laut.de-Kritik

Die Hände bitte schön an der Gitarre lassen.

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Was unter der Regierung Trump in den USA so abgeht, geht Seasick Steve gehörig gegen den Strich. Der weit gereiste Kalifornier, den es nach Norwegen verschlagen hat, blickt zunehmend fassungslos auf sein Heimatland. Er sieht sogar dessen Ende nahen. Für einen Bluesmusiker wären das eigentlich prima Voraussetzungen, um aus dem Vollen zu schöpfen. Vieles muss dem 75-Jährigen auf der Seele brennen, und sein singer-songwriterischer Stil bietet genügend Raum fürs Storytelling. Doch verspricht der dramatische (und tolle) Titel "The Last Season Of America" mehr, als am Ende eingelöst wird.

Der Titelsong eröffnet das Album melancholisch und schleppend. Wie gewohnt steht die Gitarre im Zentrum, und erst nach einer Weile erklingt die Stimme des Gastgebers: "Oh have you come / To see the last show? / It's the last season of / The America that we know", klagt er brummend. Es sei vorbei, "they're shutting the whole thing down" – mehr lyrische Tiefe kommt dann aber nicht. Stattdessen viel lalalala.

Na gut, vielleicht ist das ja nur ein einleitender Themesong. Und tatsächlich führt "Bad Things" die Gedanken fort: Den Amtsinhaber im Weißen Haus erwähnt Seasick Steve zwar nicht namentlich, aber es ist klar, wer gemeint ist. Wichtig sei dem orangen Elefanten im Raum nur, dass die Reichen reicher würden. Dessen Wählerschaft adressiert der Blueser direkt: "Are your eyes open now to the truth / He never cared about no poor / and there ain’t no money / coming to your door."

Seine Reime mögen mitunter ungelenk sein, aber hier hat er immerhin was zu sagen. Musikalisch kommt die Nummer angenehm funky daher, weshalb auch die Begleitband Erwähnung finden sollte: Martin Terefe steht am Bass, Dave Okumu steuert die zweite Gitarre bei und Dan Magnusson die Drums.

Der relaxte "Above Ground Boogie" wechselt das Thema und widmet sich dem Altern. Die Botschaft: Es sei gut, einen weiteren Tag über der Erde zu erleben. That's it. So plätschert das Stück ZZ Top grüssend vor sich hin und empfiehlt sich allenfalls als Hintergrundmusik fürs Badputzen. Auch das rockigere "Bootstraps" fällt weder besonders störend noch elektrisierend auf.

In der Albummitte fordert "El Camino" die Aufmerksamkeit zurück: Erneut wird eine schwermütige Stimmung ausgebreitet, bis Steve unverhofft sein Spanisch auspackt. Zudem scheint er mit neu gewonnener Intensität zu singen. Ein Jungbrunnen? Verwundert wandert der Blick zur Playlist, und siehe da: Ricardo Arjona ist hier zu hören. Der Gastsänger wertet den Song (und damit das Album) definitiv auf.

Weiter geht's mit beschwingtem Surfrock. Das instrumentale "Surf's Flat" ist ganz okay, krankt aber an ... nun ja, unangenehmen Stöhngeräuschen, die Steve absondert. Permanent und penetrant. Was soll das bloß? Die Hände bitte schön an der Gitarre lassen, wo wir sie sehen können.

"Free Man" führt in einen abgeranzten Bluesclub. In solch einem Setting kriegt Seasick Steve den Kopf wieder beieinander und rechnet mit raffgierigen Gestalten im Musikgeschäft ab: "I had a manager and an agent / they did nothing but take the payment." Nun kümmere er sich selbst ums Geschäftliche und fühle sich als freier Mann. Immer mehr Frust bricht sich Bahn, und wenn er die 'record company people' zum Schluss als "useless motherfuckers" beschimpft, dreht die Band passend dazu auf: verspielt, röhrend, befreit. Sicherlich ein Anspieltipp.

In "Somebody" wird es spirituell, wenn der Musiker sich trotz geerdetem Sound an den Herrn im Himmel wendet. Was ihn plagt? Unklar. Vage ist von diesem und jenem 'thing bothering me' die Rede, und von der Angst, vom Weg abzukommen. Den Rest muss man sich denken. Der Mangel an Substanz irritiert: Natürlich dürfen Lyrics unscharf bleiben, mit Mehrdeutigkeiten und Interpretationsspielraum arbeiten. Aber wenn da wirklich nichts kommt außer leeren Worthülsen, die sich andauernd wiederholen, ist das zu wenig. Platzhalter-Lyrics. Ein psychedelischer Galopp bringt wenigstens etwas Dynamik rein.

Ähnliche Schwächen weist "Matilda From Ottawa" auf, ein zartes Liebeslied. Wir erfahren, dass sich der Erzähler an die titelgebende Dame wendet, die in den Norden gezogen ist (wegen der Trump-Regierung? Ach was, dieser Faden ist längst verloren gegangen.) Hat sie sich dort gut eingelebt? Hat sie eine neue Liebe gefunden, will Steve säuselnd wissen. Er hofft auf einen Brief von ihr, um zu erfahren, wie das Wetter so ist. Naja. Man kriegt die generelle Idee schon mit, aber ein Johnny Cash ist der bärtige Barde wahrlich nicht. Streicher klatschen auch noch rein, ist ja klar.

Im letzten Track "Feel The Sun" erinnert sich Seasick Steve wieder ans Albummotto. Er nutzt die Gelegenheit, um Mut zu machen: "We got the power / to change the writing / yeah on the wall" (noch so ein Ärgernis: Wo immer eine Silbe fehlt, fügt er einfach ein 'yeah' ein) "So don't lose your faith / It is the night / but the dawn will come." Dass hier ein Bläsertrio erklingt, verleiht dieser Rockradio-Nummer eine erhabene, ja sogar überraschende Note. So endet das Album wenigstens auf ordentlichem Niveau.

Als Gesamtwerk bleibt "The Last Season Of America" dagegen nur lauwarm: nicht schlecht genug, um sich daran zu stören, aber auch nicht gut genug, um es zu empfehlen. Zu oft bleibt Seasick Steve im Schablonenhaften stecken. Er mag ein flotter Dude sein, doch der Abgesang auf die USA hätte einen schmissigeren Soundtrack verdient.

Trackliste

  1. 1. The Last Season Of America
  2. 2. Bad Things
  3. 3. Above Ground Boogie
  4. 4. Bootstraps
  5. 5. El Camino
  6. 6. Surf's Flat
  7. 7. Free Man
  8. 8. Somebody
  9. 9. Matilda From Ottawa
  10. 10. Feel The Sun

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