8. September 2026

"Faschismus beginnt nicht bei Wahlergebnissen"

Interview geführt von

Die Liedermacherin, die sich musikalisch zwischen Acoustic-Pop, Punk, Folk, Chanson und Blues nicht festlegt, positioniert sich klar im linken Spektrum. Doch ein "preaching to the converted" innerhalb der eigenen Bubble ist der 40-Jährigen zu wenig. Bis Ende des Jahres tourt sie noch mit ihrem neuen Album "Poesie & Widerstand".

Sarah Lesch absolvierte eine Ausbildung als Erzieherin, fand sich aber im gegebenen Bildungs- und Erziehungssystem nicht wieder. Festgelegt wird dieses weitgehend auf Ebene der Bundesländer - ein beispielhafter Bereich, in dem eine Alleinregierung vieles gravierend prägen könnte. Während unser Parteiensystem in den letzten Jahren kräftig durchgeschüttelt wurde, trat Sarah immer wieder mit politischen Liedern wie "Der Letzte Faschist" und "Kapitalismus" in Erscheinung.

Bei der Wiedervereinigung war Sarah viereinhalb Jahre jung, sie ging in Altenburg in die Kita. Der Ort gehörte in der DDR zum Bezirk Sachsen. Eine Volksabstimmung ergab 1990 den Wunsch, Altenburg Sachsen zuzuordnen. Stattdessen zog man die Grenze anders und es wurde Teil von Thüringen. Ein Beispiel für die Brüche der Wende, die bis heute unverdaut sind.

Viele links oder politisch mittig Gesinnte, mit denen ich in den letzten Monaten gesprochen habe, auch Zugewanderte, haben gesagt: "Lass doch die AfD mal machen, dann wird sie sich blamieren, selbst entzaubern und dann werden die 40 oder 45 Prozent, die sie in Sachsen-Anhalt wählen, schon merken, wem sie auf den Leim gegangen sind." Was hältst du von diesem Ansatz?

Sarah Lesch: Witzigerweise hatte ich mit einem Freund von meinem Sohn gerade das gleiche Gespräch. Er wohnt in Sachsen aufm Land und meinte: "Meine Kumpels hier, die sagen das auch alle. Ich versteh das nicht, das ist so gefährlich. Wie kann man sowas denken?" Und mir zieht sich ehrlich gesagt alles zusammen, wenn ich höre "Lass die mal machen". Ich finde das auch gefährlich.

Das heißt, du gehörst auch zur Fraktion 'Angst'?

Hm, wenn du das sagst, will man als erstes entgegnen: "Was? Ich bin doch kein Angsthase!?" Ich bin keine Politikwissenschaftlerin und keine Politikerin. Aber ich habe die Aufgabe, in den Austausch mit Menschen zu gehen und Menschen zu besuchen, dort wo sie wohnen, und mit ihnen schöne Momente zu teilen. Schöne Momente miteinander zu schaffen, wo man im Herzen verbunden ist und nicht im Kopf.

In meinem Umfeld merke ich bereits zu viel davon, dass jetzt schon so vieles wieder legitimer geworden ist. Ich finde, es ist total gefährlich. Ich hab davor auf jeden Fall Angst. In den letzten Wochen habe ich mit meiner Band viele Konzerte in der Altmark in Sachsen-Anhalt auf Landgasthöfen gespielt, wo Leute gegen Spende ein Konzert angucken konnten. Da sind viele viele Menschen hingeströmt, und wir hatten am Ende nie genug Stühle. Es waren auch viele ältere Leute dabei. Dann diesen Leuten bei politischen Songs ins Gesicht zu gucken, zu sehen, wie's ihnen damit geht und dass sie zu Tränen gerührt sind, weil die auch einfach Angst haben - da finde ich es sehr schwierig an der Stelle, es einfach so laufen zu lassen.

