Vierter Teil der indischen Elektrogeschichte: Indische elektronische Musik heute I
In den bisherigen Teilen unserer Indienreihe ging es um Clubs, Bassmusik, Techno, Goa, Diaspora, große Dance-Formate und die Frage, wie sich eine elektronische Szene in einem Land beschreiben lässt, dessen Größe schon jede einfache Zusammenfassung lächerlich macht. Zum Abschluss verlassen wir nun den geraden Weg zur Tanzfläche.
Die interessanteste indische Elektronik entsteht gegenwärtig häufig dort, wo niemand mehr eindeutig sagen kann, ob es sich um einen Song, eine Klanginstallation, eine Folkaufnahme, ein Popstück oder ein Programmierexperiment handelt. Gerade hier zerfällt auch die bequeme Vorstellung eines einheitlichen "indischen Sounds".
Indische Electronica wurde international lange vor allem dann wahrgenommen, wenn sie entweder sehr clubtauglich war oder deutlich erkennbare traditionelle Klangmerkmale mitlieferte. Eine neue Generation von Produzentinnen und multidisziplinären Künstlerinnen umgeht diese Erwartungen. Piano, Gesang, Field Recordings, Noise, Art-Pop und elektronische Texturen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Die Musik klingt nicht deshalb indisch, weil nach zwei Minuten eine Tabla erscheint. Sie ist indisch, weil sie in Delhi, Mumbai, Ladakh, Goa, Kolkata oder Gangtok aus bestimmten Biografien, Sprachen und künstlerischen Netzwerken entsteht.
Zu dieser losen Welle gehören unter anderem Sijya, Sanaya Ardeshir alias Sandunes, Ruhail Qaisar, Karshni, Skulk, KAVYA, Sanoli Chowdhury und Yuhina. Einige kommen aus der Clubmusik, andere aus Folk, Noise, bildender Kunst, klassischem Piano oder Songwriting. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Elektronik nicht als Genre, sondern als Werkzeugkasten behandeln. Stimmen, Melodien und Texte rücken wieder ins Zentrum, ohne dass die Produktion zur bloßen Begleitung herabsinkt.
Sijya besitzt dabei vielleicht den stärksten internationalen Anschluss. Die Produzentin und bildende Künstlerin aus New Delhi veröffentlicht bei One Little Independent, dem Labelumfeld von Björk, und baut auf ihrer EP "Leather & Brass" einen düsteren, industriell angehauchten Art-Pop aus Gitarrenpedalen, bearbeiteter Percussion, Stimmen und metallischen Oberflächen. Ihr Stück "Tabla" benutzt das namensgebende Instrument gerade nicht als leicht identifizierbares Herkunftssymbol. Es wird komprimiert, verformt und in eine abstrakte Klangstruktur verwandelt.
Sanaya Ardeshir wiederum hat nach vielen Jahren als Sandunes erstmals unter ihrem bürgerlichen Namen veröffentlicht. "Hand Of Thought" verbindet ihre Ausbildung am Klavier mit elektronischer Komposition, Blechbläsern, Tabla und beinahe filmmusikalischer Weite. Das Album bezieht sich auf ihre parsische Familiengeschichte, ohne daraus folkloristische Illustration zu machen.
Ruhail Qaisar aus Ladakh steht am dunkelsten Rand dieser Entwicklung. Auf "Fatima" treffen Schreie, Sprachaufnahmen, industrielle Synthesizer, Drohnen und Field Recordings auf Erfahrungen von Konflikt, Kolonisierung, Gewalt und Selbstzerstörung. Seine Musik ist mystisch, ohne beruhigend zu sein. Die Landschaft erscheint nicht als schöner Himalaja-Hintergrund, sondern als Speicher politischer und persönlicher Verwundung.
Karshni verarbeitet in elektronisch gebrochenen Songformen Körper, Begehren, Grooming und Übergriffe. Skulk bringt absurdistischen Art-Pop, mittelalterlich anmutende Bildwelten und Laurie Anderson-artige Verschrobenheit zusammen. KAVYA bewegt sich mit futuristischem R'n'B, Glitch und bedrohlichen Synthesizern näher am alternativen Pop. Yuhina verbindet schließlich buddhistische Gesänge, Glocken, Synth-Pop und tiefe Stimmen zu einer Form spiritueller Electronica, die gefährlich nah am Retreat-Sound liegt, aber meist rechtzeitig einen störenden Bass findet. Viel Gutes los auf dem Subkontinent.
Noch keine Kommentare