28. Mai 2026
"Sei die sorgloseste Version deiner selbst!"
Interview geführt von Yannik GölzEs war von Anfang an klar, dass Joey Valence & Brae eine abreißende Europa-Tour spielen werden. Die Musik der beiden ist nicht nur eine perfekte Kuration an Einflüssen von Zeug, das hierzulande eh alle geil finden. Sie haben auch eine ganze Menge Erfahrung damit, wirklich gut auf den Bühnen zu stehen.
Trotzdem: Gefühlt jede zweite Woche gibt es eine neue Statistik darüber, dass Kids heute nicht mehr in Clubs gehen, sich auf Konzerten aufführen wie Axt und auf Partys nichts mit sich anzufangen wissen. Joey und Brae haben - halb passend dazu - für ihre Tour auch einen kleinen Konzert-Guide herausgegeben. Ich wollte die beiden also einmal als Experten einspannen: Wie macht man gut Party? Was für Musik macht eine Party gut? Und daraus entspann sich dann ein Gespräch, das bis zum Kern von Nostalgie und was sie eigentlich bedeutet vorgedrungen ist.
Ihr habt auf Instagram Regeln für eure Tour gepostet, wie man eine gute Zeit hat. Es wird ja viel darüber geredet, dass wir in Zeiten leben, in denen die Leute immer weniger feiern und immer weniger loslassen können. Ihr, als Experten, was würdet ihr sagen: Wir kriegt man Leute auf einer Show dazu, eine gute Zeit zu haben?
Brae: Die Musik muss gut sein! (lacht) Also versuchen wir, das zu liefern. Ich denke, wenn die Leute sehen, wie wir auf der Bühne eine gute Zeit haben und generell locker drauf sind, dann färbt das vielleicht ein bisschen auf sie ab. Ich hoffe, die Leute in der Crowd sehen, wie Joey und ich die Zeit genießen und tanzen und hart gehen, dann checken sie vielleicht: Wir können das auch! Wir wollen einfach die Rahmenbedingungen schaffen, dass alle eine gute Party erleben können.
Joey: Yeah, und ich denke damit sagen wir den Leuten auch, dass das alles okay ist. Also, mit den Regeln. Dann haben die Leute eine Erwartungshaltung, wenn sie zu unseren Shows kommen. Wir sagen: ‘Kommt und seid bereit für eine Party!’ - dann sind Leute vielleicht weniger verwirrt, was man auf einer Show so zu tun hat. Sie sind dann bereit. Und ich denke, manchmal muss man den Leuten einfach sagen, was sie zu tun haben. Also kommandieren wir sie herum! (lacht)
Ja, checke ich. In Interviews habt ihr viel darüber gesprochen, dass ihr eigentlich immer gern auf Partys gegangen, immer natürlich in den Mittelpunkt gerutscht seid. Musstet ihr nicht selbst mal lernen, wie man Party macht?
Brae: Ganz ehrlich? Wir wissen doch auch nicht, wie man Party macht, wenn ich richtig ehrlich sein soll. Also, so im klassischen Sinne. (lacht) Als wir noch an der Uni waren, war es jetzt nicht so, als wären wir krass viel rausgegangen oder so. Aber ich schätze, unser Verständnis vom Partying ist es einfach, die sorgloseste Version deiner selbst zu sein, nicht darüber nachzudenken, was die anderen von dir denken, auch wenn du in einem vollen Zimmer stehst. Weißt du, voll oft, wenn wir auf Shows oder Festivals sind, dann sind wir die einzigen, die so richtig tanzen oder ihre Körper bewegen. Also, mach daraus, was du willst, aber ich schätze, das wäre dann unsere Art, Party zu machen.
Joey: Ja, wir wissen wohl einfach ein bisschen, wie man Spaß hat - und das ist eigentlich schon alles. Leute müssten mal lernen, loszulassen. Und merken, dass sie sich schon frei ausdrücken und Dampf ablassen können, ohne sich gleich gejudget zu fühlen. Wäre das nicht die Basis einer guten Party? Es ist einfach nur ein sorgloser Moment, den du genießen kannst. Und das wollen wir den Leuten eintrichtern,
Also versteh ich das richtig: An der Uni seid ihr noch nicht so viel rausgegangen, und dann habt ihr beschlossen, dass ihr jetzt Joey Valence und Brae sein werdet?
Brae: Gute Frage!
"Du wirst nicht cooler, weil du die übertriebene Nischenmusik auspackst."