Es gibt noch ganz andere Realitäten in westlichen Bundesländern, zum Beispiel in der Nähe von mir in Bayern auch etliche Wahlbezirke, in denen die AfD nicht mal zur Kommunalwahl 2026 angetreten ist. Dann kann man sich den hautnahen Kontakt schwer vorstellen. Also zum Beispiel im Alltag, dass ein Händler einem etwas verkauft und dabei eine entsprechende Ansicht äußert oder eine Lehrerin in der Schule, die Geschichte unterrichtet und Entsprechendes vertritt. Aber wie ist das in Städten in Sachsen, wo du wohnst: Lebt man in Dresden oder Leipzig nicht auch eher nach Stadtteilen getrennt in blauen, roten und grünen Bubbles und läuft sich eher wenig übern Weg?

Natürlich, dort wo man die Möglichkeit hat, getrennt voneinander zu leben, gibt es solche Bubbles, und das ist nun mal in den Städten. Da gibt es dann die Einstellung: Wenn du cool bist, wohnst du hier in dem Viertel, aber diese Möglichkeit haben die Leute auf dem Land nicht. Und in der Altmark auf der Tour haben wir Geschichten gehört, da zieht es sich in einem zusammen. Da werden Lehrer:innen rausgeschmissen, weil sie ihren Schüler:innen sagen, dass sie nicht die AfD wählen.

Aber ich muss auch sagen: Faschismus oder das, was wir jetzt so nennen, beginnt noch viel eher, noch bevor wir ihn an Wahlergebnissen ablesen können. Ich habe auch in Baden-Württemberg gelebt, bin dort aufgewachsen, ich war sehr viel in Bayern und habe viel Zeit im Norden verbracht. Das gibt es dort auch. Es beginnt damit, dass man Leute noch nicht mal aktiv ausschließt, sondern dass in so vielen Bereichen unserer Gesellschaft Leute passiv ausgeschlossen werden, nicht mitgedacht werden und nicht teilhaben können.

Weil diese ganzen Orte, an denen Entscheidungen getroffen werden oder wo Verantwortungspositionen sind, nicht divers genug sind oder nicht durchmischt genug. Natürlich sehe ich in den neuen Bundesländern ein anderes Stadtbild. Es ist sehr weiß. Trotzdem existiert hier ein Fremdheitsgefühl sowohl in den Städten als auch aufm Land.

"Die Ost-Bands sind damals vom Schlitten gefallen"

Ich finde, du kannst ähnlich wie Pippo Pollina oder Rainhard Fendrich verschiedene Bundesländer gut miteinander vergleichen aufgrund deiner gesammelten Eindrücke.

Ja, ich bin mit vier, fünf Jahren, kurz nach der Wende, mit meinen Großeltern und meiner Mutter nach Baden-Württemberg aufs Land gezogen und bin später am Rande der Schwäbischen Alb im kleinen 'Seifenbläschen' Tübingen gelandet. Dort habe ich meinen Sohn groß gezogen und bin dann nach Leipzig gegangen, vor ungefähr zehn Jahren. Dazwischen hatte ich viele Stationen unter anderem in Bayern und in Norddeutschland, zum Schreiben und kreativen Arbeiten. Insgesamt komme ich im deutschsprachigen Raum seit vielen Jahren richtig viel herum. Man unterschätzt, glaube ich, dass Leute, die die DDR und die Wende erlebt haben, eine ganz tief sitzende Angst haben. Das soll jetzt nichts entschuldigen oder irgendwie legitimieren. Das ist, so glaube ich, ein Thema, bei dieser ganzen Geschichte, weil das einen Unterschied macht: Ich wurde schon im Kindergarten 'anders' behandelt als andere Kinder.

Ich wurde lieb behandelt, aber ich habe irgendwie gemerkt, wir aus dem Osten Zugezogene sind anders, haben nicht so sehr den finanziellen Background, also keinen Bausparvertrag und solchen Kram. In Baden-Württemberg hatten alle irgendwie ein Haus und auch eine tiefe innere Ruhe und eine ganz andere Mentalität. Bei meiner Familie habe ich wahrgenommen, dass sie durch einen ganz anderen Erfahrungsschatz etwas völlig anderes durchlebt hat.

