1. September 2026

"Ich habe völlige Selbstauslöschung gesucht"

Interview geführt von

Auf ihrem neunten Album "Act III" jagen Kasabian noch immer die Ekstase. Mittlerweile hat Frontmann Sergio Pizzorno aber eine distanziertere Perspektive auf Eskapismus.

Sergio Pizzorno ist richtig zufrieden mit Kasabian. Die aktuellen Konzerte seien die besten seiner Karriere, erklärt er stolz. Für diese Live-Energie ist die neue Platte "Act III", die am 4. September erscheint, aber auch gut ausgelegt. Kasabian haben mal wieder Lust zu tanzen und auf vieles zurückzublicken.

Klar, sie sind nicht mehr die Kasabian von 2004. Allein im Jahr 2020 kann man ein entscheidendes neues Kapitel im Buche der Band vermerken, da hier der einstige Frontmann Tom Meighan rausgeworfen wurde. Grund: unter anderem eine Verurteilung wegen häuslicher Gewalt. Ab da übernahm Gitarrist Sergio Pizzorno, der ohnehin schon immer das treibende Songwriting-Rad gewesen war und auch auf einigen Songs gesungen hatte. Seit den letzten drei Alben ist Kasabian eindeutig sein Baby, für das er jetzt auch schon wieder neue Ideen hat. Bis dahin geht es auf dem aktuellen "Act III" erstmal unter anderem um "Eskapismus, Krypto und Milliardäre aus dem Silicon Valley".

Hi Sergio, lass uns über das neue Album sprechen, "Act III". Wovon ist das denn der dritte Akt?

Die letzten sechs Jahre unseres Lebens waren wie eine kleine Oper und wir befinden uns gerade im dritten Akt. In großen Geschichten ist der dritte Akt meist der Moment, in dem alles zusammenläuft – der Protagonist, alle Nebenhandlungen – und sich in einem wunderbaren Crescendo auflöst. Die Idee war, ein Album zu schaffen, das Elemente aus jeder Phase und Ära der Kasabian-Alben aufgreift. Es steckt also ein bisschen von all unseren bisherigen Platten darin – und dies ist die neunte.

Was das Songwriting angeht: Wenn ich vom ersten Album bis heute zurückblicke, sind da die DNA und all die Elemente, die uns ausmachen. Diese Songs hätten nur von dieser Band und meinem Schreibstil stammen können, weißt du, was ich meine? Bei diesem Album habe ich mich gezielt auf genau das konzentriert und auch auf die Geschichten, denn Geschichten sind so wichtig. Jeder Song ist wie ein eigener kleiner Moment, ein eigener kleiner Punkt in der Zeit. Letztlich stehen und fallen wir mit den Geschichten, die wir uns selbst erzählen und an die wir glauben. Denn im Grunde treiben wir auf einem Felsbrocken durchs All, der von einem neun Millionen Meilen entfernten Stern aufgeheizt wird. Nichts davon ergibt wirklich Sinn, aber wir müssen uns gegenseitig Geschichten erzählen, um zurechtzukommen.

Inwiefern fühlte sich dein Leben wie eine Oper an? Oder ging es eher um eure Karriere als Band?

Ja, auf jeden Fall die Karriere als Band.

Wo würdest du die verschiedenen Akte dieser Karriere festlegen?

In dieser kleinen Mini-Phase unserer Karriere sind es die letzten drei Alben: von "Alchemist's Euphoria" über "Happenings" bis hin zu "Act III". Das sind die einzelnen Akte; und diese Phase hat einen schönen Abschluss. Beim nächsten, dem zehnten Album, brechen wir dann auf zu neuen Planeten, einem völlig neuen Universum.

"Es dreht sich alles um die Live-Show"

Ich habe gelesen, dass ihr sehr durch die Oasis-Reunion-Tour inspiriert wart?

Oasis, Radiohead und Fred Again.., diese drei Konzerte habe ich mir angesehen und ich fand alle drei auf ganz unterschiedliche Weise unglaublich. Es war faszinierend, wie alle drei Künstler:innen das Publikum in einen Zustand der Transzendenz versetzten, jede:r auf eine ganz eigene, großartige Art. Diese drei Shows haben unsere Live-Show für diesen Sommer maßgeblich beeinflusst.

Bei Oasis denke ich auch immer an einen gewissen Swagger, eine bestimmte Energie; und ich habe das Gefühl, dass das auch schon immer Teil von Kasabian war.

