17. Juli 2024

"Sie sagten: 'Vergiss Richie und Steve!'"

Interview geführt von

Deep Purple kehren mit einem Knall zurück. Nach dem Abgang des Langzeit-Gitarristen Steve Morse übernimmt der Ire Simon McBride die sechs Saiten bei Deep Purple.

McBride ist halb so alt wie seine Bandkollegen und spendiert der britischen Hardrock-Institution eine Frischzellenkur. Deren 56 Jahre währende Karriere nimmt wieder gehörig Fahrt auf. Die alten Herren haben Bock auf Rock und warten auf dem kryptisch betitelten "=1" mit dreizehn neuen Songs auf. Der Devise folgend "just killers, no fillers" locken Ian Gillan und Co. mit Krachern wie "Show Me" und "Now You're Talking" die Bärbel im Rock auf die Tanzfläche und umarmen sie innig mit "I'll Catch You". Die Prog Rock-Suite "Bleeding Obvious" gehört gar zum Besten was das Quintett seit "Perfect Strangers" verbrochen hat.

Dem neuen Deep Purple-Gitarrist Simon McBride steht ein wahrer Interviewmarathon bevor. Das Gespräch mit laut.de ist sein erstes von neun Interviews an diesem Tag. Zu viele, wie er verschmitzt einwirft. Dennoch präsentiert sich der 45-jährige gut aufgelegt und mit der nötigen Professionalität, um die Fragen zu beantworten.

Zunächst einmal muss ich dir von einem inneren Kampf berichten, den ich ausgefochten habe. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich den ersten Hördurchlauf von "=1" unter der Kopfhörern genießen soll oder laut aufgedreht über die Boxen im Auto. Ich habe mich für das Auto entschieden.

Ich bin ein großer Freund davon, die Musik über die Lautsprecher zu hören anstelle der Kopfhörer. Auf den Kopfhörern hörst du mehr Details, aber dir geht der dynamische Effekt verloren. Um ehrlich zu sein ist der beste Platz, um die Musik während eines Aufnahmeprozesses für eine neue Platte zu hören, das Auto. Der Klang ist unverfälscht und zeigt schonungslos die Fehler im Mixprozess. Wenn du den Mix über die Studioboxen hörst, hast du eine feine Abstimmung. Lässt man die Musik im Auto laufen, klingt sie häufig einfach scheiße (lacht). Aber dafür muss sie abgestimmt sein, da nach wie vor viele Menschen auf diese Form des Musikhörens zurückgreifen.

Die Produktion ist das eine, aber ich finde, dass die Platte sehr Rock-basiert und Gitarren-getrieben ausgefallen ist. Deswegen habe ich meine Entscheidung nicht bereut. Wie fühlt es sich für dich an, nun ein Teil von 56 Jahren Rock-Historie zu sein. Mittlerweile sind wir beim MK-9 Line Up angelangt, wenn ich richtig gezählt habe.

Mein Hauptaugenmerk liegt nicht darauf, welche Mark-Besetzung wir nun haben (lacht). Es fühlt sich großartig an und ist Ehre und Privileg zugleich, das Vermächtnis dieser ikonischen und stilprägenden Band nun mitgestalten zu können. Jeder, der Gitarre spielt und Rock-Musik hört, kennt Deep Purple. In den Siebzigern und Achtzigern waren das die Rock-Götter neben Led Zeppelin und Black Sabbath.

Ich bin ja später aufgewachsen, habe die drei nur aus zweiter Hand entdeckt und hätte mir nicht im Ansatz vorstellen können, ein Teil dieser Geschichte zu werden. Das bin ich jetzt seit zwei Jahren und mache mir keine großen Gedanken darüber, in einem Raum mit Gillan oder Paice zu sein. Wir fühlen uns sehr wohl, gerade wenn wir auf Tour sind. Und klar, manchmal kneife ich mich selbst und denke mir, wow das sind Deep Purple. Aber im großen und ganzen macht es viel Spaß.

Einige der Purple-Mitglieder kennst du schon länger. Etwa mit Gillan und Don Airey hast du in der Vergangenheit bereits zusammengespielt. Kannst du uns deine Gefühle beschreiben, als du 2022 den Anruf erhalten hast, um der Band beizutreten, zunächst einmal für den Live-Bereich und dann auch im Studio.

