François Bayle: Das Murmeln der Höhle
Eine Höhle ist ein Tonstudio, das bereits einige Millionen Jahre vor der Erfindung des Tonbands gebaut wurde. Sie besitzt Wände, Resonanzen, natürliche Verzögerungen und eine bemerkenswerte Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, ob das Ergebnis gefällig klingt. Als François Bayle 1969 in der Jeita-Grotte nördlich von Beirut ein Konzert zur Eröffnung der neu erschlossenen oberen Höhlenräume gab, fand er deshalb nicht bloß einen eindrucksvollen Aufführungsort. Er fand ein Instrument. Wir dürfen es angesichts der Wiederveröffentlichung des Albums erneut mit ihm entdecken.
Bayle nahm die Geräusche der Höhle auf und verarbeitete sie nach seiner Rückkehr in den Pariser Studios der Groupe de Recherches Musicales gemeinsam mit elektronischen Effekten und den damals neuen Synthesizern des GRM zu "Jeîta Ou Murmure Des Eaux". Die nun neu aufgelegte Komposition besteht aus 17 kurzen Teilen und dauert knapp 40 Minuten. Ihre Titel handeln von Wasser, versteinerten Glocken, Schattenmündern, Orakeln und einem rätselhaften Schiff namens "Nadir". Das klingt nach esoterischer Höhlendichtung, besitzt aber musikalisch erstaunlich wenig touristische Romantik. Im Video übrigens in der 2012er-Version, die Bandcamp-Verlinkung zeigt die aktuelle.
"Jeîta" ist keine Naturaufnahme, der nachträglich ein Synthesizer untergeschoben wurde. Bayle dokumentiert die Höhle nicht. Er zerlegt sie, vervielfacht sie und baut aus ihren Resonanzen eine zweite, vollständig imaginäre Höhle. Wasser tropft nicht einfach. Es beginnt zu sprechen, zu rattern, zu glitzern und sich in Schwärme elektronischer Kleinstlebewesen aufzulösen. Die Wände antworten auf Geräusche, die in der wirklichen Jeita-Grotte nie erklungen sind.
Damit ist das Werk ein frühes Musterbeispiel für Bayles akusmatischen Ansatz. Akusmatisch hören bedeutet zunächst, einen Klang wahrzunehmen, ohne seine Quelle zu sehen. Im Konzertsaal steht kein Musiker auf der Bühne, dessen Handbewegungen erklären, warum es gerade knirscht, zischt oder dröhnt. Der Lautsprecher liefert nur das Ergebnis. Der Hörer muss selbst entscheiden, ob er Wasser, Metall, Tier, Maschine oder bloß eine elektrische Veränderung hört.
Eine Höhle ist für diese Art des Hörens der ideale Ort. Schon ein natürlicher Widerhall trennt ein Geräusch von seinem Ursprung. Der eigene Schritt kehrt als fremder Laut zurück. Ein Tropfen scheint von überall gleichzeitig zu kommen. Bayle muss den Raum deshalb nicht erst geheimnisvoll machen. Er verstärkt lediglich dessen grundsätzliches Misstrauen gegenüber eindeutig lokalisierbaren Klängen.
Das erinnert tatsächlich an Platons Höhlengleichnis: Wir hören Projektionen und versuchen aus ihnen auf eine Wirklichkeit zu schließen, die wir nicht unmittelbar erreichen können. Bei Bayle bleibt diese Philosophie erfreulicherweise körperlich. Man muss kein Seminar über Erkenntnistheorie besucht haben, um zu spüren, wie sich die Größenverhältnisse verschieben. Winzige Geräusche wachsen zu Landschaften; ein Hallraum scheint plötzlich im Inneren des Kopfes zu liegen; aus Wasser wird Architektur.
Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung wirkt "Jeîta Ou Murmure Des Eaux" deshalb nicht wie ein museumsreifes Frühwerk der Elektronik. Im Gegenteil: Die Verbindung aus Field Recordings, synthetischen Klängen und räumlicher Täuschung könnte ebenso gut aus einer heutigen Installation stammen. Nur dass Bayle weder ein Plug-in für künstlichen Hall noch eine unendliche Bibliothek vorgefertigter Texturen zur Verfügung hatte. Er musste seine Höhle noch selbst zum Denken bringen.
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