Throbbing Gristle: Mission doch nicht beendet
1976 stellten Throbbing Gristle im Londoner ICA ihre berüchtigte "Prostitution"-Schau aus. Pornografie, gebrauchte Tampons, Cosey Fanni Tuttis Sexarbeit und natürlich Krach: Das genügte dem konservativen Abgeordneten Nicholas Fairbairn, die Gruppe im Parlament als "wreckers of civilisation" zu beschimpfen; tolle PR. Fünfzig Jahre später lädt dasselbe ICA zur Jubiläumsfeier. Chris Carter und Cosey Fanni Tutti kommen zum Gespräch, dazu Filme, Musik, Fan-Erinnerungen – und selbstverständlich neues Merchandise. So vollständig kann die Kulturgeschichte gewinnen.
Wobei die übliche Erzählung von Throbbing Gristle als vier Leuten, die Industrial erfanden, inzwischen fast zu klein ist. Besonders interessant ist rückblickend, wie viel elektronische Pop- und Clubmusik bereits in ihrem Krach steckte. Wer das überprüfen möchte, muss nicht einmal mit "Hamburger Lady" anfangen. Hören wir doch mal rein in meine throbbing Schatulle:
"AB/7A" (1978)
Mitten in "D.o.A." liegt plötzlich dieses kleine Wunder. Jedes TG-Mitglied bekam dort einen Solotrack; Chris Carter programmierte für seinen einen Roland-System-100-Sequencer, der einen SH-3 und sein Modularsystem ansteuerte. Heraus kam ein hypnotisch pulsierendes Synth-Stück, das neben dem restlichen Elend beinahe sonnig wirkt.
Das Bemerkenswerte ist weniger, dass "AB/7A" heute noch gut klingt. Es klingt erschreckend wenig nach 1978. Arpeggios, Sequenzen und dieses permanente Vorwärtsrollen könnten mit ein paar kosmetischen Eingriffen auch auf einer IDM-, Kosmische- oder Synth-Platte Jahrzehnte später landen.
"Walkabout" (1979)
"20 Jazz Funk Greats" ist ohnehin die Platte, auf der TG herausfanden, dass Verstörung viel effektiver sein kann, wenn man zwischendurch tatsächlich schöne Musik macht. "Walkabout" treibt das am weitesten: drei Minuten instrumentaler Synthpop, glasklar, federnd und beinahe optimistisch.
Gerade deshalb ist der Track wichtig. Industrial bedeutete bei TG eben nie zwingend Metallklopfen und Geschrei, sondern zunächst einmal die Freiheit, mit elektronischem Material zu machen, was gerade interessant erschien. "Walkabout" führt direkt zu jener späteren Linie aus Minimal Synth, Electronica und Techno, bei der die Maschine nicht Bedrohung, sondern Lustobjekt wird.
"Adrenalin" (1980)
Noch ein Jahr später und man ist endgültig in einer alternativen Popgeschichte angekommen. "Adrenalin" erschien 1980 als Single und reduziert TG auf Sequenz, Rhythmus, synthetischen Puls und gerade genug Melodie, um das Ganze fast als Hit durchgehen zu lassen.
Fünfzig Jahre nach "Prostitution" lässt sich deshalb schön feststellen: Die "wreckers of civilisation" haben die Zivilisation nicht zerstört. Sie haben nur einen erstaunlich großen Teil ihrer späteren elektronischen Musik vorweggenommen.
Noch keine Kommentare