Es geht zurück auf Ende 2021, als die erste Anfrage kam, ob ich mir ein Engagement als Ersatz von Steve Morse vorstellen kann für einige Shows in den USA. Es ergaben sich dann im Mai 2022 einige Shows, die Steve nicht spielen konnte, weil es seiner Frau nicht gut gegangen ist. Für meinen Part bin ich sehr unbedarft an die Sache herangegangen und war zufrieden damit, ein paar Shows für Deep Purple zu spielen, und damit hat es sich. Ich gehe nach Hause und Steve übernimmt wieder das Zepter. Für mich war er zu dieser Zeit immer noch der Gitarrist von Purple.

Es hat sich somit keine Enttäuschung einstellen können. Dafür bin ich sehr professionell an die Sache herangegangen. Als sich der Zustand von Steves Frau weiter verschlechtert hat und klar war, dass er nicht zurückkehrt, kam die Sprache auf weitere Tour-Engagements. Zu der Zeit, es war Juli oder August 2022, waren wir auf Europa-Tour. Irgendwann hatte ich eine Mail des Managers in meinem Postfach. Es war skurril, er fragte mich, ob ich Interesse hätte, als festes Mitglied einzusteigen. Mein erster Impuls war gewesen, zurückzuschreiben, warum er mich das überhaupt fragen möchte.

Später an diesem Tag waren wir in einer Bar und Gillan fragte mich auf seine direkte Art: Bist du nun in der fucking Band oder nicht? Und ich meinte, klar bin ich, prostete ihm zu und damit war die Angelegenheit geritzt. Es hat danach ein paar Tage gedauert, dies wirklich zu realisieren. Zudem gehen die vier anderen Jungs den Weg schon so lange zusammen, und ich bin gerade erst dazugestoßen. Ich habe mich vom ersten Tag an wohl gefühlt. Die Chemie stimmt, ich werde ohne Einschränkungen behandelt und kann meinem Spiel freien Lauf lassen.

Es gibt einige stilprägende Gitarristen in der Purple-Historie, aber zwei stechen heraus. Das wäre zum einen Ritchie Blackmore und Steve Morse, der fast dreißig Jahre dabei war und die Frischzellenkur ab "Now What?!" mit zu verantworten hat. Ist es nun Druck oder Motivation, in einem Atemzug mit diesen Musikern genannt zu werden?

Du begibst dich automatisch in eine Drucksituation, wenn du dich dieser Riege an Topmusikern anschließt. Selbst Satriani war zeitweise ein Teil der Band, nicht zu vergessen Tommy Bolan. Am Anfang war es für mich kräftezehrender. Ich wusste nicht genau, was mich erwartet oder was von mir erwartet wurde. Du orientierst dich immer an anderen Musikern.

In dieser speziellen Konstellation ist die Erwartungshaltung von außen häufig, den Stil der Vorgänger zu adaptieren, ob das Ritchie oder Steve ist. Don Airey nahm mich zur Seite, als wir einige Songs durchgegangen sind. Ich war mir unsicher, wie ich an die Gitarrenparts herangehen sollte. Er meinte, vergiss Ritchie und Steve, sei einfach du selbst. Deswegen bist du hier. Du startest eine neue Periode. Konzentriere dich darauf. Steve und Ritchie hatten ihre Zeit.

Lass dich nicht in eine Ecke drängen. Dafür werden mich manche hassen und manche lieben. Das gehört zur Natur des Business. Am besten performe ich, wenn ich niemanden kopiere, sondern ich selbst bin. Es ist unabdingbar, seinem eigenen Weg zu folgen und sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, wer davor gewesen ist. Live musst du respektvoll und sensibel vorgehen und smart an die Sache herangehen. Nimm "Highway Star", da kann ich nicht einfach mein eigenes Solo spielen. Das Original-Solo ist ein Stück Musik, eine Komposition inmitten eines Klassikers, die es entsprechend respektvoll zu behandeln gilt. Jeder kennt diese Solo. Letztes Jahr in Südamerika haben jeweils Tausende Fans nicht nur jede Textzeile mitgesungen, sondern ebenso jede Note des Gitarrensolos. Entsprechend fühle ich mich verpflichtet, die Noten exakt zu spielen.

Es gibt natürlich andere Beispiele, in denen ich freier agieren kann und improvisiere und viel Spaß reinstecke. Aber auch an Steves Solos gehe ich respektvoll heran. Nimm "Common Man", das Solo ist eine musikalische Konstruktion, ein Kunstwerk. In dem Moment, in dem ich etwas anderes spiele, klingt es nicht mehr rund.

