laut.de-Kritik
Unrund wie ein Viereck.
Review von Franz MauererNach sechs Alben zwischen sprödem Detroit-Post-Punk und immer weiter ausgreifendem Outsider-Rock stellt sich die Frage, wie viel Freiheit die Musik von Protomartyr verträgt, ohne ihre eigentümliche Hässlichkeit zu verlieren. "Formal Growth In The Desert" hatte die Kanten etwas abgeschliffen und wirkte dabei stellenweise zu brav. Auf "Hotel Usona" gehen Protomartyr wieder mehr Risiko ein.
Dave Fridmann, der unter anderem mit den Flaming Lips und MGMT gearbeitet hat, zieht die Musik in die Breite, während Greg Ahee Einflüsse aus Middle-Eastern Music und Fifties-Exotica einbauen will laut Pressetext; da würde man jetzt von selbst nicht direkt drauf kommen, aber ja: Der Wille zur Erweiterung ist zweifellos da. Und diese Gitarrenarbeit, die sich meist in mehr und dominanterer einzelner melodischer Gitarrenfigur äußert, passt erstaunlich gut zu Joe Caseys Albumkonzept eines heruntergekommenen Amerika als altem Hotel, in dessen Zimmern jeweils ein anderer unangenehmer Gast sitzt: moderne Lähmung, KI, Abschiebung, verdrehter Patriotismus, Gewalt, politische Opportunisten und schließlich die Angst davor, in all diesem Durcheinander auch noch Vater zu werden.
Caseys Texte sind weiterhin hervorragend: voller kleiner Verschiebungen, böser Beobachtungen und halb ausgesprochener Zusammenhänge. Er erklärt kaum, er lässt Dinge gegeneinanderstoßen. Gerade "Sounds We Cannot Hear" ist darin großartig, weil Arbeit, Schuld und die Bequemlichkeit des Wegsehens fast beiläufig ineinanderfallen. Andere Bands würden daraus eine Botschaft machen; Casey macht daraus schlechten Schlaf.
Die Scheibe beginnt beinahe perfekt. "The Old Hotel", "Sounds We Cannot Hear" und "Converts" konservieren Protomartyr musikalisch at their best, geben der Band aber mehr Luft, Melodie und Spielfreude. Der alte Druck bleibt, ebenso Joe Caseys stumpfe Agonie, nur haben die Songs mehr Raum zum Atmen. Die Band erweitert ihr Vokabular, ohne voreilig das alte Gewand abzustreifen.
Danach hängt das Album durch. "Exalted Eagles" ist mit seinem linkischen Percussion-Rhythmus immerhin noch speziell und entwickelt einige schöne Druckpassagen, doch Rhythmus und Komposition arbeiten eher gegeneinander. "The Knife Dream" ist noch weirder, aber auch abgehoben: Bläser, Piano, Background-Scatting – wie ein Satinhimmel über einem alten Bett. Zu viel Ausstattung, zu wenig Luft, ein bisschen bourgeois. Protomartyr vermieden als Feuilletonlieblinge konsequent, Artrock zu machen; hier kriecht das Kunstgespenst in die Komposition. Protomartyr wirken noch nicht geübt darin, den Regler ein wenig nach oben Richtung Freiheit zu stellen. "Feed The Sewer" will es anschließend zu sehr, hier kommt "der harte Song". Viel Lärm, erstaunlich wenig Druck, besonders die Bridge wirkt unbeholfen und selbst Casey scheint sich im Track nicht recht wohlzufühlen. Trotzdem blitzen großartige Momente auf; stellenweise klingt das, als würden Boards Of Canada Alt-Rock machen. Ein Song, so unrund wie ein Viereck und damit natürlich passend zu dieser Band.
"Lavender – Gospel" ist dagegen schlicht selbstgenügsamer Quatsch, der faul im eigenen knöcheltiefen Sud watet. Um so schöner, dass "Third Country" die Spielfreude zurückbringt. Vor allem dieser harmonikaartig jaulende Bläsersound ist fantastisch – selbst in Pisa fänden sie den noch schief.
"Checking Out" ist ähnlich unnötig wie "Lavender – Gospel". Wie schon ein paar Mal in der Mitte des Albums passen die Drums nicht recht zum Rest, während sich die Band in den falschen Sound-20er-Detektivfantasien verliert und dabei die Dynamik opfert, die sie auszeichnet.
So bleibt ein erstaunlich zweigeteiltes Album: überambitioniert und stellenweise prätentiös, aber auch deutlich prägnanter als der zu brave Vorgänger. Protomartyr riskieren mehr und scheitern entsprechend häufiger. Auf gewohntem Qualitätsniveau ist das trotzdem.


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