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Google mischt mit bei Elektro-Musik-KI

Suno war leicht als Eindringling zu erkennen: ein aggressiv wachsendes Start-up, das aus Textbefehlen vollständige Songs ausspuckt und dabei offenbar nicht übermäßig sentimental mit der Frage umging, woher es musikalische Formen, Stimmen und Strukturen kennt. Bei Google sieht die Sache anders aus. Google dringt nicht in den Musikmarkt ein. Google legt sich um ihn herum.

Mit Lyria 3.5 verspricht der Konzern verbesserte Melodien, verständigere Texte, realistischere Stimmen und genauere Kontrolle über Tempo und Dauer. Über die Programmierschnittstelle lassen sich bereits vollständige Stücke mit Strophen, Refrains, Bridges und 44,1-Kilohertz-Stereoton generieren. Das klingt noch nach einem weiteren KI-Musiktool. Entscheidend ist aber, wer es anbietet.

Google betreibt mit Search, YouTube, Android, Play, Gemini, Cloud und seinem Werbegeschäft bereits wesentliche Teile der Infrastruktur, über die kulturelle Produkte gefunden, konsumiert, verbreitet und finanziert werden. Lyria ist deshalb nicht bloß ein neuer Konkurrent für Ableton, Logic oder Suno. Es ist ein Baustein in einem System, das die Herstellung von Musik direkt mit den Orten verbinden kann, an denen Musik benötigt, ausgespielt und vermarktet wird.

Google muss mit Lyria nicht den nächsten Aphex Twin erschaffen. Der viel größere Markt besteht aus Millionen Situationen, in denen irgendjemand einfach 'passende Musik' braucht: für ein Video, eine Werbung, einen Podcast, ein Urlaubsvideo, eine Präsentation, eine Spiele-App, eine Yogaübung, einen Unternehmensfilm oder eine dreißigsekündige Hundekamera-Aufnahme. Bisher griff man dafür auf Bibliotheksmusik, Stock-Kataloge, billige Auftragsarbeiten oder lizenzierte Stücke zurück. Künftig erzeugt die Plattform für jeden einzelnen Verwendungszweck ein neues, hinreichend passendes Stück.

Damit verändert sich auch die Bedeutung musikalischer Originalität. Ein Song muss nicht mehr veröffentlicht, bekannt oder wiedererkannt werden. Er muss nur für exakt 43 Sekunden die richtige Temperatur besitzen. Musik wird vom kulturellen Gegenstand zur situativ generierten Funktion - ähnlich einem Hintergrundbild, einer Übersetzung oder einer automatisch erstellten Zusammenfassung.

Die klassische DAW wird deshalb nicht verschwinden. Gitarren verschwanden schließlich auch nicht, als Synthesizer erfunden wurden. Sie könnte aber ihren Status als selbstverständlicher Mittelpunkt der Musikproduktion verlieren. Für einen großen Teil der Nutzer wird 'Musik machen' nicht mehr bedeuten, Spuren anzulegen, Klänge auszuwählen und Arrangements zu bauen. Es wird bedeuten, einer Plattform zu beschreiben, was man gern hören möchte, und anschließend zwischen vier Ergebnissen zu wählen.

Das eigentlich Beunruhigende an Lyria ist daher nicht, ob Googles Musik schon gut genug klingt. Es ist, dass Google Qualität notfalls durch Bequemlichkeit ersetzen kann. Wer Betriebssystem, Suchmaschine, Videoportal, KI-Assistent, Cloud und Werbeausspielung kontrolliert, muss nicht das beste Musikprogramm bauen. Er muss es nur zum Standardknopf machen. Musiker konkurrieren dann nicht mehr allein mit anderen Musikern oder mit KI-generierten Songs. Sie konkurrieren mit der Frage: Warum überhaupt noch nach Musik suchen, wenn Google sie im selben Moment herstellen kann?

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