"Wir starten immer mit einem weißen Blatt Papier"

Mit "=1" habt ihr ein wirklich starkes und kraftvolles Stück Musik erschaffen, das die Stärken von euch als fünfköpfige Band auf den Punkt bringt. Die Platte atmet den Geist der frühen Siebziger wie auf "In Rock" und versprüht die Magie der Mark II-Reunion in den Achtzigern auf "Perfect Strangers". All dies geschieht in einem zeitgenössischen Kontext, was Sound und Songwriting angeht. Mit Bob Ezrin haben Deep Purple mit "Now What?!" 2013 wieder in die Spur zurückgefunden und ihren Status mit "inFinite" und "Whoosh" weiter ausgebaut. Ezrin ist gewissermaßen als sechstes Bandmitglied wieder nicht nur Produzent, sondern auch Songwriting-Partner von euch gewesen. Wenn man einen Blick auf das Artwork wirft, sieht man förmlich das weiße Blatt Papier vor sich, mit dem ihr gestartet seid. Oder gab es einen perfekt ausgeklügelten Plan, als ihr mit der Arbeit am Album angefangen habt?

Es gibt niemals einen Plan. Wir starten immer mit einem weißen Blatt Papier. Fünf Musiker in einem Raum, mitsamt der Instrumente und dem Set Up, und dann legen wir los und spielen. Natürlich gibt es immer einzelne Elemente wie Riffs oder kleinere musikalische Ideen, die wir zu Hause vorgedacht oder auf Tour entwickelt haben. Irgendeinen Startpunkt brauchen wir dann schon. Ich habe ebenfalls viele Ideen eingebracht, manche davon wurden verwendet, andere wiederum verworfen.

Der größte Teil des Albums entstand bei der ersten Songwriting-Session. Es gab insgesamt drei Sessions. Die erste fand in Hamburg statt. Es lief alles sehr organisch ab. Egal, wer der Urheber einer Idee gewesen ist, eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Keiner der Songs wäre zustande gekommen, wenn wir nicht konstant zu fünft in einem Raum gewesen wären.

Meiner Ansicht nach kommen fünf verschiedene Charaktere und deren Einflüsse zusammen und ergeben, das was Deep Purple ausmacht. So war es schon immer gewesen. Das macht den Reiz jeder Periode aus. Du hast Paice, der mehr aus der Jazz und Big Band-Richtung denkt. Gillan steht auf Elvis und den fünfziger Jahre Rock'n'Roll. Glover liebt Bob Dylan und den ganzen Singer/Songwriter-Kram. Von Airey hingegen kommt eher das Faible für klassische Klänge.

Ich hingegen habe die späten Achtziger aufgesogen. Meine Einflüsse speisen sich aus Joe Satriani, Steve Vai und Gary Moore sowie den Hair Metal-Kapellen wie Mötley Crüe. Wenn zur Sprache kommt, dass ich den Hardrock zu Deep Purple zurückbringe, kann ich nur entgegnen, dass ich das spiele, was ich kenne. Ritchies Spiel basierte gleichermaßen auf Rock und auf Klassik. Steve Morse hingegen ist stark von Country und Progressive Rock geprägt. Wir hatten einfach einen riesen Spaß, gemeinsam dieses Album zu schreiben und aufzunehmen.

Bob Ezrin ist schlicht brillant. Er ist knallhart und kann ein ziemlich gemeiner und ehrlicher Kerl sein (lacht). Aber von einer richtigen Warte ausgehend. Er ist der Antreiber und holt mit seinem Old School-Ansatz das Beste aus den Musikern heraus. Er hilft dir deine Grenzen zu erfahren und darüber hinauszugehen. Wir hatten zu Beginn unsere kleineren Konflikte und testeten uns gegenseitig, aber das ist normal im Prozess des Kennenlernens.

Du hast von der Spontaneität des Zusammenkommens gesprochen – fünf Leute in einem Raum und dann spielen, spielen, spielen. Wenn ich mir hingegen den letzten Song "Bleeding Obvious" anhöre, erklingt ein monumentales Stück progressiver Musik. Ich kann mir schwer vorstellen, dass dieser Song ein Produkt des Jam-Prozesses ist. Du hörst die schnelle-solistische Introsektion, der krönende Refrain, die auf einer Akustik-Gitarren Harmonisierung basierende Bridge passt ebenfalls sehr gut."

Das ist wahrscheinlich der einzige Song, der einer Konstruktion folgt. "Bleeding Obvious" besteht aus zwei Hälften. Die erste Hälfte präsentiert das grundlegende Songmaterial. Und dann kam Bob Ezrin und meinte, dass wir daraus ein progressives Rock-Stück machen müssen. Von mir stammen die ganzen Riffideen bis zu diesem Punkt, und diese waren sehr gut aufeinander abgestimmt, gerade mit Blick auf die Rhythmus-Sektion. Nach dem ich gestutzt habe, bewegten wir uns schließlich in Richtung dieses großen, epischen Liedes.

