24. April 2026
"Wir sollten noch einen Tanz wagen, bevor das Schiff untergeht"
Interview geführt von Dani FrommWie rollt man drei Dekaden Crew-Geschichte auf? Am besten chronologisch, vom Debüt bis zum jüngsten Album "Jestures", zu jedem Release eine Frage. So sprechen wir mit Rapper und Texter Slug über Tapes, Vinyl und Streaming, ausufernde Touren vor verschiedenen Zielgruppen, Musik als Job, die (Un-)Vereinbarkeit von Beruf und Familie, gefallene Helden, die Zustände in Minneapolis, Polizeigewalt und den kollabierenden Kapitalismus. Am Ende wissen wir außerdem, wieso weder Majorlabels bei Atmosphere landen konnten noch Produzenten-Legende Rick Rubin.
Seit drei Jahrzehnten mischen Atmosphere mittlerweile im Hip Hop-Game mit, und obwohl durchaus lukrative Angebote gab, sind sie in all der Zeit immer unabhängig geblieben. Ihre eigene Plattform Rhymesayers ist längst eine feste Größe im Biz, kümmert sich unter anderem um Aesop Rock, Evidence und Sa-Roc, pflegt das Erbe von MF DOOM - und natürlich auch die umfangreiche Diskografie von Atmosphere. An der entlang hangelten wir uns im Interview durch die Crew-Geschichte.
Ein einigermaßen wahnsinniger Plan, wie sich recht schnell zeigte: Slugs Auskunftsfreude sprengte die ursprünglich anvisierten 30 Minuten komplett. Obwohl (wie eigentlich immer) eine Tour direkt bevorstand - Atmosphere spielen aktuell in Europa, sind am 27. April in Köln, am 28. in Hamburg und am 3. Mai in Berlin anzutreffen - hängte er gut gelaunt eine großzügige Stunde an, in der er unter anderem auch auf die aktuelle Situation in seiner Heimatstadt Minneapolis zu sprechen kam.
Habt ihr ein bisschen Zeit mitgebracht? Wir werden sie brauchen. Es wird wild, versprochen:
25 Jahre in dem Geschäft, und ich bin immer noch nervös, ey. Hab' ich den richtigen Termin im Kopf? Steht die Verbindung? Spielt die Technik mit?
Slug: Oh, Mann. Du sprichst so ungefähr mit dem unzuverlässigsten, technisch unbegabtesten Menschen, den es gibt. Sind wir uns schon einmal begegnet?
Nee. Aber ich verfolge eure Arbeit inzwischen seit locker zwanzig Jahren.
Mein Beileid. Worüber willst du sprechen?
Vielleicht ist die Idee völlig dumm. Aber da es euer 30-jähriges Jubiläum zu feiern gilt, dachte ich: Wir hangeln uns an eurer Diskografie entlang, von den Anfängen bis heute. Ich stell' zu jedem Album eine Frage, und wir gucken mal, wohin uns das führt?
Okay, alles klar. Was immer du willst. Legen wir los?
Gut, starten wir in grauer Vorzeit: Atmosphere formierten sich 1996, damals wart ihr Highschool-Kids ...
Eigentlich noch früher. Die erste Besetzung der Gruppe gab es schon 1993. Das waren ich und ein anderer Rapper namens Spawn. Ich war sein DJ. Warte, eigentlich war das schon 1992. Ich war jedenfalls der DJ. Das war so ein Kindheitstraum, als ich aufgewachsen bin. Ich habe gelernt zu scratchen, zu mixen, ich hab' mir die ganzen Tricks beigebracht, und ich habe Platten gesammelt. Das war, was ich machen wollte. Aber dann hat Spawn mich dazu überredet, Hype-Man-Vocals für ihn zu machen. Und dann hat er mich breitgequatscht, selbst mit dem Rappen anzufangen, und, was soll ich sagen? Es gefiel mir. Ich habe schon immer gerappt. Ich konnte rappen, ich habe früher gefreestylt, einfach so zum Spaß. Aber als Spawn mich drängte, sein Partner zu werden, hab' ich es ernster genommen und angefangen, richtige Reime zu schreiben. Stellte sich raus: Ich war irgendwie gut darin. Es hat Spaß gemacht, ich mochte es, aber ich war immer noch DJ. Ich habe immer noch gescratcht, gemixt und Platten gekauft. Es war also nicht so, dass ich das DJ-Dasein aufgegeben hätte, ich dachte mir nur: Okay, jetzt bin ich also auch ein Rapper.
1995 trafen Spawn und ich dann Ant, und er fing an, die Beats für uns zu bauen. Was gut war, denn Spawn und ich waren sehr langsam darin. Unglaublich langsam. Wir haben etwa zwei Songs pro Jahr fertigbekommen. Nachdem wir uns mit Ant zusammengetan haben, machten wir auf einmal etwa sechs Songs pro Woche. Plötzlich waren wir also sehr produktiv. Ich schrieb jede Menge Raps, baute sozusagen meine Muskulatur auf und trainierte mein Songwriting. Und das war es dann. Spawn blieb dabei bis zur Veröffentlichung von "Overcast!", dem ersten Album im Jahr 1997. Danach verließ er die Gruppe. Er hatte besseres zu tun, wichtigere Dinge. Eine Familie gründen, verheiratet sein, solche Sachen. Er wollte einfach erwachsen werden. Ich hab' das vollkommen verstanden, denn zu dieser Zeit haben wir keine Chance gesehen, aus der Musik eine Karriere zu machen. Wir haben das nur zum Spaß gemacht. Dass er etwas anderes mit seinem Leben anfangen wollte, habe ich also verstanden.
Davor hatten wir Songs auf Kassette veröffentlicht, auf verschiedenen Compilations, mit einem Haufen befreundeter Rapper aus meiner Stadt, den Headshots. Ähnlich wie die Hieroglyphics, die Boot Camp Clik, Hobo Junction und all die anderen, oder der Wu-Tang Clan, gab es diese Gruppen, in denen verschiedene Acts zusammenfanden. Wir versuchten, das nachzuahmen, und gründeten Headshots. Etwa 20 Rapper aus meiner Stadt. Das war cool, weil es uns ermöglichte, uns lokal einen Namen zu machen. Ich habe das als Vehikel genutzt, um die Leute auf uns als Individuen und auf unsere Kunst aufmerksam zu machen, was schließlich zum ersten Album "Overcast!" führte. Spawn rappt darauf zwar noch, aber danach verschwand er. Er verließ die Gruppe.
Er ließ euch als Duo zurück.
Das ist korrekt.
Womit wir im Jahr 1999 wären, bei "Headshots: Se7en". Von der Headshots-Crew hast du schon erzählt. Das Album erschien nur auf Kassette?
Yepp.
Ich weiß nicht, wie es in den USA ist: In Deutschland haben Tapes in den letzten Jahren ein kleines Revival erlebt.
Ja, hier auch.
Warst du ein Tape-Sammler? Oder bist du es noch?
Ja, ich sammle immer noch Tapes. Es ist lustig: Als Kind hörte ich auf, Tapes zu sammeln, als die CD erfunden wurde. Ich fing an, CDs zu kaufen, weil ich dachte: Oh, das ist cool. In den Jahren zwischen 1989 und 1999 habe ich also nicht so viele Tapes gekauft. Aber als wir dann das Headshots-Tape herausbrachten, beschloss ich, wieder anzufangen, denn man braucht ja immer mehr Zeug, für das man sein Geld ausgeben kann. Davon abgesehen, habe ich eine ziemlich gewaltige Sammlung von Kassetten, Vinyl, CDs und einfach allem, weil ich es liebe, Dinge zu sammeln.
Ich habe gehört, du bist ein Vinyl-Mensch. Jemand, der darüber nachdenkt, wie viele Songs auf jede Seite passen, welcher der erste sein muss, und mit welchem du die B-Seite beginnst.
Oh, ja. Wenn wir Platten machen, sind Ant und ich beide große Verfechter der Vinyl-Kultur. Wir haben das bei jedem Album oder Projekt im Hinterkopf. Wir denken in erster Linie an Vinyl. Wir machen es für Vinyl, und dann landet es natürlich auch im Streaming, was nicht wirklich die gleiche Präsenz hat. Aber ja, wenn wir etwas machen, machen wir es für Vinyl.
Glaubst du, das Medium, auf dem Musik erscheint, beeinflusst nicht nur die Art und Weise, wie Musik entsteht, sondern die Musik selbst?
Ja. Es gibt einen Unterschied im Klang, zwischen Kassette und Vinyl. Kassetten sind eigentlich am besten. Für mich klingen sie am besten. Wenn man etwas auf Tape hört, ist es nicht nur analog, sondern es hat auch eine magnetische Chemie, die, wie ich glaube, auf irgendeine Weise mit der Kindheit resoniert. Ich glaube, jedes Kind, das vor 1990 geboren wurde, hat Erfahrungen mit Kassetten gemacht. Da steckt irgendetwas im Klang, im physischen Aspekt, es aus der Hülle zu nehmen, es in den Player zu legen, auf Play zu drücken.
