Seite 8 von 22

Moskau: War On The Dancefloor

Das Moskauer Outline Festival sollte sechs Tage dauern. Es dauerte nicht einmal bis zum Beginn. Am 21. Juli sagten die regionalen Behörden die Veranstaltung wegen drohender ukrainischer Drohnenangriffe ab. Neben russischen DJs waren mit DJ Pierre, Daniel Bell, A Guy Called Gerald und Atom™ auch mehrere internationale Künstler angekündigt.

Damit erledigte sich auf brutale Weise eine Illusion, die Teile der elektronischen Musikszene seit Beginn des russischen Angriffskriegs gepflegt haben: Ein DJ-Set sei grundsätzlich unpolitisch, solange der Künstler zwischen zwei Tracks keine Fahne schwenkt. Man könne in Moskau auftreten, sein Honorar nehmen und behaupten, mit der russischen Politik nichts zu tun zu haben.

Outline war für diese Ausrede ohnehin ein denkbar schlechter Ort. Bei der Ausgabe 2023 hatten Besucher über militärische Rekrutierungsstände und prorussische Symbole berichtet. Wer dort als internationaler Künstler auftritt, spielt nicht einfach für einige unschuldige Technofans in einem neutralen Paralleluniversum. Er leiht einer Veranstaltung Sichtbarkeit und Normalität in einem Staat, der Krieg führt und Kultur systematisch für die Erzählung benutzt, das gesellschaftliche Leben gehe unbeirrt weiter.

Die Absage zeigt nun, dass sich der Krieg nicht dauerhaft aus dem kulturellen Bild schneiden lässt. Er erscheint nicht mehr nur in Boykottaufrufen, Einreisebestimmungen und peinlichen Interviewfragen. Er greift unmittelbar in den Ablauf ein. Flugobjekte im Moskauer Umland interessieren sich nicht dafür, ob ein Künstler seinen Auftritt als kulturellen Austausch, private Entscheidung oder unpolitische Begegnung versteht.

Das macht die Sache nicht angenehmer, aber ehrlicher. Elektronische Musik ist in den vergangenen Jahrzehnten global geworden, weil sie Grenzen mühelos überschritt. Diese Beweglichkeit wurde gern mit Freiheit verwechselt. Tatsächlich beruhte sie auf Visa, Flugverbindungen, Zahlungsströmen, stabilen Staaten und der stillen Annahme, dass politische Konflikte draußen bleiben, sobald im Club das Licht ausgeht. Diese Annahme gilt nicht mehr. Wer heute in Russland auftritt, trifft eine politische Entscheidung – auch dann, wenn sie hauptsächlich finanziell motiviert ist und anschließend mit der universellen Sprache der Musik bemäntelt wird.

Seite 8 von 22

Weiterlesen

Noch keine Kommentare