"Bleeding Obvious" resultiert schließlich darin, dass sich Don Airey und ich für einen Tag in einem Zimmer verschanzt haben. Ich dachte schon, wir würden für unseren Entwurf gekreuzigt werden. Als wir unsere Ergüsse am nächsten Tag präsentierten, schaute mich Paice an und meinte, ob wir noch ganz bei der Sache seien. Und ich meinte, nein, genau so soll es sein. So hat sich das konstruierte, progressive Stück entwickelt.

Der Song schlägt sowohl eine Brücke zu den experimentellen Stücken der Frühphase als auch zu den Stücken, die Purple mit Steve Morse kreiert haben. Und dennoch macht er wahnsinnig viel Spaß und es hat einiges an Kraft gekostet, um ihn adäquat einzuspielen. Man hört viele Tempo- und Tonartwechsel. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir den Song als erstes aufgenommen. Als wir den Track im Kasten hatten, dachten wir, dass es von da an nur einfacher werden kann.

Die anderen Stücke haben bedeutend mehr Drive und wirken direkter. Daneben gibt es zwei Balladen mit "If I Were You" und "I'll Catch You". Aber auch hier kommt ihr ohne Umschweife auf den Punkt mit einer Spielzeit von maximal vier Minuten.

Die Kürze der Songs haben bereits einige Leute erwähnt. Aber der Song sagt dir, in welche Richtung er sich entwickelt. Wenn du mit dem Schreibprozess startest, diktiert der Song dir, wie lange er sein soll. Dann muss man sich darauf beschränken. Musiker neigen dazu, einen Song in die Länge zu ziehen, obwohl es nicht notwendig ist. Der Song gibt die Richtung vor.

Beim Songwriting-Prozess stehst du immer vor einem Fenster an Möglichkeiten. Manchmal entwickelt sich das Stück in fünf Minuten, mal sind es zehn oder gar eine halbe Stunde. Du solltest den Kern des Songs in dieser Zeit erreicht haben. Danach wird es beliebig, und die Energie und der Vibe gehen verloren. Wir versuchen uns nicht zu stark mit der Länge der Song zu beschäftigen. Es kommt wie es kommt.

"Ich bin Gitarrist und liebe Pedale und Sounds"

Lass uns über eine spezielle Solo-Sektion und einen Sound, den du verwendest, sprechen. Du verwendest einen Oktaver oder Harmonizer in "Pictures Of You" und im darauffolgenden Song, "I'm Saying Nothing". Beide Songs sind über einen ruhigen Teil miteinander verbunden. Der Schluss liegt nahe, dass neben der klanglichen Ebene beide Songs konzeptuell miteinander verbunden sind.

Diese beiden Songs zusammen zu betrachten, ist das Resultat der Bemühungen von Bob Ezrin. Dies entspricht nicht unserer Intention. "Pictures Of You" ist ein Song, der für sich steht. Allerdings habe ich für das Solo einige Varianten ausprobiert. Nimm das typische Gitarrensolo, das aus Skalen und Rumgenudel besteht. Aber "Pictures Of You" hat förmlich nach einer Melodie verlangt. Der Song ist recht einfach gestrickt. Von mir stammt das Riff zu Beginn, auf das die Gesangsmelodie folgt. Ich dachte mir, lass einfach die Hauptmelodie als Grundlage für den Solopart nehmen. Dann kam die Idee, die Melodie zu harmonisieren im Stil von Bands wie Boston. Ich habe es ausgeterzt und Oktaven drunter und drüber gelegt und so die Mischung kreiert, die du letztlich als Solo hörst.

Der Teil am Ende von "Pictures Of You" war eigentlich als eigenständiger Song gedacht, der jedoch auf der Platte keinen Platz gefunden hat und uns trotzdem am Herzen liegt. Nun ist es diese kleine Verbindung zwischen den von dir angesprochenen Liedern. Bob lieferte die Idee und schnitt dieses Interlude zwischen die Songs, wir fanden es cool, und so ist es geblieben.

Für "I'm Saying Nothing" habe ich einen Oktaver verwendet und auch die Rhythmus-Gitarre mit einer tiefen Oktave gedoppelt. Wir leben nunmal in einer modernen Welt. Ich bin Gitarrist und liebe Pedale und Sounds und als Nerd, der ich nunmal bin, möchte ich all diese tollen Spielsachen auch verwenden. Dadurch kommt für den Hörer zusätzliche Farbe ins Klangbild. Es weckt mehr Interesse als nur einen Gitarrensound von Anfang bis Ende zu nutzen.