All diese Dinge bergen eine Nostalgie, die meiner Meinung nach einen Effekt darauf hat, wie die Musik für den Hörer klingt und wie sie sich anfühlt. Die persönliche Beziehung, die man zu seiner Musik hat, reicht, glaube ich, immer in die Kindheit zurück. Wenn man ein Kind war, das mit Vinyl aufgewachsen ist, neigt man wahrscheinlich immer eher dazu, Musik auf Vinyl zu genießen. Es ist vielleicht nicht so komfortabel. Aber wenn man sich Zeit nimmt, um sich einfach hinzusetzen und zuzuhören, hat es etwas, die Nadel anzuheben, sie auf die Platte zu senken und dann das kleine Knistern zu hören ... Das alles ist Teil unserer Beziehungen.
Wenn du also mit Vinyl aufgewachsen bist, solltest du meiner Meinung nach immer noch Vinyl hören. Wenn du mit Kassetten aufgewachsen bist, solltest du immer noch Kassetten hören. Wenn du ein Kind der CD bist, bist du wohl für einen digitalen Klang prädisponiert, und das geht völlig klar. Dem Streaming stehe ich gleichgültig gegenüber, weil es dabei nichts zu besitzen gibt. Ein Teil der Beziehung, die ich zu Musik habe, kommt daher, dass ich sie kaufen, mit nach Hause nehmen und öffnen musste, bevor ich überhaupt wusste, ob sie mir gefällt.
Vielleicht gefällt mir eine Platte nicht, dann habe ich das Gefühl: Oh, ich habe gerade acht Dollar verschwendet. Aber das ist Teil der Beziehung. Sie gehört mir, und auch, wenn sie nicht meine Lieblingsplatte ist, gehört sie mir immer noch und sagt etwas darüber aus, wer ich bin. Genau wie eine Sammlung von Büchern oder DVDs. Es zeigt den Leuten um dich herum, wer du bist, wenn sie sehen können, welche Art von Musik du magst, welche Bücher du magst, oder welche Filme. Der physische Aspekt von Vinyl, Kassette, CD ... ich denke, das ist wirklich wichtig.
Selbst wenn man nichts Physisches besitzen will, ist der Kauf von MP3s oder WAV-Dateien immer noch wichtig, weil er einen dazu zwingt, diesen Kauf mit seinem Leben auszuhandeln. Man braucht trotzdem einen Ort, um sie zu speichern. Heutzutage ist die Speicherung digitaler Dateien irgendwie verrückt, weil alles in der Cloud ist. Seine Sachen auf eine Festplatte zu ziehen, Platz schaffen zu müssen, um ein bestimmtes Album draufzupacken, das dann wieder Platz wegnimmt, ist, glaube ich, immer noch Teil der Verbindung, die man zu seiner Musik nur haben kann, wenn man sie besitzt.
Verstehe ich. Um eine Verbindung aufzubauen, reicht mir eine Datei aber nicht. Ich brauche etwas Physisches zum Anfassen, auf Vinyl, auf Kassette ...
Ich empfinde das genauso. Aber ich weiß auch: Ich erinnere mich an die frühen 2000er, als jeder Musik herunterlud oder bei iTunes kaufte. Damals war ich ein wenig voreingenommen dagegen. Aber im Nachhinein denke ich mir, man hatte immer noch eine Verbindung. Man war gezwungen, Geld zu bezahlen, für das man gearbeitet hatte. Ein Album hat dich eine ganze Stunde Arbeit gekostet. Das ist wichtig, weil das bedeutet: Man hat sich dazu verpflichtet, es zu kaufen, es anzuhören, zu entscheiden, ob es einem gefällt, und man musste sich überlegen, wo man es aufbewahren will. Ich stimme dir zu, ich ziehe es auch vor, meine Musik physisch anzufassen. Aber ich finde, wir sollten die Leute, die digitale Musik kaufen, nicht abschreiben. Streaming allerdings, wie gesagt, das ist seltsam, es fühlt sich nicht echt an. Für mich ist Streaming wie Radio, als würde man einfach im Auto Radio hören. Das ist auch okay, ich verurteile dich nicht, wenn du deine Musik so konsumierst. Aber du hast nicht dieselbe Verbindung zum Radio wie zu deiner Plattensammlung.
Wo wir gerade von den frühen 2000ern und verschiedenen Arten von Veröffentlichungen sprechen: Um 2000, 2001 herum hast du mehrere EPs veröffentlicht, "Ford One", "Ford Two" und die "Lucy EP". Macht es für deine Arbeitsweise einen Unterschied, ob du eine EP oder ein Album planst?
Als ich das "Headshots"-Tape machte, war "Lucy" mein Solo-Tape. Alle anderen Headshots-Tapes waren eher Compilations aller Künstler, die mit Headshots verbunden waren. Als "Headshots: Se7en" entstand, dachte ich: Hey, ich habe genug Material, um mein eigenes Tape zu machen. Also tat ich das. Zu der Zeit war mir noch nicht klar, dass wir nur noch ein Duo sein würden, ich und Anthony. Ich dachte, Spawn würde vielleicht doch wieder auftauchen und Musik machen. Ich hab' dieses Tape nebenbei gemacht, einfach, um einen Teil des Materials loszuwerden, das sich angesammelt hatte, weil ich so viele Songs schrieb. Ich sollte es eigentlich nicht "loswerden" nennen, denn etwa auf halbem Weg wurde mir klar: Okay, ich mach' ein Tape. Dann fing ich an, mich darauf zu konzentrieren, was auf dieses Tape draufsollte.
Bei "Lucy Ford" war es ähnlich, da hatte ich auch noch nicht ganz akzeptiert, dass Spawn weg war. Ich wollte einfach ein paar EPs machen, Nebenprojekte, sozusagen, während ich auf das nächste Atmosphere-Album wartete. Irgendwann beim Schreiben dieser Songs wurde mir klar: Ich glaube nicht mehr, dass Spawn zurückkommt. Also mussten wir entscheiden, was wir mit den EPs machen wollen. Ich hatte externe Produktionen von anderen Produzenten dabei, für Atmosphere wollte ich das nicht. Das sollte eigentlich nur mein Slug-Soloprojekt sein, unter anderem deswegen hatten wir entschieden, es in EPs aufzuteilen. Wenn man das damals auf Vinyl kaufen wollte, musste man "Ford One", "Ford Two" und die "Lucy EP" kaufen. Das waren drei verschiedene Platten, getrennt voneinander, jede sollte für sich stehen.
Dann riefen uns Leute an und fragten, ob wir in ihren Städten Shows spielen könnten. Also haben wir eine Tour gebucht. Erst da entschied ich mich, all diese EPs auf einer CD namens "Lucy Ford: The Atmosphere EPs" zusammenzufassen, weil ich wusste, dass ich CDs bei den Shows besser verkaufen konnte. Davon passen mehr hinten in den Van, man kann mehr mitnehmen, sie sind kleiner, nehmen nicht so viel Platz weg, und beim Direktverkauf kann man sich damit vor den Club stellen und sie leichter verkaufen, als wenn man klobige Kisten voller Vinyl schleppen muss. Also beschloss ich: Alles klar, wir pressen das auf eine CD und nennen es einfach die "Lucy Ford EPs", im Plural, damit die Leute raffen, dass das die drei kombinierten EPs sind.
Um deine Frage zu beantworten: Wenn man an eine EP herangeht, ist es tatsächlich anders. Der Druck ist viel geringer als bei einem Album. Eine EP ist nur eine kleine Sammlung von Songs, die nicht unbedingt stark miteinander verbunden sein müssen. Es braucht kein Konzept oder so. Leider habe ich die Macke, einfach alles konzipieren zu wollen. Ich denke zu viel nach. Selbst bei etwas so Simplem wie dem Kombinieren von drei EPs habe ich mir Extra-Arbeit gemacht, damit alles irgendwie Sinn ergibt. Dabei herausgekommen sind die "Lucy Ford EPs".
Etwa in dieser Zeit hast du entschieden, deine normalen Jobs aufzugeben und Vollzeitmusiker zu werden?