Joey: Naja, ich würde sagen, wir sind sehr offene und expressive Leute und uns ist ehrlich egal, was die anderen so über uns sagen. Wenn wir in der Öffentlichkeit sind und Musik läuft, dann werden wir eine gute Zeit haben, dann werden wir uns nicht zurücknehmen. Das ist es, oder? Was für uns dieses ganze Party-Ding ist? Wir lieben einfach Musik. Wann immer wir irgendwo sind, dann wollen wir eine gute Zeit haben.
Das erinnert mich gerade an eine Zeile vom letzten Album: ‘Where the club music at? Play some Gaga! How about some Daft Punk, how about Madonna?”. Was gehört dazu, ein guter Hausparty-DJ zu sein?
Brae: Ouhh. Hmm, spiel einfach keine ..., warte. Nein, actually: Spiel den Kram, den du magst und spiel auch den alten Kram. Wir nörgeln immer darüber, dass alle immer viel zu viel neuen Kram spielen wollen. Außerdem: Du wirst nicht cooler, weil du die übertriebene Nischenmusik auspackst.
Joey: Das ist eine knifflige Frage, weil ich mir da echt nicht sicher bin. Als DJ will ich ja eigentlich sagen: 'Scheiß auf alle hier, ich spiel dieses Set für mich selbst!'. Wenn ich eine gute Zeit habe, haben die anderen das schon auch. Aber als Zuhörer suchst du ja nach diesen Momenten, die dich mit dem Set connecten. Dann brauch ich nicht, dass jeder verdammte Song irgendein nischiger Soundcloud-Typ mit 100 Followern ist.
Ja, ich will in einem Set neue Musik entdecken, aber ich will auch Songs mitsingen und tanzen und so. Also wird es wohl die Balance machen. Außerdem: Wenn wir von altem Kram reden, meinen wir eigentlich nur Zeug von 2015 und abwärts. Da gibt es so viele Banger! Alle wollen die ganze neue Musik reinbringen und ich denke mir nur, verdammt, macht doch einfach Throwbacks an. Das macht so viel mehr Spaß!
Das ist ja auch, was zu einem gewissen Grad eure Musik ausmacht, oder? Wenn man "Hyperyouth" hört, dann geht das ja nahtlos von MGMT zu den Beasties zu Charli XCX. Ihr seid offensichtlich starke Kuratoren, aber habt ihr manchmal auch Sorge, zu nah an euren Einflüssen zu sein?
Joey: Nicht wirklich, ich habe auch echt nicht das Gefühl, dass das der Fall ist. Klar, keine Frage, wir ziehe eine Menge Inspiration von hier und da und das hört man auch. Aber ich denke, das ist einfach, was Künstler machen. Sie holen sich Inspiration von Leuten. Und ich kann 100% sagen, dass wir etwas gemacht haben, das sich einzigartig von uns anfühlt.
Genau das liebe ich an unserer Musik. Wir können uns alles schnappen, das wir selbst gern hören und unsere eigene Version daraus machen - und das macht Spaß. Und ich denke auch nicht, dass wir uns Sorgen machen müssen, weil wir dabei als Künstler wachsen. Wir machen einfach weiter, worauf wir Bock haben, deswegen sind wir Artists geworden.
Aber nach der Logik: Wenn ein guter Homeparty-DJ nicht zu viel modernes Zeug auflegen soll - grenzt euch das nicht ein bisschen von der generellen Marschrichtung im Rap ab? Fühlt ihr euch mit der Hip Hop-Gegenwart verbunden?
Brae: Ich würde schon sagen, dass wir mit der generellen Kunstform verbunden sind. Am Ende sind wir Teil einer Kohorte an Leuten, die Musik, Hip Hop und Rap machen. Aber was das neue Zeug angeht? Guck, wir haben gerade erst über die ganzen neuen Videos von Rolling Loud geredet. Das ist doch das genaue Gegenteil von dem, was Joey und ich machen - und das ist nichts Schlechtes. Ich glaube, wir befinden uns in einer komplett neuen und frischen Ära Hip Hop.
Da passiert der abgefahrenste und fremdklingendste Hip Hop, den die Welt je gesehen hat. Und es kommen so interessante Sachen heraus. Wir haben viele Freunde in dieser neuen Sparte Hip Hop. Und irgendwie machen wir alle das Gleiche, oder? Am Ende machen wir alle Musik. Und Shows. Und was sonst so dazugehört. Aber natürlich, was Joey und ich machen klingt total anders als das Zeug der anderen.
