TikTok definiert Aphex Twin neu
Gut, bei "Aphex Twin wird auf TikTok entdeckt" hätte ich selbst mit den Augen gerollt. Die wirkliche Geschichte ist besser. Zum 25. Geburtstag bringt Warp "Drukqs" am 30. Oktober erstmals seit Ewigkeiten wieder regulär auf Vinyl, CD und Kassette heraus. Das Album war 2001 keineswegs der unangefochtene Klassiker, als der es heute gelegentlich behandelt wird: Metacritic kommt aus 21 damaligen Kritiken auf lediglich 66 Punkte, neun davon waren gemischt. "Drukqs" galt vielen eher als überlanger, fragmentarischer Festplattenauswurf eines Genies als dessen nächster großer Sprung.
Dann gibt es da "QKThr": 87 Sekunden trauriges Harmonium, seinerzeit kaum der Track, mit dem man jemandem Aphex Twin erklärte. Heute zählt das Stück dank seines TikTok-Nachlebens zu den zentralen Nummern des gesamten Katalogs. Spotify weist inzwischen mehr als 138 Millionen Streams aus – mehr als "Xtal", "Alberto Balsalm", "Windowlicker" oder "Flim". Nur "Avril 14th" liegt unter James' großen Streaming-Dauerbrennern noch klar davor.
Das finde ich interessant. TikTok macht nicht einfach alte Musik wieder populär. Es kann innerhalb eines längst kanonisierten Werks nachträglich entscheiden, welche Stücke die Klassiker sind. Früher erledigten das Magazine, DJs, Best-of-Platten und zwanzig Jahre Musiknerd-Konsens. Heute reichen manchmal 87 Sekunden und ein paar Millionen vertikale Videos. Richard D. James dürfte vermutlich genau die falsche Person sein, um sich darüber zu wundern.
1 Kommentar
Drukqs war schon ein geiles Teil, das Konzept wirkte sehr geschlossen. Jeder Andere hätte daraus pure Langeweile produziert. Das kann AFX nicht passieren!
Musikalisch ist das nicht immer unterhaltsam, wahrscheinlich rotiert die Platte sogar sehr selten im Player. Aber Kunst definiert sich nicht dadurch, ob es unterhält und wie oft es gehört wird. Aphex definert die Blaupause für solche Musik, von der alle anderen Künstler partizipieren