Ja, nach "Lucy Ford" sind wir getourt, und als ich von dieser Tour zurückkam, hatte ich dabei mehr Geld verdient, als wenn ich in meinem Job geblieben wäre. Ich schaute mir an, was ich hatte, und überlegte, wie lange ich damit auskommen könnte. Ich lebte einen ziemlich bescheidenen Lebensstil, mein Budget war sehr niedrig. Ich sah mir also an, was ich mit nach Hause gebracht hatte, und dachte: Weißt du was? Ich kann meinem Kind und seiner Mutter so und so viel geben, ich kann meinem Vermieter die Miete für ein ganzes Jahr im Voraus zahlen, und dann hab' ich noch so und so viel übrig, um davon zu essen. Ich dachte, ich kann ein Jahr lang von dem Geld leben, das ich in zwei Monaten auf Tour verdient habe. Genau das habe ich getan: Ich kündigte meinen Job und erkaufte mir ein Jahr Zeit, um rauszufinden, wie ich mehr Geld verdienen kann. Und das mache ich seither.
Jedes Mal, wenn ich toure, wenn ich irgendetwas mache, lebe ich immer noch von dem Geld, das ich davor verdient habe. Ich verdiene einfach genug, um meine Zukunft im Voraus zu bezahlen. Sicher, heute ist alles größer und Atmosphere ist zu einem Wirtschaftsunternehmen geworden, das etwa zwölf Leute und ihre Familien ernährt. Es hat sich also schon verändert. Aber damals, ganz am Anfang, ging es wirklich nur darum: Okay, wie teile ich mir ein, was ich gerade mitgebracht habe, damit ich losziehen und mehr Musik machen und wieder touren kann? Ich kam also mit Geld nach Hause und habe es komplett durchgeplant, um zu wissen: So viel Zeit habe ich, um herauszufinden, was als Nächstes kommt.
Wenn die Musik vom Hobby zum Beruf geworden ist, der die Miete bezahlen muss, hat das nicht die Art und Weise beeinflusst, wie du Musik machst?
Ich musste mir damals nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob die Musik meine Miete bezahlt. Die hatte ich ja mit den Shows bezahlt. Wenn wir Musik verkauft haben, habe ich das Geld nicht in meine eigene Tasche gesteckt. Ant und ich haben alles wieder in Rhymesayers investiert, um dort Musik von anderen veröffentlichen zu können. Das Geld zum Leben nahmen wir aus den Shows. Ich hatte also quasi zwei Jobs: Der eine war das Konzipieren, Schreiben und Aufnehmen kreativer Musik, der andere das Spielen von Shows. Das zweite war für mich entscheidend, weil mich das gelehrt hat, meine Shows ernster zu nehmen. Ich habe gelernt, präsent zu sein, dem Publikum 110 Prozent zu geben, weil ich möchte, dass sie sich wertgeschätzt fühlen. Ich will, dass sie das Gefühl haben, auch etwas für ihr Geld zu bekommen. Ich habe also mein Herzblut in die Shows fließen lassen, weil ich diesen Job behalten wollte. Coolerweise ermöglichte er mir ja, nebenher weiter Musik zu machen. Musik ist also eigentlich mein Hobby geblieben. Musik zu performen, war mein Job.
So lange es so funktioniert: alles richtig gemacht. Wir sind im Jahr 2002, wenn wir in diesem Tempo weitermachen, kommen wir nie in der Gegenwart an, fürchte ich.
Ach, wir schaffen das schon.
Wenn du das sagst ... dann hätten wir als nächstes "God Loves Ugly", ein riesiger Erfolg. Mit dem kamen die Major-Labels. Hast du jemals darüber nachgedacht, eines dieser Angebote anzunehmen?
Nein, das habe ich nicht. Als die Labels kamen, war ich gespannt, wie sie uns bewerten würden. Es ist immer schön zu sehen, wie viel man anderen wert ist - und sie haben viel mehr geboten, als ich erwartet hatte. Wir waren allerdings fest entschlossen, die Kontrolle über unser Schaffen zu behalten. Also gingen wir zu diesen Labels, hörten uns ihre Pitches an und sagten ihnen am Ende: Okay, wir haben zwar kein Interesse an einem Plattenvertrag, aber wir interessieren uns für einen Vertriebsdeal. Wir wollen, dass ihr unser ganzes Label unter Vertrag nehmt und uns einen Vertriebsdeal für das gesamte Label gebt. Dann könnt ihr mit Atmosphere machen, was ihr wollt.
Atmosphere werden für euch arbeiten. Ihr werdet der Boss sein, aber nicht im Sinne von: Ich schulde euch so und so viele Alben. Sondern: Ich liefere die Musik bei Rhymesayers ab, ihr bringt sie raus und entscheidet, wie ihr sie vermarkten, wie ihr damit arbeiten, was ihr damit machen wollt. Im Gegenzug helft ihr uns, unseren restlichen Katalog und unser gesamtes Roster weltweit verfügbar zu machen. Das wollte bloß niemand, was interessant war, weil wir ja nicht einmal einen Vorschuss wollten. Da waren also diese Labels, die mir eine Million Dollar anboten, damit ich bei ihnen unterschreibe, und ich sagte: Wisst ihr was? Behaltet das Geld und gebt mir stattdessen einen Label-Deal, und ihr müsst mir gar nichts vorstrecken, weil ich es nicht brauche. Ich hatte mein Geld bereits eingeteilt und mit Touren Geld verdient, also brauchte ich keine Million Dollar. Ich hatte keine Million Dollar, versteh' mich nicht falsch, aber ich hatte genug, um ein Jahr lang zu leben, und dieses Jahr wollte ich nutzen, um mehr zu verdienen. Sie wussten also nicht, was sie mit mir anfangen sollten. Ich glaube nicht, dass sie auf meinen Vorschlag vorbereitet waren.
Und dann gab es da ein Label, das sagte: "Hey, wie wäre es damit: Wir machen den Vertrieb für ein paar eurer Alben, nicht nur Atmosphere, sondern ein paar Künstler eures Labels, um zu sehen, wie es läuft", und das waren Epitaph. Das bringt uns zu "Seven's Travels" im Jahr 2003. Nach diesen Treffen, nach "God Loves Ugly", war das das eine Label, das ich schätzte, weil sie zuhörten und gerafft haben, was wir vorhatten. Obwohl sie sich nicht bereit fühlten, genau das zu tun, wonach ich suchte, boten sie uns eine Idee an, die gut funktionierte. Sie sagten: "Hey, passt auf, wir machen den Vertrieb, ihr müsst keinen Vertrag unterschreiben. Wir vertreiben eine Atmosphere-Platte und eine I Self Devine-Platte. Dann sehen wir, wie es läuft, und wenn uns gefällt, was passiert, besprechen wir das nächste Projekt, und so weiter." Das hab' ich respektiert, weil ich sah, dass es ihnen nicht nur darum ging, schnelles Geld zu verdienen. Sie wollten herausfinden, wie sie in diese Szene einsteigen können.
Außerdem brachten sie mich zwei Jahre hintereinander auf die "Warped"-Tour. Das hat wirklich geholfen, unser Publikum zu erweitern. Damals haben wir zwar schon ganz ordentlich Leute gezogen, aber die stammten alle aus einer bestimmten demografischen Gruppe, aus der Underground-Rap-Szene. Jungs und Mädels, die auf Underground-Rap standen und ihn im Internet entdeckt hatten, das war unser Zielpublikum. Die "Warped"-Tour ermöglichte uns, vor Kids zu spielen, die auf Emo, Punkrock und Alternative standen. Das hat viel dazu beigetragen, nicht nur mein Publikum zu vergrößern. Ich habe außerdem gelernt, wie man vor diesen Leuten performt. Wie man vor meinem Publikum spielt, hatte ich schon perfektioniert. Aber zwei Sommer lang auf der "Warped"-Tour vor Leuten aufzutreten, die keine Ahnung hatten, wer wir sind, hat mir viel Übung, Informationen und Wissen darüber beschert, wie man das überhaupt macht. Es war also eine großartige Chance, die uns Epitaph da geboten hat. Ich bin ziemlich glücklich damit.
Wie eine Rap-Crew bei einem Punk-Label landen konnte, hast du damit schon beantwortet. Ich hätte sonst gefragt, ob du irgendeine Verbindung zu Punkmusik hast.
Davor kaum, aber ich habe in Plattenläden gearbeitet. Ich hatte also mehr Kontakt zu den Leuten, die Punkmusik kauften, als zur Musik selbst. Ich kannte NoFX nicht besonders gut, aber ich kannte all die süßen Mädels, die NoFX-Platten kauften, weißt du, was ich meine? Ich wusste, dass wir ähnliche Werte vertraten. Ich wusste, wie Punkrocker tourten, wie sie Kunst machten, das war unserer Art zu touren und Kunst zu machen sehr ähnlich. Es gab also definitiv eine Korrelation, die uns und Epitaph half, auf einer Wellenlänge zu schwimmen. Ich denke, das hat geholfen. Mit einigen dieser Leute bin ich heute noch befreundet, obwohl ich seit über 20 Jahren nicht mehr mit ihnen gearbeitet habe. Es gibt ein paar Menschen bei Epitaph, mit denen ich für den Rest meines Lebens befreundet sein werde.
