolas Winding Refn den Track 2011 an den Anfang seines Films "Drive" setzte, da schien die Musik nicht mehr für den Film ausgewählt worden zu sein, sondern der Film für die Musik gedreht. Ryan Gosling fuhr nachts durch Los Angeles, Synthesizer glommen wie Armaturenbeleuchtung, und eine ganze Generation lernte, dass die Achtziger offenbar nicht nach Stock Aitken Waterman, sondern nach einsamen Männern in satinfarbenen Bomberjacken geklungen hatten.
Kavinskys größte Leistung war deshalb nicht die Erfindung eines neuen Sounds. Seine musikalischen Bestandteile waren längst vorhanden: Giorgio Moroder, French Touch, Videospielmusik, Horrorfilm-Synthesizer und der amerikanische Autokult. Er verband sie aber zu einer Erzählung, die so geschlossen war, dass sie im Rückblick wie der Ursprung des Synthwave erscheint. Damit wurde er zur Schlüsselfigur eines Genres, das seine eigene Vergangenheit gewissermaßen nachträglich erfand. Synthwave erinnerte sich an Achtzigerjahre, die es in dieser Reinheit nie gegeben hatte: eine endlose Nacht aus Neonröhren, Testarossas, VHS-Schlieren, Palmen und feuchten Großstadtstraßen. Kavinsky war ihr überzeugendster Geisterfahrer.
Dass "Nightcall" 2024 bei der Abschlussfeier der Olympischen Spiele im Stade de France erklang, war die endgültige staatliche Kanonisierung. Aus dem untoten Außenseiter des Bloghouse-Zeitalters war französisches Kulturerbe geworden. Zwei Jahre später starb Belorgey mit nur 50 Jahren; die Pariser Staatsanwaltschaft leitete eine Untersuchung zur Todesursache ein und fand zunächst keine verdächtigen Umstände. Man kann seine Diskografie als schmal bezeichnen. Man kann aber ebenso fragen, wie viele Künstler mit hundert Veröffentlichungen eine einzige derart vollständige Welt erschaffen haben. Kavinsky hinterließ keine gewaltige Werkmasse. Er hinterließ etwas Selteneres: einen Song, bei dem nach wenigen Sekunden ein ganzer Film im Kopf beginnt.
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