laut.de-Kritik

Prog im Pop-Pelz.

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Prog ist per definitionem ein vielseitiges Genre, das zeigt auch die Entwicklung über die Jahre und Ausdifferenzierung in verschiedenste Stile. Der Grenzen sprengenden Goldgräber-Glanzzeit in den Siebzigern folgte die Domestizierung in den Achtzigern durch fassbare Songformate und Synthesizer-Sounds. Dabei haben viele Bands beide Phasen durchlaufen, am ohrenfälligsten an den Beispielen Genesis, Yes, Pink Floyd und Rush nachzuhören.

The Pineapple Thief ordnen sich der songorientierten Denke zu und verzichten auf Quintenzirkeltrainings, mehrteilige Epen und Instrumental-Orgien. Dies tut die Formation seit einer Dekade in fester Besetzung und frönt einer vehementen Veröffentlichungspolitik, die neben sechs Studioalben auch Re-Releases und Live-Platten beinhaltet. Nun folgt insgesamt Dreher Nr. 16 mit dem Titel "Far And Wide". Den Blick nach vorne richten Soord, Harrison, Sykes und Kitch mit einem Labelwechsel und spendieren zur Feier des neuen Vertrages einen Song mehr als beim letzten Output.

Die energetische Marschroute des Vorgängers nimmt die Artrock-Formation zum Anlass und setzt im Mix auf bewusste Reduktion der Instrumente. Live muss es klingen, ohne großen Overdub Schnickschnack. So sind etwa Riverside auf ihrem Schwanengesang "ID.Entity" verfahren. Warum große Chöre auffahren, wenn live maximal drei Leute singen? Warum in Gitarren-Orgien schwelgen, wenn es auch Lead- und Rhythmus-Besetzung tun? Gerade die Bass-Spuren von Sykes und die Kitchs kitschfreie Keys kommen durch diesen Ansatz besser zur Geltung.

"New World Order" ploppt im Stil von "Sound Of Muszak" aus den Boxen. Der Mann an den Drums gibt in beiden Songs den Takt vor, insofern sind Analogien berechtigt. Generell klöppelt Gavin Harrison auf extrem hohen Niveau, geht bei den Ananasdieben deutlich reduzierter zu Werke als bei Porcupine Tree oder King Crimson.

"Hold The Ashes", Soords lyrische Interpretation von Carpe diem, legt mit treibendem Tempo noch eine Schippe drauf und spendiert ein noisiges Solo. In "Still Living" tritt die Band auf die Bremse, Soord und Konsorten verzücken im Falsett und traumhaften Melodien, bevor die Band das Tempo anzieht und die zweite Hälfte in einem tänzelnden Metrum gestaltet.

Generell brennt das eingespielte Quartett kein Ideen-Feuerwerk ab. Der Fokus liegt auf dem Wechselspiel aus anspruchsvoller Rhythmik und melancholischen Melodien. Dies gipfelt im balladesken "Through The Noise", in dem die Band den tollen Refrain aus unterschiedlichen Dynamiken und Stimmungen ansteuert. Soord augmentiert in der Strophe die Melodie der Hook, nur um im Refrain die Töne wieder zu verdichten.

In der ersten Albumhälfte platziert das Quartett die zugänglichen Stücke, während es auf der B-Seite anspruchvoller wird, nachzuhören an dem mit flirrenden Single Notes ausstaffierten "Scattering Like Flies" oder dem atmosphärischen Ambient-artigen Closer "No Exceptions" der zum Ende hin rockig auffächert.

Die Schönheit der Musik steht im krassen Kontrast zu den textlichen Tiefen. Soord hat Unmengen Literatur verschlungen. Gerade historische Abhandlungen über die NS-Diktatur lagen auf dem Lesetisch. Soord sieht erschreckende Parallelen zu heutigen Entwicklungen. Auch die letzten Monate seines Vaters, die dieser im Krankenhaus verbringen musste, haben Spuren hinterlassen. "Trough The Noise" nimmt dieses Thema zum Anlass und bringt es mit der Musik zum Klingen.

Die abstrakte Skulptur auf dem Artwork stammt von Michael Schoenholz. Der Bildhauer sieht bereits im Steinbrocken das Kunstwerk im Entstehen. Soord und Co. bringen auf subtile und eindringliche Weise die emotionalen Mauern zum Einsturz.

Trackliste

  1. 1. New World Order
  2. 2. Hold The Ashes
  3. 3. Still Living
  4. 4. God Knows
  5. 5. This Empty Space
  6. 6. Scattering Like Flies
  7. 7. Through The Noise
  8. 8. Who Wants It?
  9. 9. No Exceptions

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