"Seven's Travels" war bis dahin euer größter Erfolg. Glaubst du, dass das direkt mit den massiven Touren zusammenhängt, die ihr damals absolviert habt?
Ja. Die "Warped"-Tour hat die Zahlen extrem gesteigert. Vorher spielten wir vor vielleicht 600 Leuten, was schon gut war. Aber nach der "Warped"-Tour waren es tausend. Unser Publikum hat sich fast verdoppelt, als ich nach der "Warped"-Tour die US-Tour für "Seven's Travels" machte. Was großartig war: Ich nahm ja immer noch kein Geld von meinen Platten. In dieser Phase haben wir immer noch alle unsere Tantiemen in das Label reinvestiert, sogar die Tantiemen, die Epitaph mir zahlte, flossen direkt zurück zu Rhymesayers. Ich lebte nur vom Geld aus den Shows. Als wir also anfingen, damit mehr zu verdienen, konnte ich plötzlich auch andere Künstler bezahlen, um sie mit auf Tour zu nehmen, und zwar gut. Es hat unser gesamtes Tour-Geschäft wirklich vorangebracht, dass ich komplette Tour-Pakete mit Künstlern schnüren konnte, die alle für sich genommen Headliner waren. Es war sehr hilfreich, für die Shows und für die Finanzen. Irgendwann konnte ich mir ein Haus kaufen, und ein Auto.
Davor bin ich mein ganzes Leben lang arm gewesen. Meine Mutter war arm, mein Vater war arm, wir hatten kein Geld. Deswegen ist mir auch leicht gefallen, meine Ausgaben niedrig zu halten, und als ich anfing, Geld zu verdienen, gab ich es nicht aus. Ich legte es einfach beiseite, sparte, sparte und sparte, weil ich gewohnt war, ohne Ressourcen zu leben. Es gab also keine Notwendigkeit, plötzlich Schmuck oder sowas zu kaufen. Nö, ich lebte immer noch mit einem sehr knappen Budget. Nach "Seven's Travels" hab' ich festgestellt, dass ich plötzlich eine ganze Menge Geld hatte. Ich musste erst mal herausfinden, was ich damit anstellen sollte. Da fing ich an, in irgendwelche Dinge zu investieren. Ich hab' versucht, herauszufinden, wie man ein Erwachsener mit Geld ist. Das hatte mir nie jemand beigebracht. In meinem Leben hatte ich dafür keine Vorbilder, weißt du?
Ich bin sehr dankbar dafür, wie sich das alles entwickelt hat. Ich hätte in jedem Stadium ausrutschen und von einem dieser Steine fallen können, auf denen ich stand, und wäre weggewesen. Aber hier bin ich nun. Ich tipple immer noch über die Steine und versuche, über den Fluss zu kommen, und finde irgendwie erstaunlich, wie sich das alles aus Umständen und Zufällen ergeben hat.
Du hast vorhin deinen Sohn erwähnt. War es schwierig, Tour-Lifestyle und Vaterschaft zu vereinbaren?
Das war es. Vor allem, weil ich nicht mit meinem Sohn zusammenleben konnte. Er lebte bei seiner Mutter, ich konnte ihn also sowieso nur sehen, wenn es passte, wenn ich gerade nicht arbeitete und sie Zeit hatte, dass ich ihn abholen oder dort vorbeikommen konnte. Sie ging zur Arbeit, und ich ging tagsüber hin, während sie arbeitete, so konnte ich viel Zeit mit ihm verbringen, als er noch ganz klein war. Aber als er in die Schule kam, fing ich an zu touren. In vielen dieser prägenden Jahre, sagen wir mal, von seinem siebten bis zum elften Lebensjahr, konnte ich also keine besonders große Rolle in seinem Leben spielen.
Das bedauere ich immer noch. Wenn ich an meinem Werdegang irgendetwas bereue, dann, dass ich keinen guten Weg gefunden habe, Karriere und Elternschaft unter einen Hut zu bringen. Ich habe mein Bestes gegeben und so viel Zeit wie möglich darauf verwendet, der Vater zu sein, den ich selbst nicht hatte. Aber im Nachhinein sehe ich: Alle haben Opfer gebracht und, Mann, es ist so schade. Diese Frage, die du gerade gestellt hast, ist am schwersten zu beantworten, weil ich die Wahrheit kenne: Ich habe viele dieser prägenden Jahre geopfert, um diese Karriere aufzubauen.
Dazu passt der ziemlich dunkle Vibe von "Seven's Travels". Das Album erzählt von Schwierigkeiten in Beziehungen und Problemen mit Alkohol, Sucht und Depressionen. Es ist nicht gerade aufmunternd. Hat dir die Musik geholfen, mit all dem klarzukommen?
Definitiv. Ich glaube, dass Musik helfen kann. Als Kind und junger Erwachsener habe ich mich im Musik gestürzt. Ich habe Künstlern zugehört, die mir geholfen haben, zu verstehen, wie ich mich eigentlich fühlte und wie ich Zugang zu meinen Gefühlen finde. Das ist einer der Gründe, warum ich die Musik mache, die ich mache: Ich möchte die Verbindung, die ich zu meinen Lieblingskünstlern hatte, ehren, indem ich nicht versage, wenn es darum geht, einem Fremden eine solche Verbindung selbst anzubieten.
Von eurem nächsten Album "You Can't Imagine How Much Fun We're Having" aus dem Jahr 2005 am besten im Gedächtnis geblieben ist mit "Little Man". Er besteht aus drei Briefen: einer an deinen Sohn, einer an deinen Vater und einer an dich selbst. Väter und Söhne, ist das dein Lieblingsthema?
(überlegt) Weißt du, ich weiß nicht, was mein Lieblingsthema ist, aber wenn ich mich zum Schreiben hinsetze, schreibe ich normalerweise über das, das mir an diesem Tag gerade durch den Kopf geht. Dieser Song … ich sag' nicht: Oh, das ist eine gute Idee für einen Song. Die lege ich mal beiseite, und irgendwann schreibe ich diesen Song. Darin war ich noch nie gut. Ich gehe stattdessen so vor: Ich setze mich hin, höre mir die Musik an, achte darauf, was die Musik mir sagt, und versuche dann, in meinem Kopf etwas zu finden, das zur Musik passt. Als Ant mir diese Musik vorgespielt hat, dachte ich: Nun, das ist definitiv introspektiv. Das ist etwas, worüber ich sprechen möchte, was mich vielleicht nervös macht, was vielleicht riskant ist.
Das fühlt sich an, als wollte ich ein Risiko eingehen. Das ging mir an diesem Tag zu dieser Musik durch den Kopf. Es ist interessant, dass Leute manchmal auf meine Texte zeigen und sagen: "Oh, das ist gut." Oder: "Dieser Text hier ist gut." In Wahrheit sind alle meine Texte nur so gut wie die Musik, die sie inspiriert hat. Die Musik gibt mir zu einhundert Prozent die Idee, sie gibt mir eine Vorlage. Anthony gibt mir die Musik, und ich nehme meine Buntstifte und male innerhalb der Linien aus. Und ich liebe es.
Gemeinsam etwas erschaffen, das klingt wirklich toll. Wenn du, wie in "Little Man", über seine Familie und dich selbst schreibst, bist du ziemlich offen. Hast du nie das Bedürfnis, die Privatperson Sean Daley und den Künstler Slug voneinander zu trennen?
Das ist eine gute Frage. Ich bin sicher, es ließen sich Argumente dafür finden. Ich habe es nur nie getan. Ich hatte einfach nie das Bedürfnis. Ich hatte immer das Gefühl, dieser Song, den ich schreibe, ist für mich, und ich schreibe ihn, um etwas zu verarbeiten. "Little Man" zum Beispiel: ein tolles Beispiel.
Ich habe beim Schreiben dieses Songs Dinge in mir verarbeitet. Wenn Ant ihn mag, bekommen auch andere Leute die Chance, ihn zu hören. Wenn Ant ihn mag, packen wir ihn auf ein Album. Wenn er ihn nicht mag, habe ich ihn trotzdem für mich geschrieben, weil ich ihn gebraucht habe. Deshalb hatte ich wohl nie das Gefühl, irgendetwas sei zu persönlich. Wenn ich bereit bin, Anthony etwas zu zeigen, dann ist es für mich okay, es allen zu zeigen.
Bei persönlichen Themen sind manchmal aber ja auch andere Leute involviert. Hier zum Beispiel dein Sohn und dein Vater. Besprichst du in solchen Fällen solche Songs mit den Leuten, die in gewisser Weise betroffen sind?
