Für ihre Fans ist die Spanierin Religion: eine transzendente Erfahrung zwischen Klassik und Pop in der Lanxess Arena.
Köln (rnk) - Zum Einstieg eine Entschuldigung: Ich verfüge trotz diverser Urlaube auf der iberischen Halbinsel in meiner Kindheit nur noch über rudimentäre Spanisch-Kenntnisse. Der Google-Translator vermittelt nur einen groben Einblick in Rosalías Themenwelt, die Feinheiten und Schönheiten der spanischen Sprache bleiben natürlich verborgen.
Doch zum Glück braucht es keine Duolingo-App, um Alben wie das großartige "Motomami" und das noch großartigere "Lux" zu fühlen. Wunderbares Melodrama – und auf dem aktuellen "Lux" vermischt Rosalía nicht nur verschiedene Stile, sie verwendet auf diesem urbanen Meisterwerk auch sage und schreibe 14 Sprachen (!). Eine im besten Moment transzendente Erfahrung zwischen Klassik und Pop.
Die Erwartungshaltung ist immens
Insofern ist die Erwartungshaltung heute Abend immens. Und durchaus auch wieder die Angst vor dem Sound in der Kölner Lanxess Arena (man erinnere sich an den Klangsumpf beim Wu-Tang-Clan im März). Vielleicht wäre für ein Rosalía-Konzert gar die Hamburger Elbphilharmonie ein würdigerer Rahmen, wäre es Rosalía nicht wie zuvor schon Björk gelungen, trotz komplexer Musik und Genre-Hopping im Mainstream anzukommen.
Vor und in der Lanxess Arena herrscht derweil ein fröhliches Treiben: eine Mischung aus Neo-Grunge-Look und weißen Rüschenkorsetts – allgemein lautet der Dresscode für heute Abend: Weiß. Wie Rosalía auf dem "Lux"-Cover eben. Eine Mischung aus keuschem Katholizismus und gleichzeitiger Befreiung, man denke an Madonna in ihrer "Like A Virgin"-Phase. Für die Fans in der randvollen Lanxess Arena ist Rosalía Religion. Ein profaner Calvin-Klein-Werbespot reicht schon aus, um die Halle in Ekstase zu versetzen. Die Spanierin ist längst ein weltweites Phänomen.
Rosalía entsteigt der Box
Ein Blick ins Rund lässt erkennen, dass mitten im Innenraum der Arena eine Konzertbühne aufgebaut ist. "Lux" geht einen Weg der Neo-Klassik, und statt Playback spielt ein echtes Orchester: Rosalía ist ausgebildete Flamenco-Sängerin mit einem Abschluss an der Escola Superior de Música de Catalunya (ESMUC) in Barcelona. Die Musiker:innen nehmen Platz, Tänzer schieben eine Box auf die Bühne. Lauter Jubel bricht aus, als die leibhaftige Rosalía der Box entsteigt. Im weißen Ballettkleid, im Hintergrund eine Himmelsleiter, die zu einem Klavier führt, und ein großer Mond. Alles Motive, die auf ihre Lieder anspielen – und eine erste Erleichterung: Die deutsche Übersetzung wird eingeblendet.
Der Start eines erstaunlichen Abends, der zunächst sehr kunstvoll beginnt. Die Szenerie erinnert an moderne Opern- oder Ballettaufführungen auf arte. Die Sorge, es könnte etwas zu viel Hochkultur-Flair folgen, verfliegt dank Rosalías humorvoller Art. Sie radebricht charmant auf Spanglish über ihren Weg bis zu diesem Moment vor Tausenden von Menschen und macht offensichtlich auch lustige Ansagen, wie das laute Lachen der Spanischkundigen neben mir verrät.
Rosalía beherrscht viele Facetten: Mal wird es emotional, rinnt ihr – perfekt inszeniert – bei "Mio Cristo Piange Diamanti" ("Mein Christus weint Diamanten") eine Träne über die Wange. Oder witzig, wenn sie hinter der Bühnenkonstruktion verschwindet und einer Gästin die Beichte abnimmt.
Zu "Berghain" tanzt sogar die Dirigentin
Was vielleicht etwas inkohärent wirkt, sorgt aber genau dafür, dass nie Langeweile aufkommt: Alles bleibt immer in Bewegung, alles tanzt, und irgendwann gibt es gar einen Rave-Moment. Über den Köpfen von Rosalía und ihrem Klassik-Ensemble pendelt eine übergroße Laser-Boombox, die einen Weihrauchkessel symbolisiert: Beim langen Techno-Outro von "Berghain" tanzt sogar die Dirigentin mit.