Thematisiert wurde das nicht groß, und ich glaube, meine Familie hat gar nicht so gemerkt, dass sie damals oft sehr abschätzig behandelt wurde. Meine Verwandten würden sagen, sie merken das gar nicht, aber mir ist das schon als Kind aufgefallen. Man spürt es. Als müsste man lernen, wie das im Westen so geht. Witzigerweise tun wir das mit anderen Teilen der Welt genauso und denken auch immer von uns aus gesehen: Dass Leute jetzt lernen müssen, wie das richtig geht mit dem Leben.

Beim Rechtswählen herrscht, finde ich, auch immer so eine kognitive Dissonanz. Das krasseste Bild: Ich habe vor einem guten Jahr in Döbeln auf dem CSD gespielt, beim Verein 'Queeres Döbeln'. Es war sehr viel Polizei dort und insgesamt echt gruselig. Natürlich hatten wir Angst und hofft, dass alles gut geht. Dann bin ich in super bunter Klamotte, queeren Bändchen und Regenbogen-Stickern in den Schrebergarten zu meinem Onkel gefahren. Da saßen auch viele, die ganz schwierige Ansichten haben. Wir haben von unserem Auftritt erzählt, ich war mit meiner Ex-Partnerperson dort.

Die waren super neugierig. Am Ende habe ich noch einem meine Socken überlassen, er fand die cool, weil sie so unterschiedlich farbig waren und hat sie angezogen. Eigentlich passt das alles gar nicht zusammen. Das war ein verrücktes Bild, zumal wenn man weiß, wie diejenigen dort denken und wählen. Aber wenn jemand wirklich vor dir sitzt und mit dir redet, dann ist es doch so, dass sein Herz weich wird. Es dreht sich um dieses Narrativ "So, wie's jetzt ist, kann's ja nicht bleiben." Das ist gefühlt immer das einzige Argument, das immer angeführt wird. Aber wenn man nachfragt, sag doch mal was du an der oder der Sache gut findest, dann fällt ihnen oft gar nichts ein. Oder diese diffuse Angst vor dem Islam. Wenn man damit nicht aufgewachsen ist, dann ist es natürlich beängstigend. Und man ist leichter zu beeinflussen.

Da könnte man jetzt einwenden, dass es auch nicht so viele Argumente gab, warum Angela Merkel so super toll gewesen sei, dass sie uns 16 Jahre lang regiert.

Gut, stimmt. Aber das ist eben mein Eindruck, den ich oft habe, dass es oft um nichts Argumentatives geht.

Hast du das Gefühl, dass du deren Vertrauen bekommst, weil du sozusagen 'eine von denen' bist, weil du auch dort deinen Lebensmittelpunkt hast und geboren bist?

Ja, ich glaube schon, und natürlich auch, weil es Teil meiner Familie ist und es eine gemeinsame Geschichte gibt. Und diese Geschichte wird irgendwann enden, wenn es ganz böse Richtungen annimmt, dann gehen auch Familien auseinander. Solange das aber nicht so ist, sind diese Begegnungsmomente Gold wert.

Stichwort Islam: Religion und Kirchen hatten insgesamt in der DDR keinen so guten Stand. Ist das nicht vielleicht auch von der Struktur her im Osten so gekommen, dass man mit Gläubigkeit nicht allzu viel anfangen kann?

Das habe ich als Kind schon so erlebt, und auch jetzt merke ich, es geht nicht darum, dass Christen nichts mit dem Islam zu tun haben wollen, sondern generell ist es wohl so, dass es eine Misstrauenshaltung gibt, etwas Ablehnendes. Wenn du an ein homogenes Stadtbild gewöhnt bist, dann ist es viel leichter, irgendwelchen Messerstecher-Narrativen Glauben zu schenken, als wenn du wie ich mit Diversität aufwächst. Auf meiner Schule waren sehr viele Nationalitäten und viele Menschen mit verschiedenen Glaubensrichtungen, das war für mich als Kind in Baden-Württemberg etwas ganz normales.

Echt, ist das so bunt in Tübingen?