Das ist eine hervorragende Frage. Früher habe ich das nicht gemacht. Heute schon. Und "Little Man" ist tatsächlich genau der Song, der mich dazu gebracht hat, achtsamer vorzugehen, wenn ich die Angelegenheiten anderer Leute in meine Songs packe. Obwohl ich "Little Man" aus meiner Sicht geschrieben habe, so, wie ich mich fühlte, hat es die Gefühle meines Vaters verletzt. Und ich wusste es nicht. Ich wusste nicht einmal, dass er den Song überhaupt gehört hatte. Nach seinem Tod kam bei seiner Beerdigung einer seiner Freunde zu mir und sagte: "Weißt du, dieser Song hat ihn wirklich verletzt." Als ich darüber nachdenken musste und mich dann noch nicht einmal mehr bei ihm entschuldigen konnte, schloss ich eine Art Pakt mit mir selbst: Ich werde nie wieder einen anderen Menschen mit meiner Musik verletzen. Nur mich selbst.
Wenn mein Stift mein Schwert ist, werde ich es niemals wieder gegen eine andere Person richten. Nur gegen mich selbst. Daran habe ich mich seither gehalten. Das war eine wertvolle Lektion für mich, und ich glaube, ehrlich gesagt, dass mich das zu einem besserer Texter gemacht hat. Ich habe seither nicht einmal mehr einen anderen Rapper gedisst. Ich achte darauf. Ich spreche immer noch über Dinge. Ich lass' nur nicht mehr durchblicken, um wen es jeweils geht. Ich spreche vielleicht über zerrüttete Familien, Streitigkeiten oder toxische Situationen, aber ich passe jetzt auf, dass der Hörer nicht genau weiß, von wem ich spreche.
"Erzähl' bloß niemandem, ich sei positiv!"
Okay. Nächstes Album: Ich war regelrecht schockiert, als ich herausfand, dass "When Life Gives You Lemons ..." aus dem Jahr 2008 stammt. Ich konnte kaum glauben, dass es schon so alt ist, verdammte 18 Jahre, wo sind die hin? Gibt es Alben, in deiner Diskografie oder von anderen, bei denen du dich komplett irrst, was die Erscheinungszeit betrifft?
Oh. Das ist eine interessante Frage, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich glaube aber nicht: All die Musik, die ich liebe, steht immer noch genau da, wo sie schon immer stand. Da wartet keine Überraschung auf mich, wie du es bei "Lemons" beschreibst.
Eure Diskografie hat mir sogar zwei solche Überraschungen beschert. "Fishing Blues" hab' ich für viel älter gehalten, als es ist. Ich glaube aber, das liegt daran, dass ich einen dieser "Gone Fishing"-Hoodies hatte. Den hatte ich so oft an, dass ich dachte, der müsste mindestens 20 Jahre alt sein.
Verständlich. Wir haben jetzt aber zwei Alben ausgelassen. Wir haben "Strictly Leakage" vergessen, das 2007 herauskam, und wir haben auch "The Seasonal Fun EP" übersprungen. Wie auch immer, wen kümmerts, wir müssen nicht darüber reden. Ich würde allerdings schon sagen, dass "Strictly Leakage" eines der besten Projekte ist, die wir je gemacht haben. Rein schon deswegen, weil es so unnötig war. Das waren alles Fingerübungen. Wir haben buchstäblich nur unsere Muskeln trainiert, bevor wir "Lemons" gemacht haben.
Ich habe gelesen, dass du, nachdem "Lemons" erschienen ist, eine Einladung von Rick Rubin bekommen hast?
Das war eigentlich schon nach "You Can't Imagine". Halt, nein, es war nach "Seven's Travels". Rick Rubin lud uns ein, zu ihm zu kommen und ihm zu zeigen, woran wir arbeiteten. Also brachte ich ihm eine frühe Demo-Version von "You Can't Imagine" mit. Wir saßen zusammen und hörten es uns an. Er mochte es.
Ich habe nirgends gelesen, was dann passierte. Habt ihr irgendwelche gemeinsamen Projekte gemacht?
Nein. Er hatte wohl Ants Rolle nicht ganz verstanden. Als wir mit ihm abhingen, erklärte ich ihm, dass Ant der Produzent ist und meine Beats macht, und so ist es eben. Ich glaube, Rick wollte mich produzieren. Aber ich suchte keinen Produzenten. Wenn du Executive Producer sein, uns beim Engineering oder sonstwie helfen willst, um das, was wir tun, aufs nächste Level zu heben, bin ich offen für alles. Ich glaube, er wollte etwas mehr selbst Hand anlegen. So hat er wohl einfach das Respektvolle getan und sich von uns abgewandt. Was völlig in Ordnung ist. Allein das Treffen mit ihm war legendär genug, für mich war toll, diese Erfahrung gemacht zu haben. Aber auch, ihm zu verstehen zu geben: Wenn du mich nimmst, musst du auch Ant nehmen.
Das bringt uns zu "The Family Sign". Oder habe ich noch etwas vergessen?
Nein. Wobei ... doch. Da ist noch eins dazwischen. Was haben wir eigentlich über "Lemons" gesagt? Das war unser erster Versuch, ein Album ohne Samples zu machen. "Lemons" war also viel Band, das hatten wir vorher noch nie gemacht. Es war ein Lernprozess, aber es ist gut geworden. Es ist bei den Kritikern sehr gut angekommen, und auch beim Publikum. Wir waren also ziemlich glücklich damit, wie es gelaufen ist, und haben beschlossen, die Sache mit der Live-Band weiterzuführen. Also machten wir noch ein Projekt, eine Doppel-EP namens "To All My Friends, Blood Makes The Blade Holy". Wir haben das mit derselben Band eingespielt, es waren sozusagen weitere Übungen, die uns zu "The Family Sign" geführt haben. Als wir dann das gemacht haben, haben wir viel Wert darauf gelegt, dass alles organisch war. Wir haben alle Songs von Anfang bis Ende mit der Band zusammen geschrieben.
Die Band hat nicht einfach Samples nachgespielt oder hier und da Dinge hinzugefügt, sondern wir haben das wirklich zusammen ausgearbeitet. Das hatten wir vorher noch nie gemacht. "The Family Sign" ist deshalb etwas Besonderes. Interessanterweise war das das Album, das unser Publikum vielleicht am meisten verärgert hat, weil sie etwas anderes erwartet hatten. Sie schienen das nicht zu wollen. Rückblickend mögen es die Leute anscheinend, aber als es erschienen ist, war es sowohl der Kritik als auch dem Publikum irgendwie egal.
Och, ich mochte das damals. Konntest du bei der Arbeit mit einer Live-Band deine Arbeitsweise beibehalten? Erst den Beat anhören, dann dazu schreiben? Da waren doch plötzlich viel mehr Leute involviert?
Stimmt. Also habe ich mich hingesetzt und zugehört, was die da machen. Ich nahm auf, was sie zusammenstellten. Wenn sie irgendetwas machten und ich dachte: Oh, das gefällt mir, das ist gut, okay, macht weiter, dann habe ich es aufgenommen. Oder, noch besser: Ant sagte: "Oh, das gefällt mir, das ist gut", er nahm es auf, fügte Drums hinzu, gab es mir mit den Drums, und dann hab' ich geschrieben. Wenn ich das Gefühl hatte, ich sei fertig, womit auch immer ich gerade beschäftigt war, ging ich zu ihnen zurück, und wir fingen an, das, ihre und meine Arbeit so zu bearbeiten, dass es zusammenpasst. Damit immer noch eine Verbindung zwischen Musik und Worten besteht.
So klingt es nicht, als würde ich einfach über Musik rappen, sondern es klingt, als ob die Worte tatsächlich Teil der Musik sind. Das war schon immer mein Ding. Ich will immer, dass sich meine Worte wie ein Teil der Musik anfühlen. Als Kind habe ich einfach zu allem gerappt. Man konnte irgendeinen Beat abspielen, und ich habe dazu gerappt. Das war mir egal. Wenn ich heute Raps schreibe, möchte ich sicherstellen, dass ich tatsächlich einen Song erschaffe, der sich anfühlt, als sollte er genau so existieren.
Ein Song ist für dich mehr als nur Rap über einen Beat? Wo liegt der Unterschied?
Ja! Nun, der Unterschied ist: Wenn du jetzt einen KRS-One-Beat auflegen würdest, würde ich einfach dazu rappen. Es würde Spaß machen, aber es wäre nicht dasselbe Leben darin. Songs führen für mich ein Eigenleben. Rappen ist für mich – ich spreche nur für mich, nicht für die Kultur oder einen anderen Rapper – aber Rappen ist leicht. Einen Song zu machen hingegen nicht. Die Herausforderung besteht für mich darin, den Song zu kreieren. Man kann einen Beat spielen, und ich rappe dazu (freestylet los): "I'm staring at a mess on top of my desk and I wish that I could put all of it to rest and maybe it's a test ..."
