Die legendäre und unberechenbare Hip Hop-Crew aus Staten Island auf Abschiedstour: Rap-Technik und Marketing on point.
Köln (ebi) - "Wenn man Abschied nimmt / Geht nach unbestimmt / Mit dem Wind, wie Blätter wehn / Sing ma et Abschiedsleed / Dat sich öm Fernweh drieht / Um Horizont, Salz und Teer", sangen in den Achtzigern Wolfgang Niedecken, Tommy Engel und Trude Herr. Ich bin mir ziemlich sicher, dass kaum ein Fan vor dem Kölner Hotel Excelsior diese Domstadt-Legenden kennt. Das Grüppchen schaut stattdessen mit großen Augen zu, wie Method Man in ein großes schwarzes Auto steigt und Inspectah Deck bereitwillig für Selfies posiert.
Die Männergruppe, die schon länger vor dem Hoteleingang ausharrt, lächelt glücklich. Nummern werden ausgetauscht, spontan ein Burger-Essen um die Ecke verabredet und alle sind überzeugt, dass dieser Abend le-gen-där wird. Die Berichte über die bisherigen Shows lassen dagegen eher ein 'Hit or Miss' vermuten. Während Phoenix und New York wohl wirklich grandios waren, soll in Berlin der Sound und auch das Publikum eher mau gewesen sein.
Wu-Tang Is For The Children?
Nach über drei Jahrzehnten im Biz hat der Wu-Tang Clan seine "Final Chamber" angekündigt. Der Startschuss fiel vor über 30 Jahren – und Kollege Stefan hat in der Meilenstein-Rezension zum bahnbrechenden Debüt "Enter The Wu-Tang" bereits alles gesagt. Der Titel bezog sich, wie so vieles in der Wu-Tang-Mythologie, auf Kung-Fu-Filme, insbesondere "36 Chambers Of Shaolin". Und heute dürfen sich alle Mitglieder des Clans als Großmeister des Hip Hop fühlen. Es gibt nicht viele Rap-Crews, die für die Rock and Roll Hall of Fame nominiert werden. Ol' Dirty Bastard, der größte Chaosfaktor im ohnehin nicht pflegeleichten Kollektiv, starb 2004.
Oliver Grant, Designer des legendären Wu-Wear, ist erst kürzlich verstorben. Die Merch-Artikel mit dem gelben W-Logo stehen auch heute in der Lanxess-Arena zum Verkauf, Kostenpunkt: zwischen 80 und 150 Euro. Der Clan lässt sich den Abschied vergolden. Wu-Tang ist längst auch zur Marke für Games, Comics, Kleidung und vieles mehr geworden. "Wu-Tang Is for the Children" , der legendäre Satz, den Old Dirty Bastard einmal wütend bei einer Preis-Verleihung in die Menge spuckte, passt optisch aber nicht mehr ganz. Der Großteil der Fans ist um die 50, trägt graue Bärte und erinnert frappierend an Nico Backspin.
Trotz des wehmütigen Anlasses überwiegt die Vorfreude: Den ganzen Clan – bzw. eher den Kern – gemeinsam auf der Bühne zu sehen, passiert nicht oft, besonders, wenn sogar Method Man am Start ist, der sich ansonsten gerne wegen gefühlt 100 anderen Projekten entschuldigen lässt. Die Children der Konzertbesucher sind übrigens heute nicht dabei, dabei wären die derzeit angesagten Lieblingsrapper ohne den Clan wahrscheinlich gar nie so groß geworden.
Marketing und Technik on point
Um 20:35 und für US-Acts erstaunlich pünktlich beginnt die Show mit Mastermind RZA. Der Zen-Meister, der dieses unberechenbare Kollektiv über Jahre zusammenhielt, eröffnet mit "Bring Da Ruckus". Das berühmte Sample "Shaolin shadowboxing and the Wu-Tang sword style ..." erklingt – und der Song hämmert noch immer so roh wie 1993 aus den Boxen. Der Anfang des Sets gehört dem Klassiker "Enter The Wu-Tang". Die Menge nimmt "Clan In Da Front“ und "Da Mystery Of Chessboxin'" euphorisch auf und skandiert "immer wieder "Wu-Tag! Wu-Tang".
