28. November 2025

"Bei Musik geht es nicht um die Charts"

Interview geführt von

Mit "Futique" erschien in diesem Jahr ihr zehntes Studioalbum: Zeit für Biffy Clyro, in unserem interview ein wenig zurückzuschauen. Doch es geht auch um die Zukunft: Ab Januar kommt die schottische Rockband endlich wieder nach Deutschland.

Es ist einfach schon 30 Jahre her, dass sich das Trio Biffy Clyro gegründet hat. So lang sie nun schon eine feste Größe im Alternative Rock sind, so sind sie sich doch ihrer Anfänge bewusst: Als 14-jährige Schüler, denen Schneeballschlachten genauso wichtig waren wie der allererste Auftritt vor ihren Eltern – eine besondere Anekdote, die die Brüder James (Bass, Gesang) und Ben Johnston (Drums, Gesang) später aus dem Gedächtnis kramen.

Allgemein geht es in unserem Gespräch viel ums Erinnern – nicht nur, weil sie jetzt offiziell alte Hasen sind, sondern weil auch ihr aktuelles Album "Futique" sich dieser Idee widmet: "zurückblicken, um vorwärts zu gehen", nennt es James. Das merkt man nicht nur textlich, sondern auch musikalisch, denn man hört darin neue Biffy, frühe Biffy und alles dazwischen. Mit all diesen Erinnerungen und Stilen gehen Biffy Clyro ab Januar auf Europa-Tour. Hierzulande ist es schon ein paar Jährchen her, dass wir sie (abseits von Festivals) auf der Bühne zu Gesicht bekamen. Also stellt sich die Frage:

Anfang 2026 kommt ihr wieder nach Europa und auch für einige Termine nach Deutschland. Freut ihr euch darauf, wieder als Headliner aufzutreten?

J: Wir können es kaum erwarten. Deutschland ist unser zweites Zuhause. Wir spielen nun schon seit etwa 20 Jahren Konzerte bei euch und haben zu einigen Leuten eine wirklich starke Verbindung aufgebaut. Das war offensichtlich ein großer Teil der Entscheidung, die Platte in Deutschland aufzunehmen. Ihr liebt einfach eure Musik und niemand versucht, zu cool zu sein. Ihr seid einfach da, um eine gute Zeit zu haben. Daher kommen wir immer wieder gerne nach Deutschland.

Wie ist das deutsche Publikum im Vergleich zu anderen – wenn man das so pauschalisieren kann?

B: Fantastisch, respektvoll. Sie engagieren sich genau im angemessenen Maße. Es gibt bestimmte Länder, in denen das Publikum zum Star der Show werden möchte, indem manche zum Beispiel anfangen, dazwischenzurufen, zu schreien und so weiter. Aber nichts davon in Deutschland. Einfach begeisterter Applaus und wunderbarer, engelsgleicher Gesang.

Du hast ja erwähnt, dass ihr das Album in den Berliner Hansa Studios aufgenommen habt. War das eine andere Erfahrung an diesem Ort?

J: Ja. Wir haben unsere letzten Alben in Los Angeles aufgenommen, was großartig war. Für uns ist es sehr wichtig, von zuhause wegzugehen, an einen Ort, an dem wir nur an Musik denken. Dann entsteht eine "Wir gegen den Rest der Welt"-Mentalität. Berlin hat dieses Gefühl noch verstärkt. Dort zelebriert man wirklich die Unterschiede und Leidenschaften der Menschen oder die Kunstwelt. Man darf sein, wer man will. Und das etwas wirklich Großartiges, um Kunst zu schaffen. Du machst dir keine Sorgen um die Telefonrechnung oder die Reparatur deines Autos. Du bist einfach da, um die beste Musik zu machen, die du kannst. Berlin wird deswegen immer einen ganz besonderen Platz in unseren Herzen haben.

Und die Hansa Studios hatten bestimmt auch ihren Einfluss auf das Album, oder? Hört man die Besonderheiten des Studios heraus?