Das ist nicht schwer. Aber wenn der Beat traurig klingt und ich spreche über diesen Schreibtisch, dann ist das plötzlich eine andere Art von Rap. Die Erzählung vom Schreibtisch und dem Chaos wird melancholischer, und irgendwann geht es vielleicht um Depressionen, erzählt davon, dass ich ein Wrack bin und unorganisiert, weil ich nicht genug Schlaf bekomme: Da steckt dann ein Song drin, eine Geschichte dahinter. Im Gegensatz zum bloßen Reime-Kicken.
Verstehe. Gehen wir zu "Southsiders". Darauf war ein Track namens "Kanye West". Ist der Titel nach Kanyes Ausfällen für dich immer noch okay?
Oh, ja. Ja! Ich habe seinen Namen ja benutzt, um über irrationales Verhalten zu sprechen. In dem Song geht es darum, wie die Liebe einen irre machen kann.
Ehrlich gesagt, haben seine Eskapaden in letzter Zeit die Aussage dieses Songs nur bestätigt. Nicht, dass ich das ausschlachten will, das wollte ich damals auch schon nicht. Ich wollte nicht rechtfertigen oder verteidigen, sondern nur verstehen, warum wir aus Liebe irrationale Dinge tun. Also, ja, der Titel geht für mich immer noch okay. Lustigerweise nenne ich ihn aber nicht mehr beim Namen, wenn ich den Song performe. Wir haben ihn für die Tour, die wir bald durch Europa machen, geprobt. Auf der Setliste, die ich auf den Boden geklebt habe, nenne ich ihn "Run Westy Run", nach einer Band aus Minneapolis, von früher. Ich nenne auch seinen Namen nicht. Statt zu sagen: "I stood up and and did the Kanye West", rappe ich inzwischen: "I stood up and did A Tribe Called Quest". Weil das ein bisschen symbolischer dafür steht, wo ich herkomme.
Wenn ich Kanyes Gebaren in den letzten Jahren betrachte, bin ich manchmal wirklich froh, nie ein großer Fan gewesen zu sein. Es muss noch mehr wehtun, so einen öffentlichen Absturz mitanzusehen, wenn einem jemand viel bedeutet hat.
Ich denke schon. Aber eigentlich gehört das ja zur Geschichte Amerikas, speziell zur Kultur und zur Unterhaltung: Wir wollen sehen, wie all unsere Helden stürzen. Ich weiß nicht, warum, aber wir sind seltsam besessen davon, die Reichen und Berühmten Fehler machen und scheitern zu sehen. Ganze Industrien bauen darauf auf. Bei euch gibt es das sicher auch. Du musst nur in einen Supermarkt gehen, und du siehst diese Boulevardblätter, die über berühmte Leute schreiben, die mit Alkohol am Steuer erwischt wurden oder festgenommen wurden. Menschen sind seltsam, sie wollen wissen, dass selbst mächtige Leute dazu neigen, Fehler zu machen und genauso zu stürzen wie der Rest von uns. Es mag schlimm für jemanden sein, dass es ihn trifft, schade für ihn und seine Familie, dass er das durchmacht, aber was die Kultur betrifft, erwarten wir genau das.
Das stimmt wohl. Du warst schon immer sehr authentisch und offen, was deine inneren Dämonen betrifft. Hattest du jemals Angst, so im Rampenlicht durchzudrehen, wie Kanye es tat?
Nein. Nein, das könnte ich gar nicht. Ich trage zu viel Verantwortung ... und ich bin Jungfrau. Wir sind unglaublich selbstkritisch und organisiert. Außerdem nehme ich keine Drogen und trinke nicht mal mehr Alkohol. Diese Zeiten liegen hinter mir. Vielleicht hätte mir das 2004 passieren können, als ich zu viel getrunken habe. Vielleicht. Aber ich denke auch, dass meine Erfahrungen während "Seven's Travels" mich dazu gebracht haben, gesünder zu leben und auf mich selbst und die Menschen um mich herum zu achten. Ich hatte einfach immer zu viele Verantwortlichkeiten, um wirklich auszurasten. Was ich für eine gute Sache halte, weißt du? Denn wenn ich diese Verpflichtungen nicht gehabt hätte, wer weiß, was passiert wäre.
Wir sind hiermit bei "Fishing Blues" angekommen, und wie ich schon sagte, dachte ich, das sei viel älter als "Lemons". Dann habe ich mir "Pure Evil" angehört, und es klingt, als sei es 2020 geschrieben worden. Oder heute.
Es ist erschreckend, wie weit der Song seiner Zeit voraus war und wie aktuell er immer noch ist: Es ist aus der Sicht eines Polizisten geschrieben, ein Song über Polizeigewalt. Glaubst du, dass sich diese Dinge jemals ändern werden?
Ich glaube nicht, dass das vorgesehen ist. Ich glaube, um das zu ändern, müsste man so ziemlich das ganze System auseinandernehmen. Jedes Mal, wenn man jemanden dafür bezahlt, andere zu kontrollieren, erschafft man eine ungesunde Machtdynamik. Wenn man sieht, dass einer dieser Menschen eine Autoritätsperson sein muss, weil er so seine Rechnungen bezahlt, wird das meiner Meinung nach immer Probleme verursachen. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, was ich von Leuten halten soll, die Polizist werden wollen, die das als ihren Beruf wählen. Früher gab es vielleicht diese Denke, von wegen: Hey, ich will Leuten helfen, oder so. Aber ich glaube nicht, dass es das noch gibt. Die Polizei ist heute im Grunde Militär, wie inländisches Militär, Militär, das dazu da ist, die eigene Umgebung zu überwachen. Damit fühle ich mich nicht wohl. Ich weiß also nicht, ob sich die Zustände je ändern werden.
Ich denke, dafür müsste man die Polizei wirklich abschaffen und ganz neu anfangen. Als sie aufhörten, Polizisten in ihren eigenen Vierteln einzusetzen, ist meiner Meinung nach ein riesiger Teil dieses Problems entstanden. Du hast sicher den Song von KRS-One gehört, in dem er über die Ursprünge der Polizei spricht, und darüber, wie sie von den Leuten abstammt, die dafür bezahlt wurden, in Amerika einst die Sklaven zu bewachen. Das ist immer noch das. Es ist immer noch genau das. Solange man keinen Weg findet, dieses Berufsbild neu zu strukturieren, wird sich wohl nichts ändern.
In den USA im Allgemeinen und in Minneapolis im Besonderen hat sich in den letzten Monaten viel verändert. Aus der Ferne betrachtet, wirken die Nachrichten absolut schockierend. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal eine Demokratie im Zeitraffer direkt vor meinen Augen zerfallen sehen würde. Ich finde das unheimlich beängstigend. Wie fühlt es sich an, wenn man mittendrin steckt?
Es ist ... (überlegt) interessant. Aber ich denke auch, es ist nur ein Symptom für etwas anderes. Wir sprechen ständig davon, dass die Demokratie zerfallen würde, und ich habe das Gefühl, das könnte eine Tarnung sein. Ich glaube, eigentlich erleben wir den Zerfall des Kapitalismus. Wenn der auseinanderfällt, lässt der unterschiedliche Schmerz, den die Armen und den die Reichen spüren, es so aussehen, als würde die Demokratie zerfallen. Ich glaube aber, dass der Zerfall der Demokratie, wie du es nennst, eigentlich die Reaktion der Menschen ist, die versuchen herauszufinden, wie sie die Umgebung weiterhin kontrollieren können, anstatt einfach alles dem Schicksal zu überlassen. Ich denke, der Kapitalismus zeigt seine Schwachstellen. Es gibt viele Bereiche, in denen er nicht funktioniert. Das System hat nicht funktioniert, und nach 100, 200, 300, 400 Jahren ist die Kluft zwischen Besitzenden und Habenichtsen so groß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Habenichtse versuchen, sich zu nehmen, was sie eigentlich verdienen. Während die Besitzenden das Militär einsetzen, um ihren Besitz zu schützen. Ich denke, das erleben wir gerade.
Sieh es mal so: Wenn du von Leuten gehört hast, die nach Amerika kommen wollten – warum wollten sie das? Wegen der Möglichkeiten. Die Leute dachten, in Amerika gibt es Chancen. Ich kann Arzt werden, einen Job finden, aufs College gehen, Schauspieler werden, Musiker werden – Amerika bietet Möglichkeiten. Aus Deshalb ziehen Menschen um. Sie sehen die Möglichkeiten, dann kommen sie hierher, und es ist alles anders. Es war eigentlich nur eine Art Illusion, eine Fata Morgana. Und jetzt versuchen die Leute mit den Ressourcen diejenigen zu vertreiben, die wegen der Chancen gekommen sind, die man ihnen vor die Nase gehalten hat, als Amerika vorgab, eine Art Garten Eden zu sein. Die Leute kamen an und merkten, dass dem nicht so war. Also suchten sie Jobs, und das ist okay. Ein Job ist gut, Mann, vielleicht hattest du dort, wo du vorher gelebt hast, keinen. Also bist du hierher gekommen und hast Arbeit gefunden.