Statt einer 'Kiss-Cam' wie bei Coldplay zoomt bei Rosalía eine 'Art-Cam' einzelne Fans heran und produziert museale Doppelgänger:innen: So wirkt eine Besucherin leicht geschockt, als sie die "Venus von Milo" sieht. Noch schlimmer trifft es eine andere Konzertgängerin am Schluss, die ein völlig verunstaltetes Jesus-Fresko erblickt. (Der Fall einer Rentnerin, die ein Jesusbild bei einer Restaurierung in eine Monstrosität verwandelte, ging einst weltweit durch die Medien.)
Wie im Pariser Louvre
Das Spiel mit der Ikonografie treibt die Sängerin dann beim Frankie Valli-Cover "Can't Take My Eyes Off You", als Fans auf die Bühne dürfen, um hinter einer Absperrung – wie im Louvre in Paris – die göttliche Rosalía zu fotografieren und zu bewundern. Kunst soll in Rosalías Kontext nicht abschreckend oder elitär wirken – man soll im Gegenteil daran teilnehmen und über Pop vielleicht sogar einen Zugang finden.
Sollte jemand die Zitate und Anspielungen nicht erkennen, ist das nicht weiter schlimm. Es gibt eine Menge davon, und es bleibt genügend Interpretationsspielraum. So wird Rosalía ständig von einer Kamera begleitet, sogar bis in den Backstage-Bereich hinein: eine mögliche Anspielung auf den vollkommenen Verlust an Privatsphäre. Oder auch eine Parodie auf die ständige Selbstinszenierung in der Social-Media-Welt. Die Treppe, die auf der Bühne steht, wirkt wie aus der "The Truman Show" – als Exit aus der vermeintlichen Realität.
Luftküsse und eine Botschaft der Hoffnung
Auf besagter Treppe steigt Rosalía zu "Sauvignon Blanc" dann empor und performt im feinsten Barbra Streisand-Modus den chansonartigen Song – und gönnt sich nach der minimalistischen Performance gleich einen Schluck Weißwein. Der Song thematisiert eine 'göttliche Trunkenheit', eine Art göttliche Liebeserfahrung. Diese erfährt die Spanierin dank des frenetischen Beifalls, der Luftküsse und Bravo-Rufe aus der Menge.
Der Abend in Köln wirkt so eher wie ein Opern-Event für Menschen, die sich die Oper nicht leisten können oder nicht hineindürfen. Ihren zahlreichen queeren Fans kann Rosalía, die ihre eigene Sexualität ebenfalls fluide definiert, aber zumindest die Botschaft der Hoffnung mitgeben: Sie selbst hat sich von Erwartungshaltungen frei gemacht und die Metamorphose zur Pop-Ikone vollzogen. Ich kann mir gerade nicht vorstellen, wie Rosalía ihr aktuelles Album und die dazugehörige Tour noch einmal künstlerisch übertreffen kann.
Text: Rinko Heidrich. Livefotos aus Lyon: Gareth Cattermole (Getty-Images).


























2 Kommentare mit einer Antwort
Wäre sehr cool, wenn sie es künstlerisch extrem untertreffen würde. Die aktuelle Platte ist dermaßen aufgeblasen mit falscher Opulenz und banalsten Versatzstücken von "Hochkultur", dass es einfach nur peinlich ist. Tut mir seit Jahren etwas weh, dass sie das fancy Feuerwerk von Begleitung nicht mal ablegt, um nur ihre unverfälschte Stimme und reduzierte Begleitung wirken zu lassen, wie zu Beginn ihrer Karriere. Oder aber sie schafft es noch, künstlerische Entwicklung natürlicher, wilder, ungezügelter klingen zu lassen, und nicht so verdammt kopflastig gezwungen.
Kann deine Kritik irgndwie verstehen, aber irgendwie ist LUX auch ein großartiges Werk. Beide macht irgendwie Sinn für mich. Ich habe sie erst mit LUX kennengelernt und hatte daher keine besondere Erwartungshaltung. Wobei stimmt nicht, ich kenne sie seit dem Debüt mit James Blake. Ich mag ihre alten Sachen nun auch lieber, aber LUX ist schon ein mutiges, innovatives, erstaunliches Werk, als einmaliges Projekt auf jeden Fall gelungen. Wiederholen muss sie das aber nicht unbedingt.
Ich bin mir gar nicht so sicher, ob mir ein Live Konzert von ihr gefallen würde. Ich habe ein paar Schnippsel auf fatzebook gesehen, und naja, eigentlich stößt mich so etwas eher ab. Andererseits hat Rosalía tatsächlich auch ein wenig Narrenfreiheit bei mir, weil alles an ihr maximal authentisch ist.
Schade, dass sie jetzt schon so groß gehandelt wird und man Sie daher nicht mehr in kleinen Hallen erleben kann. Hoffentlich versucht Sie zukünftig garnicht erst, die Erwartungshalten zu erfüllen, sondern dreht komplett ihr eigenes Ding!