B: Das fließt definitiv in das ein, was man macht. Ich denke, dass jedes Studio einen solchen Effekt auf die Musik hat, ob man das will oder nicht. Hier haben schon Legenden gearbeitet! Das dringt durch die Wände und schafft es auf jeden Fall auf die Platte. Und das ist auch einer der Gründe, warum wir uns entschieden haben, dort zu arbeiten. Wenn irgendwo solch unglaubliche Kunstwerke entstanden sind, legt das die Messlatte sehr hoch und man fragt sich: Können wir dorthin gehen und etwas ähnlich Besonderes schaffen wie diese Legenden vor uns?

Auch die Menschen, die dort arbeiten, sind fantastisch und talentiert. Das gesamte Equipment ist wunderbar. Wir konnten all diese alten Synthesizer und ähnliches verwenden. Es war einfach eine tolle Erfahrung, ein wundervolles Studio – und ganz anders als alle Studios, in denen wir bisher gearbeitet haben.

"Komplexität erscheint uns als Band natürlich"

Was den Stil und Sound der Platte angeht, habe ich das Gefühl, dass viele verschiedene Epochen von Biffy Clyro vereint sind. Sogar die älteren Post-Hardcore-Wurzeln scheinen in einigen Songs durch. War es eine bewusste Entscheidung, zurückzublicken? Weil es sich auch textlich wie eine Platte des Erinnerns anfühlt.

J: Ja, textlich und thematisch war das ein Teil davon: zurückblicken, um vorwärts zu gehen. Musikalisch war es aber zunächst keine bewusste Entscheidung. Ich denke, es war etwas, in das wir uns ganz natürlich hineingefunden haben. Bei der Entstehung des Albums hatte Ben irgendwann ein Drum-Pattern und wir dachten: Oh, das wollen wir nicht verwenden, denn das hatten wir schon mal. Dann meinte aber unser Produzent Jonathan Gimmel: Man kann denselben Rhythmus zweimal verwenden. Er dachte sich dieses Mantra aus: "Lass Biffy Biffy sein!"

Das haben wir in uns einsickern lassen. Wenn wir uns unsicher waren, ließen wir uns einfach gehen, ohne zu viel nachzudenken, so dass am Ende einfach der Biffy-Sound entsteht, der uns als Band auszeichnet mit all unseren Macken und Verrücktheiten. Es gibt ein paar kleine Easter Eggs auf dem Album, sowohl textlich als auch musikalisch; eine Art von Rückbesinnung auf Dinge, die wir in der Vergangenheit gemacht haben.

"True Believer" oder "Two People In Love" sind beispielweise zwar keine Mathcore-Songs, aber einige dieser Einflüsse und Prog-Elemente tauchen auf. So etwas habt ihr ja oft schon gemacht: komplizierte Taktartwechsel und so weiter. Entsteht das auf natürliche Weise als Erweiterung einer musikalischen Phrase oder ist es eine bewusste Entscheidung, um es komplexer zu machen?

B: Es ist ein bisschen von beidem. Diese Komplexität erscheint uns als Band natürlich. Wir haben unsere ersten Gehversuche mit eckiger, aggressiver Musik gemacht, die nicht ganz leicht zu verstehen war, und an die man sich gewöhnen musste, um herauszufinden, was zum Teufel abgeht. Und ich glaube nicht, dass uns das jemals verlassen hat. Ich würde nicht sagen, dass es einfach ist. Es ist immer noch eine bewusste Entscheidung, aber nicht erzwungen. Es muss immer noch ein Gefühl und eine Atmosphäre haben. Das haben wir auf dieser Platte definitiv beibehalten. Aber es war schön, diese geglättete Songwriter-Seite von Biffy Clyro mit der "Tada, wir versuchen, mit deinem Hirn herumzuspielen"-Seite zu verbinden.

Wo wir schon bei der geglätteten Seite sind: Natürlich habt ihr euren Sound im Laufe der Jahre stark verändert. Haben heute viele Rockbands Angst vor Pop?

J: Ich glaube schon. Rock ist traditionell sehr Macho oder Arena, was daher bei manchen Bands dazu führt. Für uns sind Melodie und Popmusik so eng miteinander verbunden, dass wir noch nie weit von Pop entfernt waren. Schon auf dem ersten Album gab es im Prinzip Popsongs, wenn man die verzerrte Gitarre wegnimmt und den Song anders vorträgt. Das gilt für viele Arten von Musik. Aber es ist nichts, worüber wir uns allzu große Sorgen machen. Wir sind im Studio ziemlich offen. Wir wollen einfach nur Musik machen, die wir hören wollen, und dazu gehören Momente zum Mitsingen. Man sollte sich dafür nicht entschuldigen müssen.

