Schnipps mit FINGERGAP
Canto-Pop und Chicago Footwork erscheinen zunächst wie zwei Zutaten, die nur jemand zusammenmischt, um anschließend in einem Pressefoto sehr zufrieden vor einem Modularsystem zu stehen. Das eine lebt von großen romantischen Melodien, sorgfältig gesetzten Worten und seidigen Stimmen. Das andere jagt mit rund 160 BPM durch zerhackte Rhythmen, synkopierte Kicks und abrupt geschnittene Samples. Daraus kann entweder etwas Neues oder musikalischer Erdbeer-Matcha-Latte entstehen. Auf "One Bit Faster / One Song Away" gelingt Carson Leung aka FINGERGAP eindeutig die erste Variante.
Der in Hongkong lebende Produzent behandelt den Gegensatz nicht als Gimmick. Er legt nicht einfach einen sentimentalen Gesang über einen Footwork-Beat und wartet darauf, dass die bloße Fremdheit Eindruck macht. Vielmehr erkennt er, dass beide Stile eine eigentümliche Form von Dringlichkeit besitzen. Canto-Pop möchte Gefühle so präzise formulieren, dass sie melodisch und sprachlich zugleich funktionieren. Footwork beschleunigt den Körper, bis jede Emotion wie unter Strom steht.
DJ Rashad hatte auf "Double Cup" gezeigt, dass beschleunigte, zerschnittene Samples ihre Zärtlichkeit nicht verlieren müssen. FINGERGAP führt diesen Gedanken in einen spezifisch Hongkonger Zusammenhang weiter. Er konserviert die Sentimentalität des Canto-Pop nicht trotz des Footwork, sondern durch dessen Energie.
Das Ergebnis ist eine kleine, sehr schöne EP über das Vermissen, Festhalten und Vorwärtsstolpern. Romantik wird hier nicht durch Langsamkeit ausgedrückt. Manchmal fühlt sich Sehnsucht eben nicht wie eine Ballade an, sondern wie ein Herz, das bei 160 BPM versucht, die richtigen Worte zu finden.
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