Stimmt, aber ich glaube auch, dass diese Art von Punk- oder Mod-Energie eine sehr britische Sache ist. Es ist auch etwas Gemeinschaftliches, das man zum Beispiel in Südamerika findet. Wenn man sich unsere Shows ansieht und dann an [Fußball-]Vereine wie die Boca Juniors oder River Plate denkt: diese Stadien, die Bengalos, das Hüpfen, die Energie... das reicht eigentlich bis in die frühe Zivilisation zurück. Man saß ums Feuer, sang gemeinsam und versetzte sich in einen Zustand, in dem man diesen Planeten hinter sich ließ. Und das ist gar nicht so anders als bei einer Live-Show – ich weiß, das klingt nach einer wilden These. Es rührt an etwas, das wir als Menschen wirklich brauchen: das Miteinander, dieses Springen und Singen. Das ist einfach etwas Wunderschönes.

Ich verstehe total, was du meinst! Das neue Album klingt ja auch sehr direkt, sehr treibend und tanzbar. Das ergibt dann wohl auch Sinn im Hinblick darauf, dass die Live-Shows für alle zu einem so immersiven Erlebnis werden sollen.

Absolut. Und wenn man schon so viele Alben veröffentlicht hat, muss man sich bei einem Song fast schon fragen: Schafft er es in die Setlist? Das ist sozusagen der Maßstab. Wenn er es nicht schafft, dann muss man ihn eben zurückstellen, vielleicht für eine spätere Idee. Aber bei den Alben, die wir im Moment machen, dreht sich alles um die Live-Show. Der Maßstab für die Songs ist also: Können sie ein Publikum von Tausenden von Menschen bewegen?

Besonders die Bassriffs sind mir auf diesem Album aufgefallen, sie sind alle sehr treibend.

Ja, ich war schon immer ein Fan von richtig stark verzerrtem Bass. Das haut mich einfach um.

War das eher eine Band-Idee oder deine Idee, diesen Sound zu verfolgen?

So schreibe ich einfach. Wie gesagt, ich bin zwar mittlerweile der Frontmann, aber mein Songwriting, die Art und Weise, wie ich schreibe, hat sich seit dem ersten Album nicht verändert. Wenn ich für Kasabian schreibe, fange ich meistens so an: Oft entsteht die Musik ausgehend von der Bassline und dem Beat, denn das macht diesen speziellen Sound aus.

Der Gesang ist dieses Mal auch oft gerappt.

Da ist definitiv ein gewisser Flow, ja. Diese Ausdrucksform kommt aber auch daher, dass ich meistens die Musik die Melodie vorgeben lasse. Wenn ich zum Beispiel einen Song mit einem Beat und einer Bassline geschrieben habe, improvisiere ich einfach frei darüber. Ich lasse mich von meinem Unterbewusstsein leiten, nehme viel auf und suche mir dann die Teile aus, die mir gefallen. Oft bewege ich mich am liebsten genau zwischen den Beats und dem Bass. Das läuft alles sehr natürlich und instinktiv ab. Wenn die Melodie eine bestimmte Richtung einschlägt, ist das eher eine intuitive Sache als eine bewusste Entscheidung. Ich spüre einfach, was die Musik mir vermitteln will.

Der Song "Hippie Sunshine" hat mir sehr gefallen. Worum geht es da?

Das ist eines meiner Lieblingslieder, eigentlich sogar eines der besten Lieder, die ich je geschrieben habe. Es geht um Eskapismus, um Krypto und um die Milliardäre aus dem Silicon Valley, die durch die Manipulation von Algorithmen weitreichende Entscheidungen treffen. Am Wochenende gehen sie dann auf Tanzpartys, dröhnen sich mit Acid und Pilzen völlig zu, um dann in San Francisco wieder an die Arbeit zu gehen und zu bestimmen, was wir uns ansehen und welche Kultur entsteht, je nachdem, wie sie den Algorithmus steuern oder ob sie ihn auf Negativität ausrichten. Aber der Mittelteil, der fast wie Elton John klingt, bildet eine Art Gegenstimme. Da singen wir quasi zu diesen Leuten: Wenn wir uns nur einen Moment Zeit nähmen und wieder menschlicher wären, würden wir einen schöneren Weg finden.

Ja, diesen Krypto-Twist im Text hatte ich nicht erwartet! Es gibt auch noch den Song "The Guru And The Crypto Time Machine". Wie hängen die miteinander zusammen?