Ich war erst später in Tübingen, da ist mehr Bildungsbürgertum. Zuvor habe ich in der Nähe von Heilbronn gelebt, da sind wie auch rund um Stuttgart Mercedes, Audi und so weiter, da ist mehr Arbeiterschicht in der Autoindustrie. Da gibt es unheimlich viele Gastarbeiter-Familien mehrerer Generationen. Das Stadtbild ist auf jeden Fall ein ganz anderes.

Wie religiös bist du denn? Du hast auf deiner aktuellen Platte "Poesie & Widerstand" einen Song namens "Gebet".

Ich würde mich überhaupt nicht als religiös bezeichnen. Ich würde mich aber schon als jemand bezeichnen, der etwas Spirituelles hat, nicht Hippie-mäßig gemeint. Ich gehöre keiner Religion an. Dadurch, dass ich so nicht aufgewachsen bin, konnte ich mich da nie richtig einsortieren. Aber ich habe vieles kennen gelernt, das ich schön fand aus anderen Glaubensrichtungen. Die Geschichte meines Vaters ist, dass er in der DDR ein bekannter Musiker war und bei bekannten Bands gespielt hat, nach der Wende dann ein Schlager-Duo gemacht hat, weil die Plattenfirma das empfohlen hat. Die alten Ost-Bands sind damals ja sozusagen erst mal vom Schlitten gefallen. Er ist darüber so unglücklich geworden, dass er zu den Zeugen Jehovas konvertiert ist.

Ich habe das eher abgelehnt, und habe gleichzeitig um mich herum viele Freunde gehabt, die ganz verschiedene Glaubensrichtungen hatten. Den Song "Gebet" habe ich tatsächlich geschrieben, weil ich jemanden geliebt habe, der dem Islam angehört. Auch daran habe ich viel Schönes kennen gelernt. Da habe ich zum Beispiel dieses Gefühl erlebt, wie es ist, wenn du Sachen tust, von denen du dachtest, die würdest du niemals machen. Das war der Aufhänger für diesen Song. Denn ich bete sonst eigentlich nicht, aber jetzt.

Da würden ganz viele Menschen reflexhaft zurück fragen: Wollte diese Person, mit der du zusammen warst, dass du auch zum Islam übertrittst?

Nein, natürlich nicht. Oder zumindest habe ich das nicht so wahrgenommen. Aber klar würden die das fragen. Weil der Glaube ja dann zwanghaft sein müsse und frauenfeindlich. Das ist das verbreitete Bild. Einerseits gibt es überall Arschlöcher, die Religion missbrauchen, furchtbar ihren eigenen Zwecken dienlich machen und Menschen schrecklich weh tun. Es gibt aber auch ganz viel Schönes. Und es gibt viele unterschiedliche Möglichkeiten, wie man etwas leben kann.

Wie bist du denn ans Album heran gegangen? Sind es einzelne Songs, die miteinander nichts zu tun haben außer dass sie in der gleichen Zeit entstanden sind? Beim Vorgänger "Gute Nachrichten" hatte ich den Eindruck, dass er eine homogenere Songgruppe gebündelt hat.

Meine Alben sind meistens Zeitdokumente. Es sind oft Songs dabei, die fürs vorherige Album schon entstanden waren, doch nicht drauf sind und aufs nächste kommen. In der Zeit, in der ich das Album schreibe, fühlt es sich für mich jeweils stimmig an. Bei "Gute Nachrichten" war es so: Ich hatte einfach mal Bock auf Sound mit Band, ich hatte Lust, mich auszuprobieren. Da habe ich anders geschrieben, als ich sonst schreibe. Ich liebe es, dass ich so etwas ganz alleine entscheiden kann.

Bei Zeilen wie "Kein Despot soll ein Podium kriegen und kein Bahngleis soll sich verbiegen" finde ich's immer interessant, wo du deine Metaphern her nimmst.