Es leiden aber vermutlich viele Bands daran, weil sie denken, sie müssten als Rockband vermarktet werden oder dass Pop-Einflüsse ihren Fans sauer aufstoßen."

J: Das ist wahrscheinlich der Grund, warum wir als Band ziemlich schwer zu vermarkten sind (lacht). Weil wir nie nur eine Sache sind. Wir probieren gerne verschiedene Dinge aus, was es für uns interessant macht, für PR-Leute dann eventuell schwierig.

Was nicht zwingend etwas Schlechtes ist. Wie du vorhin erwähnt hast, geht es textlich ja viel ums Erinnern. Was denkt ihr, wie sich die Erinnerungskultur über die Jahre verändert hat? Global, kulturell, technologisch?

J: Gute Frage. Ich denke, dass das Gedächtnis der Menschen recht kurz ist. Das liegt daran, dass wir jede Sekunde des Tages so viele Informationen erhalten und es nie aufhört. Ich war kurz davor, in die schreckliche, düstere Welt der Politik einzutauchen, weil es so schwer ist, sie zu ignorieren. Aber im Hinblick auf unser Gedächtnis bei solchen Dingen ist es unmöglich, sich an alles zu erinnern. Wenn man an die verschiedenen Regierungsoberhäupter denkt, die dieses Land in den letzten zwei Jahren hatte, ist die Liste so lang wie dein Arm. Manchmal scheint es also fast am besten, keine Erinnerungen zu haben und einfach zu vergessen, was passiert ist, und weiterzumachen. Im Privatleben der Menschen ist es wichtig, sich an die Schlüsselmomente des Lebens zu erinnern, also wichtige Momente mit Menschen, die man liebt. Weil man nie sicher ist, wann diese Momente wiederkommen werden.

"Bei unserem ersten Gig mussten wir die Schule schwänzen"

Apropos Erinnern: Mittlerweile ist es ziemlich genau 30 Jahre her, dass ihr angefangen habt. Was sind die schönsten Erinnerungen an eure Anfangszeit, bevor eure erste Platte herauskam?

B: Bei unserem ersten Konzert mussten wir die Schule schwänzen, um spielen zu können. Wir waren erst 14 Jahre alt, ich glaube nicht, dass wir überhaupt im Club hätten sein dürfen. (lacht) Wir hatten uns das ein paar Tage vorher angeschaut und es lag überall Schnee, also kam es zu einer Schneeballschlacht. Wir waren so aufgeregt und nervös. Ich werde nie die Angst vergessen da rauszugehen und sich bloßzustellen, und wie gut es dann aber für uns gelaufen ist. Wir spielten damals nur vor Familienmitgliedern, denn wir hatten natürlich keine Fans. Die Musik war etwa 70 Prozent eigenes Material und 30 Prozent Coversongs. Alle hatten ein Lächeln auf den Lippen und wir bekamen Komplimente. Das war der Beginn von Biffy Clyro, eine meiner schönsten Erinnerungen überhaupt.

J: Und ich habe einen Schneeball auf ein Auto geworfen und wir mussten alle schnell weglaufen. So jung waren wir. Die Geschichten während der langen Fahrten im Van damals sind übrigens dieselben, die wir uns heute noch erzählen, 30 Jahre später. Es ist erstaunlich, dass wir mittlerweile nicht voneinander gelangweilt sind. Es sind diese kleinen Momente, die Stopps an Tankstellen und das, was wir in der Band "passport time" nennen: Wenn es etwa 5 Uhr morgens ist und man versucht, seinen Pass aus der Tasche zu ziehen, während man die Grenze passiert, du aber möglicherweise gerade erst aufgewacht bist oder noch ein wenig betrunken vom Vorabend. Es ist ein ziemlich verrücktes Leben, wenn man so darüber nachdenkt, aber für uns ist es zu einem normalen Leben geworden.