Die sind wie schräge Cousins zweiten Grades. Es geht um diese Online-Schwindler, die Gesundheit und Wohlbefinden verkaufen. Erst ziehen sie einen in ihren Bann und wollen einem am Ende ein Paket andrehen. Ich meine diese neuen Gurus, die ihre Absichten im Grunde hinter einer Fassade der Fürsorge tarnen, nur um dann zu sagen: "Und damit du dich so gut fühlst, zahl mir 10 Pfund im Monat." Das ist einfach nichts für mich.

Es wirkt also, als würdest du vieles beobachten, was gerade in der Gesellschaft und dem Internet-Zeitalter vor sich geht.

Ich entdecke einfach Dinge, die mich interessieren oder meine Fantasie anregen. Wenn man schon neun Alben veröffentlicht hat, ist es… nun ja, nicht mehr ganz so einfach wie früher, Themen für Songs zu finden, weißt du? (lacht) Es wird also definitiv immer eigenwilliger und wunderbarer, Dinge zu finden, über die man sprechen kann.

"Ein schmaler Grat zwischen bloßem Weglaufen und sich im Moment zu verlieren"

Aber diese Art von Eskapismus, die du angesprochen hast, das war ja auch schon immer ein Teil von Musik, oder? Auch das, was du über Konzerte und dieses Party-Erlebnis gesagt hast.

Ja, es ist schon witzig: Einerseits ist Eskapismus fantastisch und wunderschön, aber andererseits ist es eine Flucht, bei der man sich der Realität nicht stellt. Es ist also ein schmaler Grat zwischen dem bloßen Weglaufen und sich im Moment zu verlieren. Im Laufe der Zeit habe ich für mich festgestellt, dass Letzteres – dieses Entfliehen durch das völlige Aufgehen im Augenblick, wie es besonders bei Live-Auftritten der Fall ist – unglaublich wichtig ist. Ich habe das schon immer geliebt, aber heute sind diese Momente besonders kostbar.

Das liegt an unserer Kultur, an der Bildschirmzeit und daran, wie unsere Aufmerksamkeit gekapert wurde, von diesen eigentlich wunderbaren, genialen Ideen, die sich Großkonzerne unter den Nagel gerissen haben, um daraus Profit zu schlagen. Bei einer Live-Show hingegen legen alle ihren Kram beiseite und verbringen einfach Zeit mit Leuten, die sie vielleicht schon länger nicht gesehen haben. Man erlebt gemeinsam etwas an einem Ort, wo die Musik einen an einen anderen Punkt trägt. Das ist einfach großartig! Und ich glaube, es ist noch viel großartiger geworden, gerade weil alle sonst ständig nur auf ihre Handys starren. Es ist, als würden alle für einen Moment aufwachen.

Das erlebe ich bei den Shows: Die Leute drehen sich um und blinzeln, als würden sie plötzlich realisieren: 'Oh, ich bin ja wieder wach. Ich war wochenlang hypnotisiert, und jetzt bin ich wieder draußen, unter Leuten, und verdammt, ist die Welt nicht großartig? Eigentlich verstehen wir uns doch alle richtig gut! Auch wenn ich vielleicht nicht mit dem übereinstimme, worum es dir geht, können wir trotzdem eine gute Zeit haben und uns am Ende darauf einigen, dass wir einfach unterschiedliche Ansichten haben.' Und ich glaube, je mehr es davon auf der Welt gibt, desto besser.

Neigtest du eher zum Eskapismus, als du jünger warst?

Zu 100%! Als ich jünger war, ging es mir beim Eskapismus um völlige Selbstauslöschung – genau das habe ich gesucht. (lacht)

Ich schätze, das gehört zum Jungsein dazu.

Es ist Teil des Erwachsenwerdens und der Selbstfindung. Entweder man wird älter und weiser, oder man bleibt stehen und verliert sich.

Schönes Fazit zum Abschluss! Wir haben uns ja über die verschiedenen Akte unterhalten. Hast du schon eine Vorstellung davon, wie der nächste Akt aussehen wird?

Ja, ich bin gedanklich schon dort. Die Welt um das Album herum beginnt sich bereits zu formen, ich kann es kaum erwarten! Versteh mich nicht falsch: Ich werde die Zeit mit diesem Album genießen, denn ich finde, die Live-Shows, die wir bisher gespielt haben, waren die besten unserer Karriere. Nach all der Zeit ist es etwas Besonderes, das zu erleben. Es gibt eine neue Generation von Kasabian-Fans, die wilder und ausgelassener ist als je zuvor! Ich werde diese Phase mit dem aktuellen Album also voll auskosten, aber ich spüre auch schon das nächste Projekt.

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