Aber jetzt fallen die Leute auf die große Lüge herein. Sie denken: "Oh, das Problem, das wir in Amerika haben, sind all diese Einwanderer, die uns die Jobs wegnehmen." Aber das stimmt nicht. Es hat nichts damit zu tun, dass Einwanderer euch die Jobs wegnehmen. Alles hat damit zu tun, dass die Reichen niemandem einen existenzsichernden Lohn zahlen wollen. So kommen Einwanderer und erledigen diese Arbeit für weniger Geld, und die Reichen stellen stattdessen sie ein. Es geht also wieder nur um den großen Schwindel namens Kapitalismus. Der betrifft jeden. Er betrifft euch auch. Ich kann zwar nicht sagen, wie es bei euch ist, aber ich habe den 1. Mai erlebt. Was sind das für Proteste, im Mai?
Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit, traditionell der Kampftag der Arbeiterklasse.
... und es ist wichtig, dass die Menschen das verstehen. Aber die Sache ist die: Jedes Jahr sagen mehr und mehr Leute: "Hey, das funktioniert nicht. Das hier funktioniert nicht." Jetzt werden aus den Demonstrationen Proteste, und aus den Protesten werden regelrechte Unruhen. Es ist ähnlich wie hier. Es ist wie die Occupy-Bewegung, oder als sie in Athen ausgerastet sind, als Spanien ausrastete ... ich will es eigentlich nicht "ausrasten" nennen, aber es scheint so, als würden sie in Frankreich jedes Jahr alles abfackeln. Weißt du, was ich meine? Die ganze Problematik, egal wo, basiert darauf, dass die Reichen den Leuten, die die Arbeit machen, keine angemessenen Löhne zahlen wollen.
Es ist Gier, es sind die Aktionäre, Leute, die die Arbeit gar nicht selbst machen, sondern denen nur irgendetwas gehört. Alles basiert darauf, sie zufrieden zu stellen, statt die Arbeiter zufrieden zu stellen. Ich bin kein Kommunist, ich bin kein Sozialist, ich bin gar nichts. Ich bin einfach ein Mensch, der seine Kinder ernähren will. Aber ich war schon in der Position, Leute zu bezahlen. Ich war in der Position, Leute einzustellen. Meine eigene Moral hat mich immer dazu gebracht, sicherzustellen, dass ich den Leuten existenzsichernde Löhne zahle, dass ich mich den Leuten gegenüber, die ich einstelle, fair verhalte, weil ich möchte, dass sie ihren Job mögen. Denn wenn sie ihren Job mögen, werden sie gute Arbeit leisten. So sollte der Laden laufen. Weißt du, was ich meine?
Ja. Ich verstehe wirklich kein Stück, warum Chefs ihre Arbeiter nicht besser behandeln. Zufriedene Mitarbeiter, die nicht unentwegt Angst um ihre Existenz haben müssen, sind loyaler, es ist besser fürs Geschäft.
Nun, das liegt daran, dass die Chefs keine Angst vor ihren Arbeitern haben. Aber, weißt du, ein paar Lagerhausbrände mehr, und vielleicht fangen diese Bosse an, ihre Arbeiter zu respektieren, wer weiß? Ich weiß es nicht.
So, so. Du bist also kein Sozialist und kein Kommunist, hm? Was dann, ein Revolutionär?
Ich liebe einfach Veränderungen. Wenn etwas nicht funktioniert, dann ändern wir es, damit es funktioniert. Welches Wort es dafür auch gibt: Das bin ich.
In all diesem gruseligen Chaos, das uns heute umgibt, klingt das sehr positiv.
Erzähl' bloß niemandem, ich sei positiv! Jeder soll denken, dass ich traurig und grübelnd, deprimiert und wütend bin.
Hey, mit deinen Songs tust du dein Bestes, die Leute das glauben zu lassen
Ja.
Was denkst du denn selbst? Bist du ein positiver Mensch?
Ich glaube, ich bin ein Optimist mit Erfahrung.
Das kann alles Mögliche bedeuten.
Ja, das kann es.
Hast du also irgendwelche Strategien, um in all dem Chaos, das da draußen herrscht, nicht den Kopf zu verlieren?
Ich schätze, für mich geht es einfach darum, fest an meinen Überzeugungen festzuhalten. Zeit mit meinen Kindern verbringen, Musik machen, reisen, um diese Musik zu performen und Leute zu treffen, und einfach versuchen, das so gut wie möglich zu genießen, bevor alles vorbei ist. Ich habe keine besonderen Antworten oder Ratschläge für die Leute, ich sage einfach: Tu dein Bestes, weißt du? Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest, und behandle dich selbst so, wie du andere behandeln willst. Ich weiß nicht, ob das die Antwort ist, aber es ist das, worauf ich mich konzentrieren muss, damit ich nicht traurig werde.
Mhm. Du tourst also viel, triffst viele verschiedene Leute, siehst verschiedene Länder und Kulturen. Das Privileg haben viele ja nicht. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass das Reisen und das Kennenlernen so vieler verschiedener Menschen den Horizont erweitert und eine*n die Dinge klarer sehen lässt.
Da stimme ich dir zu. Ich habe auch das Gefühl, dass ich mal ein paar neue Orte sehen muss. An vielen Orten, an die ich komme, war ich schon. Ich will zum Beispiel mal in die Türkei. Ich will nach Kenia. Ich will nach Brasilien, an Orte, an denen ich noch nicht war. Ich reise ja nicht wirklich zum Vergnügen. Jede Reise, die ich unternommen habe, war beruflich bedingt. Wenn ich mal einen Familienurlaub mache, dann meistens deshalb, weil ich irgendwo eine Show habe, meine Familie mitnehme und wir dann noch ein paar Tage länger dortbleiben. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die keine Familienurlaube gemacht hat. Wir hatten keine Ferien, wir konnten uns das nicht leisten. Zum Vergnügen zu reisen, war also nie Teil meiner persönlichen Kultur. Meine Frau ist in einem anderen Umfeld aufgewachsen. Sie weiß eher, wie man sich mal eine Auszeit nimmt, die Beine hochlegt und das Leben genießt. Ich lerne das immer noch. Meine Kinder bringen mir das bei. Genau wie ich schwimmen gelernt habe, indem ich meine Kinder beobachtet habe. Ich lerne von meinen Kindern, wie man sich entspannt und seine Zeit genießt.
"Irgendwann muss man lernen, bessere Entscheidungen zu treffen, sonst übernimmt das das Leben für einen."
Das ist cool. Du spielst nächste Woche in Deutschland. Wenn ich dir zuhöre, weiß ich, dass du ein kritischer Mensch bist. Jemand, der den Mund aufmacht. Hast du Angst vor Schwierigkeiten an der Grenze, vor Einschränkungen bei der Aus- und Einreise in die USA?
Als ich das letzte Mal in die USA zurückkehrte, hatten wir hier noch andere Verhältnisse. Das war 2023, damals hatte ich keine Probleme. Diesmal ... ich weiß nicht, ob ich besorgt sein sollte. Ich glaube eigentlich, dass ich in einer Position bin, in der ich mit allem umgehen kann, das man mir entgegenwerfen mag. Davon abgesehen mache ich mir viel weniger Sorgen um mein eigenes Wohlergehen als um andere, die vielleicht nicht die Ressourcen haben, die ich habe.
Ist das nicht völlig verrückt, dass ich im Jahr 2026 jemandem eine solche Frage stelle, der nicht aus Nordkorea oder so stammt?
Ja. Ja, es ist eine seltsame Zeit, aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Ich habe das Gefühl, je tiefer wir fallen, desto näher sind wir dem Boden. Damit wir, wenn es an der Zeit ist uns wieder aufzurichten, tatsächlich mit beiden Beinen auf dem Boden stehen können. Wir haben viel Zeit mit dem Kopf in den Wolken verbracht. Deshalb fühlt sich dieser Fall jetzt so gewaltig an. Aber die Wahrheit ist: Nichts ist gesünder, als geerdet zu sein. Ich will das also nicht als fall from grace oder so betrachten ... nein. Ich denke einfach, wir müssen wieder Boden unter die Füße bekommen. Das wird so oder so passieren: Entweder man entscheidet sich proaktiv dafür, sich zu erden.
