laut.de-Kritik

Vertraute Melodien braucht der Mensch!

Review von

"Man geht einfach von einer Sache zur nächsten, und plötzlich sind 30 Jahre vergangen." (Norman Blake)

"Do Not Dare To Dream" von Teenage Fanclub aus Schottland klingt auch bei Untergangsstimmung immer noch positiv und fröhlich und kommt also genau zur richtigen Zeit. Das Album ist eine Umarmung und die Erinnerung daran, dass nicht alles komplett am Arsch ist. Es zeigt auch, dass man irgendwann im Leben ankommt und sich nichts mehr beweisen muss.

Teenage Fanclub beglücken uns schon seit den 80ern mit ihren großen Melodien und begleiteten uns vor allem in den 90ern in guten und in schlechten Zeiten. Auf ihrem Debüt A Catholic Education gab es noch mehr Schrammel-Gitarre und auf Howdy im Jahre 2000 dann mehr Pophymnen.

Die schottische Gelassenheit wird auch hier wieder ganz groß geschrieben. "There Was You" beginnt mit einem klassischen Akustikgitarrensolo, bevor die bekannte Stimme einsetzt und harmonisch zu einer Ballade aufblüht, die Traurigkeit zulässt, aber gleichzeitig auch Spannungen nimmt. Mit Backgroundgesang und allen anderen Bandmitgliedern baut sich der Song auf und verlässt das Ohr so schnell nicht mehr. "I was broken and loose, with my head in the noose. I was ready to give up the ghost. But at last I was found, when it all turned around. With a letter from you in the post."

Norman Blake und Raymond McGinley sind die Songschreiber und das Kernstück der Band und wagen die Zerreißprobe zwischen Herzschmerz und Versöhnung. Ihr Gesang und Gitarrenspiel harmonieren seit 1989, als sie gemeinsam mit Gerard Love und Francis MacDonald die Band gründeten. Gerard verließ 2018 die Band. Francis, der auch mal bei BMX Bandits am Schlagzeug saß, machte zwischendurch Pause, um sich seinem Soloprojekt Nice Man und dem eigenem Label Shoeshine Records zu widmen. Vorwiegend schwingt er aber lässig bei Teenage Fanclub die Stöcke und sorgt für einen guten Rhythmus, gemeinsam mit Bassist David McGowan. Seit 2019 ist Euros Childs als Keyboarder mit dabei.

Alle musizieren gemütlich miteinander und es braucht keine größere Aufmerksamkeit. Das ist bei all dem Hallo-Ich-Bin-Hier-Und-Muss-Mich-Ganz-Besonders-In-Den-Vordergrund-Drängen-Alltag sehr angenehm. Teenage Fanclub spenden Trost und erinnern an die kleinen Momente, die man im Alltag einbauen und genießen sollte, denn "Nothing Lasts Forever".

"Tomorrow People" fällt mit über fünf Minuten fast schon aus der Rolle der kurzen Glücksgefühle. Nach zwei Minuten gibt es einen kleinen Break und es beginnt quasi der zweite Teil des Songs. " Tomorrow people know. Where the rainbow ends. We’ll live in happiness. While the world descends." Der Sound einer Kirchenorgel erklingt in "Over And Over". Die stand im Studio auf Great Bernera, einer schottischen Insel, auf der das Album aufgenommen wurde. Dieser Ort trägt sicherlich auch zu dieser entspannten Stimmung bei, obwohl das raue Seewetter auch für stürmische Momente sorgte.

In jedem Stück schimmert ein bisschen die warme Herbstsonne durch und man sieht die Musiker an ihren Instrumenten, die dazu eine Tasse Tee trinken und die Welt da draußen für ein paar Stunden vergessen. "Day In The Sun" ist so ein typischer Moment des Weekend-Feelings. Das ist die Magie von Teenage Fanclub. Sofort erkannt und für gut empfunden. Mehrstimmiger Gesang und vertraute, eingängige Melodie.

Früher war mehr Pixies, jetzt ist mehr der Sound von Tindersticks angesagt, aber mit weniger Melancholie. Die leichten Power-Folk-Pop Stücke mögen für einige belanglos klingen, aber für andere sind sie genau die Töne, die in dieses Stimmungsbild passen. So wie auch der Titeltrack "Do Not Dare To Dream". Die Herren von Teenage Fanclub haben schon einige Hürden, Ehen und Verluste hinter sich. Die Musik spiegelt die Seele wider und die Freude am Leben hört man hier trotzdem zwischen den Zeilen. Vielleicht träumt man weniger von der Zukunft und genießt lieber den Moment.

Freuen kann man sich auch auf die Live-Konzerte, die zum neuen Album anstehen. Für das Artcover der Platte holten sich die Schotten den walisischen Künstler H. Hawkline ins Boot. Er macht selbst Musik und begleitet dabei auch gerne die Musikerin Aldous Harding. Und man sollte auch erwähnen, dass "Do Not Dare To Dream" auf Merge Records (Superchunk) erscheint. Und jetzt alle mal schön entspannen, Tee trinken und abschalten!

Trackliste

  1. 1. There Was You
  2. 2. Tomorrow People
  3. 3. Over And Over
  4. 4. Be With You Tonight
  5. 5. The Same Air
  6. 6. I Do Not Dare to Dream
  7. 7. Take Time
  8. 8. Day In The Sun
  9. 9. Somewhere To Land
  10. 10. Young And Wise

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