"Ein letztes Festhalten an dieser Jugend"
Klar, am Ende ist es vielleicht auch gar nicht so anders. Wenn man sich Leute wie Slayr anguckt, die ja auch vor allem verschiedene Einflüsse und Genres zusammenbringen.
Joey: Auf jeden Fall!
Trotzdem: Ich habe mich gestern noch mit jemanden über das neue Freshman-Cover unterhalten und wer gerade so im Rap durchstartet - und irgendwie würdet ihr zahlenmäßig passen, aber euch doch ein wenig odd darauf anfühlen. Findet ihr, ihr würdet auf so ein Cover passen?
Brae: (lacht) Ich glaube, wir würden richtig mit dem Freestyle reinscheißen.
Joey: Ach, vielleicht, vielleicht!
Brae: Fairerweise, die aktuellen Cyphers sind eh komplett vorher aufgenommen. Die schicken das da einfach ein.
Joey: Ich weiß nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand bei XXL sitzt und über uns denkt, dass wir die harten Rapper von morgen sind (lacht) aber wer weiß, man! Wahrscheinlich würden wir zusagen. Es wäre auf jeden Fall cool, auf so einem Cover zu sein.
Würdet ihr sagen, dass jede Nostalgie gute Nostalgie ist?
Joey: Das kann schon gefährlich sein, weil Nostalgie dich in diesem bestimmten Mindset festsetzen kann. Ich weiß von einer Menge, von einer MENGE Artists, die mit Nostalgie als Konzept kämpfen. Alle denken immer, sie kommen nah an die ursprüngliche Sache - und das kann dich davon abhalten, voranzukommen, innovativ zu sein oder als Person zu wachsen. Und das meine ich nicht nur musikalisch. Sich an die Vergangenheit zu klammern, hält dich davon ab, dich auf die Zukunft einzulassen.
Und trotzdem glaube ich nicht, dass es schlecht ist. Meistens würde ich sogar sagen, dass es nichts Schlechtes ist. Aber manchmal kommt es dazu, dann ist es eine Krux. Aber was ich an unserer Musik cool finde: Die Sachen, für die wir nostalgisch sind, inspirieren uns dazu, etwas Frisches und Eigenes daraus zu basteln. Wir verlassen uns darauf, dass Nostalgie uns an dieses Gefühl von Jugend heranbringt, nach dem wir uns so sehnen, aber trotzdem glaube ich nicht, dass unsere Musik im Kern nostalgisch ist, wenn das Sinn ergibt.
Ich schätze, da ist etwas Starkes daran, weil jeder dieses Gefühl kennt, jung bleiben zu wollen. Und nostalgisch für diese Zeit des eigenen Lebens zu sein. Wir versuchen deswegen jedes Mal, unser aktuelles Selbst in diese Alben zu gießen, und dann dürfen wir irgendwann nostalgisch auf diese Serie an Musik zurück kucken und uns darin spiegeln. Und das finde ich wirklich cool! Beantwortet das die Frage?
Ja, voll! Aber könnt ihr erklären warum Jungsein und Jugend euch so wichtig ist?
Brae: Ach, schwer zu sagen. Ich würde nicht mal sagen, dass es so super-wichtig ist. Also klar, es ist lustig, das zu sagen, wenn literally das ganze Album davon handelt, jung zu sein. Aber so ist das eben. Joey sagt das die ganze Zeit, unsere Alben spiegeln die definierenden Momente unseres derzeitigen Lebens. "Punk Tactics", "No Hands", "Hyperyouth" - das sind alles Meilensteine von uns, an die wir uns erinnern können. Daran, wer wir waren, wie sehr wir uns seitdem verändert haben.
Deswegen war "Hyperyouth" auch eine Zusammenfassung davon, wie schnell die Dinge sich bewegen und verändern können. Ein letztes Festhalten an dieser Jugend. Ich denke in ein paar Jahren, wenn wir nochmal älter sind, dann werden wir denken: Guck an, da waren wir noch blutjung und hatten diese ganze gute Zeit. Und wir werden hören, wie viel Freude und Spaß wir in unseren Leben hatten. ist das nicht eine großartige Sache? Ich mein, guck mal: Jetzt gerade sitzen wir in Amsterdam und spielen eine ausverkaufte Show. Der Laden wird 'Paradiso' heißen. Ist das nicht verrückt? Ist das nicht cool?


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