Es gibt ja Songs, die sind für Leute gemacht, die vielleicht einen Zugang zum Thema bekommen sollen. Dann schreibst du anders, als wenn du für die Leute schreibst, die schon voll im Thema sind. Und die du dann vielleicht damit empowern kannst. Oder andere Songs, für die ich selber Sachen nicht zuende reflektiere, genau weil ich sie dann in einen wütenden Song packe. So war es eher bei der Entstehung von "Gute Nachrichten", da war mir auch einfach danach.

Bei "Poesie & Widerstand" habe ich gemerkt: Ich möchte und brauche jetzt eine Adler-Perspektive, auch ein Zurück zu meinen Wurzeln - ganz konkret musikalisch. Zum Beispiel sind viele Umgebungsgeräusche auf dem Album, Atmo, tatsächlich aus meiner Küche, oder wenn ich die Fenster aufmache, wie dann die Straße klingt. Oder die Atmosphäre von dort, wo die Songs entstanden sind, manche zum Beispiel bei einer Session am Lagerfeuer im Wald. Diese holzigen Gitarren liebe ich total.

Was jetzt die Texte angeht und die Haltung der Poesie brauchte ich etwas, was im Kern bei uns allen Thema ist und das Menschsein anspricht. Bezogen darauf, dass wir vielleicht aufeinander herum hacken und uns gegenseitig doof finden und streiten und dann dass wir wieder zusammen kommen. So ein "Ey, bevor es jetzt echt kalt hier wird, müssen wir am Bobbes zusammen rücken und gucken: Was wollen wir eigentlich von diesem Leben und wer wollen wir sein? Als Menschen und als Gesellschaft und wo kann ich Halt kriegen, wenn das jetzt eng wird?" Es geht auch darum, die eigene Verletzbarkeit zu zeigen.

"Es ist menschlich, dass du Angst hast, etwas zu verlieren, je mehr du hast"

Du hast vorhin erwähnt, dass dein Vater nach der Wende aus monetären Gründen ins Schlagerfach gewechselt ist. In welchen Bands hat er zuvor gespielt?

Er hat bei Amor und die Kids gespielt und war eine Zeitlang sogar Vertretung bei den Prinzen. Amor und die Kids waren relativ bekannt mit ihrem Super-Hit-Album "No More Bockwurst". Ich habe noch die Schallplatte. Einer der großen Hits heißt "Komm doch mit zu 'nem Ritt auf dem Sofa". (lacht)

Er hat auch noch in anderen Bands mitgespielt, soweit ich weiß, denn er kann alle möglichen Saiteninstrumente. Später hat er sich auch mit Produktion beschäftigt. Er ist schon ein Crack. Aber er hat dann aufgehört, denn das mit dem Schlager hat ihn nicht glücklich gemacht, kann man sich ja denken. Erfolg zu haben mit etwas, das du richtig schlimm findest, ist die Hölle. Dann lieber mit etwas scheitern, das du richtig geil findest.

Es gibt ein anderes Interview, in dem du gesagt hast, du seist nicht mehr glücklich gewesen mit dem Hype. Das ist interessant, denn unsere ganze Social-Media-Welt lebt von Hypes. Alle wollen gehyped werden.

Also, ich würde gerne für meine Arbeit so viel Geld verdienen, dass ich mich einigermaßen sicher fühle und dass ich die Arbeit weiter machen kann. Das ist das, was ich möchte, und deshalb muss ich Social Media machen, weil das dazu gehört. Am Anfang war das ja eine Chance. Ein Hype ist etwas anderes als ein nachhaltiger Weg. Das sind verschiedene Stränge.

Natürlich ist es schön für mich in der Öffentlichkeit zu stehen und ein wahnsinniges Privileg, Konzerte zu spielen. Aber es gab eine Zeit, da wurde ich zu so einem komischen Guru gemacht. Diese Geschichte ging so richtig steil mit "Das Testament" beim Wiener Radio FM4. Damals wurde ich zum ersten Mal mit komischen Blut- und Boden-Hippie-Bewegungen konfrontiert, die total faschistisch sind. Da war für mich plötzlich klar: Du kannst nicht mehr an den Klamotten, die jemand trägt, erkennen, wie er bezüglich seiner Gesinnung drauf ist.