Erinnert ihr euch an eure erste Bandprobe zu dritt?

B: Ich tatsächlich nicht.

J: Es war nicht so offiziell. Wir sind da einfach hineingestolpert. Unser Vater spielte Gitarre und ich habe mich immer gefragt, ob er uns im Hinterkopf hatte, als er die Garage in ein Musikstudio umwandelte. Ich bin mir nicht sicher, ob er es nur für sich selbst gemacht hat. Wir spielten nur samstags und versuchten, unsere Eltern und die Nachbarn zu ärgern und einfach nur Teenager zu sein. Es war alles sehr natürlich. Wir hatten nicht vor, ganz oben in den Charts zu landen oder so etwas. Wir hatten einfach Spaß. Wir waren 14, 15, so um den Dreh, aber um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht wirklich daran erinnern.

Ist die Motivation, Musik zu machen, nach all den Jahren immer noch dieselbe wie zu Beginn?

B: Ich denke, dass die Motivation immer noch dieselbe ist. Es ist immer noch ein brennender Wunsch, Musik zu machen, Kunst zu machen. Es geht nicht um die Charts, es geht nicht darum, wie ein Song auf der Bühne klingen wird. Es geht einfach nur darum, etwas zu machen, das wir drei hören wollen, wenn wir Zeit miteinander verbringen. Es ist etwas Schönes, das uns am Herzen liegt und das sich hoffentlich nie ändert.

Manche älteren Künstler:innen beenden irgendwann ihre Karriere, weil sie nach eigenen Worten alles gesagt haben. Ist das ein verrückter Gedanke? Kunst zu machen scheint ja eine endlose Suche zu sein.

Das ist ein ziemlich beängstigender Gedanke, wenn man an diesem Moment angelangt ist. Ich kann verstehen, wenn Leute ihr musikalisches Vermächtnis schützen wollen oder wenn sie glauben, dass ihre neue Musik nicht so gut ist wie die alte. Es ist herausfordernd, wenn man einfach anfängt, sich zu wiederholen. Aber wir haben das Glück, dass wir es immer noch gerne tun und es nicht einfach nur herunterleiern, sondern versuchen, ein Kunstwerk zu schaffen, an das wir wirklich glauben.

Und in diesen ganzen 30 Jahren seid ihr in derselben Besetzung geblieben. Das bedeutet wahrscheinlich, dass sich die Rollen im Laufe der Jahre verändert haben und man viele Kompromisse eingehen musste, oder?

B: Es ist wie in jeder Beziehung: Die Dinge entwickeln sich und man findet verschiedene Wege, miteinander zu leben. Man lernt die kleinen Exzentrizitäten des anderen kennen und erfährt, wo jemand vielleicht Hilfe braucht. Es ist also wirklich wie eine Ehe zwischen drei Menschen.

Aber die Rollen sind weitgehend gleichgeblieben. Simon schreibt die Songs und bringt sie in den Proberaum, dann lernen wir sie und versuchen, sie in Form zu bringen, sie so gut wie möglich zu machen. Und was das Touren betrifft, hat sich das im Laufe der Jahre verändert: von einem kleinen Van und kleinen Venues zu einem Bus und größeren Venues. Selbst die Rituale des Touralltags sind im Großen und Ganzen gleichgeblieben. Aber wir haben gelernt, auf eine Weise zu existieren, mit der wir alle zufrieden sind und die uns am Laufen hält.

Und ihr wart immer damit zufrieden, diese eine definierte Rolle zu haben?

J: Ja, so funktioniert eine Band. In einer Gruppe oder einem Team können nicht alle das Gleiche tun. Wenn alle in derselben Sache gut sind, wäre es kein gutes Team. Also ja, ich denke, es geht uns gut.

Biffy Clyro on Tour:

31.01.2026 Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle
08.02.2026 CH-Bern, Festhalle
09.02.2026 CH-Zürich, Halle 622
12.02.2026 München, Zenith
13.02.2026 Offenbach, Stadthalle
15.02.2026 AT-Wien, Gasometer
16.02.2026 Berlin, Max-Schmeling-Halle
18.02.2026 Hamburg, Sporthalle

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