Nach dem erstaunlich energiegeladenen Beginn folgen nun die Solo-Auftritte der einzelnen Member. Klassiker wie "Liquid Swords" von Genius/GZA, "Only Built 4 Cuban Linx" von Raekwon oder Method Mans Soloalben gehören zum stärkeren Material. Die Fans freuen sich über "Ice Cream" und "Criminology". Trotz eines Durchschnittsalters von Mitte bis Ende 50 sitzt die Technik bei den Wus immer noch erstaunlich präzise: Jede Line landet sauber auf dem Beat.
Die Ochentour durch die 36 Kammern hat sich also bezahlt gemacht: Jeder kann sich ein Meister seines Fachs nennen. Zwischen den Sets läuft dazu passend auch das Marketing auf Hochtouren: Werbung für RZAs neuen Actionfilm "One Spoon of Chocolate", das Videospiel "Wu-Tang: Rise Of The Deceiver" und die Doku "The Purple Tape Files". Auch wird dazu aufgerufen, den Clan für die Rock 'n' Roll Hall of Fame zu voten – am besten sofort.
Deep und Dirty
Als Special Guest taucht noch Havoc von Mobb Deep auf der Bühne auf, ""Shook Ones" grollt noch immer düster wie zu "Hell On Earth"-Zeiten. Musikalisch ist das feinstes Oldschool-Material, auch wenn der Sound stellenweise mittelmäßig bleibt. Die Background-Band macht zwar einen hochwertigen Eindruck, setzt klanglich aber wenig zusätzliche Nuancen. Havoc bringt zudem etwas Gangsta-Rap-Attitüde in den durchaus gesitteten Abend.
Mit Yung Dirty betritt schließlich ein Jungspund die Bühne: Er ehrt seinen Vater Ol' Dirty Bastard. Dessen Crazyness erreicht er zwar nicht, aber Yung Dirty rappt mit Energie, springt runter zu den Fans und unterschreibt Vinylplatten. "Shimmy Shimmy Ya" bleibt einfach ein herrlich rotziger Track. Und genau diese Punk-Energie fehlte an manchen Stellen des Abends. Aber noch mal: Wir reden hier über Menschen, die viel geleistet haben. Der vielleicht größte Hit "Gravel Pit" reißt die Menge noch einmal vom Hocker.
DMX, Tupac und Biggie
Weniger glücklich wirkt ein späterer Abschnitt, in dem den Großen des Hip Hops Tribut gezollt wird: DMX, Tupac und Biggie werden geehrt, Oliver Grant gar mit einer etwas schmalzigen Bee Gees-Coverversion von "How Deep Is Your Love". Das kommt respektvoll, bremst aber die zuvor aufgebaute Dynamik. "C.R.E.A.M." begeistert dann wieder, doch ausgerechnet der letzte Song des Abends wird ordentlich in den Sand gesetzt. "Triumph" gerät zum akustischen Desaster: Der Sound kippt endgültig in übersteuerten Matsch, die einzelnen Rap-Parts sind kaum noch zu identifizieren. Ärgerlich, dabei ist doch ausgerechnet dieser Track das perfekte Amalgam der Wu-Diskografie.
Am Ende bedanken sich die Mitglieder – und erinnern erneut an das Hall of Fame-Voting. Für die zufriedenen Fans geht ein Konzert zu Ende, das eher ein Abend des Respekts als ein kompletter Abriss war. Und vielleicht war es tatsächlich der endgültige Abschied. Dann wäre es um diese verdiente Gruppe wirklich schade. Denn wie heißt es in "Life Changes" (8 Diagrams) so schön: "Life comes and goes, but the legacy lives on". Heute wurde keine neue Legende geschrieben, Wu-Tang ist längst eine.






































2 Kommentare mit einer Antwort
Der Sound war furchtbar. Die Lieder waren kaum zu erkennen und außer mumblenumble hat man nichts verstanden. Schade, hätte super sein können, aber ein Konzert mit scheiß Sound ist halt scheißem
Die Lanxess ist für Musik fast nie zu gebrauchen.
Beim mir, Unterrang,217, war es okay, aber nicht wirklich gut. HipHop-Konzerte sind aber selten ein akustischer Hochgenuss oder ich besuche immer die falschen Konzerte.