In Plauen hat mir kürzlich jemand gesagt: "Weißt du, früher war es eindeutig, da kamen die Glatzen mit den Springerstiefeln, aber heute ist es so komisch diffus geworden, da weißt du gar nicht mehr, wer wo steht." Für mich war das damals (in Österreich vor zehn Jahren - Anm. d. Red.) schon klar, dass irgend etwas ganz komisch läuft. Und es hat mein Menschenbild verändert. Das habe ich auch an dem Tag mit dem Dalai Lama gedacht: Es ist gewaltvoll, jemanden total zu hypen. Denn genauso schnell fällst du auch wieder, wenn du die Erwartung der Leute nicht erfüllst. Eigentlich laden sie ja nur Verantwortung auf dir ab. Du musst jetzt für uns so und so sein, und wenn du das nicht bist, dann fällst du auch wieder. Und das ist keine echte Resonanz, da sind wir wieder beim Thema.

Wenn du gehyped wirst, gehen die Leute scheiße mit dir um. Richtig scheiße. Da gibt es ganz wenige, die noch Grenzen wahren, dich richtig anschauen, wirklich gucken, wer du bist und was du gerade brauchst. Die Verständnis haben. Das hat mich seelisch richtig fertig gemacht. Keine Frage, ich finde es schön, Wertschätzung zu bekommen. Aber nur wenn es sich für mich echt anfühlt.

Du bist genau in der Zeit nach Sachsen gezogen, als Pegida sehr am Kochen war. Das heißt, du warst 2015/16 wahrscheinlich auch schon hellhörig und hast erlebt, wie sich dein Lied "Das Testament" auf rechtspopulistischen Plattformen verbreitet hat.

Ja, das war diese Zeit.

Jetzt sind wir zehn Jahre weiter. Ich kenne Menschen, die heute im Süden wohnen, aber noch Verwandtschaft oder noch nicht zerbrochene Bekanntschaften von früher in Sachsen haben, die sagen mir immer wieder: Es ist in Sachsen anders als in Sachsen-Anhalt, wo die jungen Leute wegziehen. In Sachsen sind viele saturiert, aber wo sich Verlustängste entwickeln, läuft man Rechtspopulisten nach. Wo kommt diese Verlustangst her, und wie kann man ihr mit Rückgrat begegnen?

Ja, das ist eine schwierige Frage. Ich finde, es sitzt schon ein tiefes Trauma in den Menschen, die die Wende erlebt haben - auf eine Art. Und es ist menschlich, dass du Angst hast, etwas zu verlieren, je mehr du hast. Das kenne ich von mir selber auch.

Und wie begegnet man den Internet-Trollen, um nochmal auf "Das Testament" zurück zu kommen? Die haben damals dein Lied vereinnahmt und dessen Aussage zweckentfremdet.

Ich habe jahrelang viel Geld ausgegeben und mit vielen Mitarbeitenden viel Kraft da gelassen haben, dieses Zeug im Internet zu kommentieren und das so genannte Community-Management zu machen, um das Ganze umzulenken. Weil man immer mehr in Hass-Bubbles hinein gespült wird, wenn man es nicht verwaltet. In den letzten Jahren habe ich im Austausch mit Kolleg:innen gemerkt: Das ist nicht zu managen und man muss irgendwie auch auf seine Gesundheit achten. Ein bisschen gucken, dass man das Gute und Schöne weiter wachsen lässt. Dass man den Menschen vor allem in echt begegnet. Also, das ist die einzige Rettung an der Stelle für mich auch.

Ich möchte auch nicht alle Kommentare lesen. Wichtiger ist es zu sagen: Ich spiele meine Gigs, und ich trete da und dort auch mal auf, wo die Leute auf Hut kommen (freiwillig eine Spende da lassen bei freiem Eintritt - Anm. d. Red.). An Orten, wo ich weiß, die freuen sich auf mich, oder denken: "Da gehen wir jetzt mal hin und schauen, was die so macht." Wenn es dann ein schöner Abend wird, und ich sie irgendwie gekriegt habe.


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