Man lernt zu meditieren, lernt sich besser zu ernähren und genug Schlaf zu bekommen. Oder das Universum kommt daher und erledigt das für einen. Das könnte dann eine Metapher für das sein, womit wir es hier gerade zu tun haben. Wir haben uns das nicht ausgesucht … man nennt es "die Rückkehr des Saturn". Ich weiß nicht, ob du davon schon mal gehört hast: Irgendwann im Leben, irgendwo in seinen 30ern, muss man lernen, bessere Entscheidungen für sich selbst zu treffen. Sonst übernimmt das Leben das für einen und zwingt einen dazu. Vielleicht ist das, was hier gerade passiert, eine Version von "Saturn's Return", ich weiß es nicht. Ich ziehe es vor, zu denken: Hey, es ist Zeit für uns, wieder Bodenhaftung zu bekommen. Es ist Zeit für uns, beide Füße auf den Boden zu stellen und zu sehen, was wir da eigentlich machen.
Es wäre vielleicht auch an der Zeit, nicht nur an uns selbst oder die Menschheit zu denken, sondern an den Planeten. Ich schätze, in all dem politischen Chaos, das da draußen herrscht, spricht niemand mehr über Dinge wie den Klimawandel.
Ja, das ist interessant. Also, in dem Algorithmus, in dem ich stecke, geht es noch viel um Klimawandel, um die Zukunft des Insektenreichs, die Zukunft der Ernährung, oder wie auch immer man das alles nennen will. Aber ja, es gibt eine Menge, worüber man nachdenken müsste. Nicht nur Politik, nicht nur der Klimawandel, nicht nur Meteore, die durch den Himmel schießen und direkt auf uns zusteuern. Es gibt all das. Aber ein Teil von mir denkt sich dann: Meine Großeltern hatten auch Angst. Veränderungen machen den Menschen Angst. Wenn man sich dazu verpflichtet, keine Angst vor Veränderungen zu haben, dann kann man meiner Meinung nach besser mit allen anderen Dingen umgehen, die in Bewegung sind.
Stichwort Großeltern: Auf "Mi Vida Local" – da sind wir jetzt, im Jahr 2018 – hast du gesagt, du gehörtest vielleicht zur letzten Generation von Großeltern. Denkst du das immer noch?
Ich denke es nicht nicht. Ich habe ja "vielleicht" gesagt, als eine Art Disclaimer. Aber ja, ich weiß es nicht. Ich meine, werde ich es überhaupt erleben, Großvater zu sein? Ich habe noch keine Enkelkinder. Ich habe das damals gesagt, im Sinne von: Vielleicht bleiben nur noch 30 Jahre. Aber die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht. Aber was ich weiß, ist, dass ich mein Bestes tun kann, um die Menschen um mich herum mit Liebe, Fürsorge und Respekt zu behandeln, damit die Zeit, die uns hier bleibt, ein kleines bisschen besser ist als die Alternative. Es ist wie auf einem sinkenden Schiff: Vielleicht sollten wir noch einen gemeinsamen Tanz wagen, bevor das Schiff untergeht.
Wow, das ist ja eine heitere Note, um das Gespräch über "Mi Vida Local" zu beenden. Das ja auch recht düster war.
(lacht)
Danach, dachte ich, wir brauchen etwas Leichteres, etwas Aufmunternderes. Aber dann kam die Pandemie. Das schien eure Produktivität überhaupt nicht zu beeinträchtigen: Ihr habt 2019, 2020, 2021 jedes Jahr ein Album veröffentlicht, in höherer Frequenz als je zuvor.
Nun, die Pandemie hat mir ermöglicht, viel mehr Zeit mit Schreiben zu verbringen. Jetzt, nach der Pandemie, sind meine Muskeln alle aufgewärmt. Ich bin immer noch in diesem Modus. Ich schreibe seit der Pandemie noch immer regelmäßig mit aufgewärmter Muskulatur und ich hoffe, das ich das für den Rest meines Lebens so beibehalten kann. Ich schreibe täglich. Ich sitze gerade gerade hier im Studio, und wenn wir zwei irgendwann mit diesem Telefonat fertig sind, werde ich direkt mit einem Projekt weitermachen, an dem ich gerade arbeite. Wie gesagt: Das ist, was ich zum Spaß tue. Ich toure, als mein Job, um mir damit Zeit zu erkaufen, um so viel Musik wie möglich zu machen.
Damit du heute noch zu deinem Projekt kommst, gehen wir weiter zu "So Many Other Realities ..." Das fand ich lustig, weil ich gelesen habe, dass ihr dafür ein striktes Konzept hattet: Ihr habt da einen Song nach dem anderen gemacht. Den ersten zuerst, danach den zweiten, dann den dritten ... Stimmt das?
Das stimmt. Das war das erste Mal, dass wir damit experimentiert haben, in einer Reihenfolge zu schreiben, und wir haben es beide so sehr geliebt, dass wir es auch bei den zwei darauffolgenden Projekten so beibehalten haben.
Also hast du das Gleiche bei "Jestures" gemacht?
Japp. Deshalb ja das Alphabet. Wenn wir das schon in der Reihenfolge machen, dann lass' uns doch gleich das Alphabet nehmen und eine Sequenz daraus machen.
Ich weiß, dass die Songs alphabetisch geordnet sind. Ich hab' aber nicht gewusst, dass die Tracks auch in dieser Reihenfolge entstanden sind. Wirklich? Erst der A-Song, dann B und C und so weiter?
Ja, wirklich. Es war hilfreich, 26 Songs am Reißbrett planen zu können. Ich konnte sagen: Okay, dieser hier muss kurz sein, weil uns für die A-Seite sonst die Zeit ausgeht. So haben wir das Ganze eben auch in der Reihenfolge geschrieben. Und das, woran ich gerade arbeite, entsteht auch in einer Reihenfolge.
Sorry, aber du bist völlig verrückt.
Aber es macht Spaß! Ich empfehle jedem Künstler, jedem Musiker, das mal zu versuchen. Das Tolle daran ist, dass man den letzten Song nutzen kann, um zu bestimmen, was man mit dem nächsten Song anstellen will. Man kann sagen: Okay, ich will jetzt eine komplette Kehrtwende hinlegen, ich werde etwas machen, das sich völlig vom letzten Song unterscheidet. Oder man kann im nächsten Song Dinge aus dem vorangegangenen aufgreifen. Man kann so viel machen, wenn man das Ganze in einer festen Reihenfolge angeht. Ich kann kaum fassen, dass ich 30 Jahre gebraucht habe, um dahinterzukommen. Ich wünschte, ich hätte das schon viel früher so gemacht.
Du machst dir kein Bild, wie lange ich gebraucht habe, um zu kapieren, dass sogar die Feature-Gäste alphabetisch zum jeweiligen Track passen.
(lacht)
Außerdem hast du mich mit dem "Really?"-Video wirklich reingelegt.
Ich dachte wirklich, du hättest diesen Feuer-Stunt selbst gemacht.
Na, hör' mal! Ich bin bestimmt irgendwie ein Trottel. Ich mach' viel dummes Zeug. Einfach nur, weil es meine Kinder zum Lachen bringt. Aber das doch nicht! Nein. Nein, nein. Auf keinen Fall.
Vielleicht ist das aber ja ein Plan B für die Karriere nach der Musik.
Stunt-Arbeit? Wohl eher nicht. Vielleicht werde ich Fahrlehrer. Ich würde den Leuten gerne das Autofahren beibringen.
2005, in "Little Man" hast du in diesem Brief an dich selbst geschrieben: "You're getting old, your raps are exhausted". Ist es schon soweit?
So, wie mein Rücken gerade wehtut, fühle ich mich ziemlich alt. Genau jetzt tut er weh. Und ich fühle mich alt, in dem Sinne, dass ich mir viele Sorgen mache. Ich zerbrech' mir über Dinge den Kopf, über die ich mir vielleicht gar keine Sorgen machen müsste. Ich versuche, zu lernen, das loszulassen. Manchmal fühle ich mich dann auch wieder gar nicht alt. Meine Kinder halten mich jung, ich darf das Leben durch sie neu erleben. Als Erwachsener interessiere ich mich nicht für Giraffen. Wenn ich aber mit meinem Kind zusammen bin, und es sagt: "Was ist das denn!? Giraffen sind ja komplett verrückt!", dann schaue ich mir diese Giraffe an und denke: Das verdammte Ding ist ja wirklich komplett irre. Auf die Art lassen sie mich das Leben neu erfahren.
Das ist wirklich cool. Hip hop hooray, wir haben es tatsächlich geschafft, wir sind in der Gegenwart angekommen.
(lacht)
30 Jahre in anderthalb Stunden. Wow.
Es tut mir leid. Ich rede wohl zu langsam. Ich entschuldige mich dafür, dass es so lange gedauert hat. Aber danke für deine Geduld und fürs Dranbleiben.
Wie bitte?! Ich hab' zu danken. Für die viele Zeit heute, und für drei Jahrzehnte ... und schöne Grüße an Ant.


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