Vierter Teil der indischen Elektrogeschichte: Indische elektronische Musik heute III
Wer verstehen will, wie weit indische elektronische Musik inzwischen reicht, sollte den Club zuletzt ganz verlassen. Kollektive wie ONNO dokumentieren eine Szene aus Noise, elektroakustischer Musik, Field Recordings, Ambient, abstrakten Beats und Arbeiten, die eher in Galerien, improvisierten Räumen oder Kopfhörern funktionieren als auf einem Festivalmainstage.
Die ONNO-Compilation "20g" versammelt 20 Acts aus verschiedenen Teilen Indiens auf rund 90 Minuten. Das Label bezeichnet die Veröffentlichung selbst als Klangkarte der äußeren Ränder der elektronischen und experimentellen Szene. Dazu gehören ORIENTAL SYSTEMS, Disco Puppet, Pardafash, Taka Dao, Priyaji, philterSoup, kidisinthejungle und viele weitere. Die Musik besitzt keinen gemeinsamen Stil – und genau darin liegt ihre dokumentarische Bedeutung.
ORIENTAL SYSTEMS arbeitet mit rituell anmutenden elektroakustischen Texturen. Disco Puppet presst kaputte Beats, Noise und Lo-Fi-Pop in kurze, nervöse Formen. Pardafash bleibt näher an Clubrhythmen, lässt sie aber martialisch, industriell und beschädigt erscheinen. Andere Beiträge bestehen aus Field Recordings, Stimmen, Drones und abstrakten Klangflächen, die sich jeder nationalen oder genrebezogenen Sortierung widersetzen.
Parallel dazu entsteht mit Algorave India eine kleine, aber bemerkenswert zeitgemäße Verbindung aus Musik, Code und visueller Kunst. Auf der ersten Compilation verwenden die beteiligten Künstler unter anderem TidalCycles, Sonic Pi, Max/MSP und generative Syntheseverfahren. Die Musik wird durch Algorithmen erzeugt, verändert oder während des Spielens neu zusammengesetzt. Zu jedem der zehn Tracks entstand außerdem ein programmierter Zine-Beitrag, der nicht bloß illustriert, sondern selbst als generatives System funktioniert.
Algorave klingt in der Theorie gern nach einer Veranstaltung, bei der Informatiker anderen Informatikern dabei zusehen, wie Textzeilen über eine Leinwand laufen. Das muss es nicht sein. Live Coding macht einen Teil jener Produktionsprozesse sichtbar, die in gewöhnlicher elektronischer Musik hinter Benutzeroberflächen verschwinden. Der Code wird zum Instrument, Fehler werden zu Improvisationen, und der Algorithmus ist nicht der unsichtbare Spotify-Dämon, sondern ein offen manipulierbares musikalisches Material.
Auch hier ist die indische Perspektive nicht bloß durch Samples oder rhythmische Herkunft markiert. Entscheidend ist, dass Künstler aus Indien und der Diaspora globale Open-Source-Werkzeuge in lokale Netzwerke aus Kunsthochschule, Club, Design, DIY-Label und experimenteller Aufführung einbauen. „Indisch“ bezeichnet weniger einen Klang als eine Situation, in der bestimmte Menschen, Städte, Sprachen und technischen Möglichkeiten aufeinandertreffen.
Damit endet unsere Reise durch die elektronische Musik Indiens ausgerechnet dort, wo jede übersichtliche Landkarte unbrauchbar wird. Wir haben Techno, Bass, Pop, Folk, Qawwali, Noise, Ambient und programmierte Musik gefunden – aber keinen einzelnen Klang, der all dies glaubwürdig zusammenfassen könnte. Das ist kein Scheitern der Reihe, sondern ihr eigentliches Ergebnis. „Indische Electronica“ ist kein Genre. Sie ist ein Stromnetz aus Städten, Sprachen, Traditionen, Clubs, Laptops, Instrumenten, Diasporas und persönlichen Obsessionen.
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