Ich habe ein riesiges Pedalboard. Und es gibt Leute, die meinen, Ritchie hätte keine Effekte eingeschliffen. Ich kann dann nur entgegnen, dass ich das Setup von Ritchie nicht kenne, die Vielfalt an Sounds jedoch zu mir gehört. Ich verwende sie allerdings gezielt und als einzelne Effekte. Mein Hauptsound speist sich tatsächlich aus dem Klang der Verbindung meiner Gitarre mit meinem Amp. Manchmal sind es nur ein oder zwei Takte, die ich klanglich modifiziere, manchmal spiele ich trocken.

Neben der klanglichen Komponente sind die Soli durchdacht und mit einem hohen technischen Anspruch versehen. Daneben gibt es schöne Querverweise in viele Richtungen, eine hohe Anbindung an die Tradition, "Now You're Talking" verfolgt mit seinem emphatischen Rock 'n'Roll-Start die Linie, die Chuck Berry mit geprägt hat. "If I Were You" wartet mit einer an Gary Moore angelehnten Solo-Sektion auf. Alles spielt sich im Bereich der Ehrerbietung ab und ist keine reine Kopie.

Gary Moore ist in der Tat ein sehr großer Einfluss, neben Steve Lukather. Wenn ich zeitweise wie die beiden klinge, dann habe ich mein Ziel erreicht. Alles was ich oder jemand anderes spielt, dockt an eine Version an, die davor bereits präsentiert wurde und so weiter. Über die Jahre verfeinerst du deine Licks und Riffs und wirst immer mehr du selbst. Viele Solos auf dem Album sind tatsächlich First Takes und wurden direkt im Studio entwickelt und eingespielt. "I'm Saying Nothing" ist tatsächlich ein inspirierender Moment zwischen Don Airey und mir gewesen, in dem wir alles rauslassen. Bob hat immer gerne drei Versionen zur Auswahl, aus den er den besten Take herausziehen kann.

Einige Overdubs wurden in euren jeweiligen Heimstudios angefertigt. Aber der Großteil stammt aus den Live-Sessions, sehe ich das richtig?

Ich bin schon ein ziemlicher Perfektionist, was Flucht und Segen zugleich ist. In meinem Heimstudio ist mein gesamtes Setup, so wie ich es brauche und wann immer ich spielen möchte. Das ist ein ziemlicher Luxus, verglichen mit der durchgetakteten Zeit, die ein Studioaufenthalt mit sich bringt. Die meisten Rhythmus-Parts haben wir gemeinsam im Studio finalisiert. Danach hatten wir ein Zeitfenster, in dem Bob die Aufnahmen aufbereitet hat und ich überlegen konnte, an welcher Stelle Ergänzungen sinnvoll sind.

Knapp die Hälfte der Soli entstanden bei mir zu Hause, der Rest hingegen in Toronto, wo die Aufnahmen stattgefunden haben. In Ruhe und Abgeschiedenheit an Sounds zu feilen und unterschiedliche Gitarren auszuprobieren, hat was für sich. So entstehen interessante kleine Texturen und Klangtupfer wie zusätzliche Akkordspuren. Nur Kleinigkeiten, die den Song jedoch ein wenig besser machen.

Bist du auch in die Ausarbeitung der Texte involviert, oder ist das die Domäne von Ian Gillan?

Die Lyrics stammen grundsätzlich alle von Gillan, wobei Roger Glover an der ein oder anderen Stelle aushilft. Wenn die Songs entstehen, wissen wir noch nicht, was Ian singt. Aber er ist immer anwesend und notiert sich Tausende Wörter in sein Büchlein. Manchmal klinkt er sich ein, probiert eine Melodie oder ein paar Textzeilen aus. Die meiste Zeit schreiben wir Instrumentals. Da er vom Standpunkt eines Sängers aus denkt, ergeben sich interessante Diskussionen über das Arrangement, sprich an welcher Stelle ein Part mehr Sinn ergibt.

Insofern ist es immer eine kleine Überraschung, wenn wir zu hören bekommen, woran er still und heimlich gefeilt hat. Als uns Bob die ersten Versionen mit Ians Vocals und Texten geschickt hat, saß ich einfach nur da und war überwältigt. Ich kannte bis dahin nur die Instrumentals. Dann gesellt sich das Genie von Gillan dazu, sein Gespür für Worte, Geschichten und Melodien und gibt den Songs den gewissen Dreh.

Sprecht ihr über die Texte und die Themen, die den Songs zugrundliegen? "Lazy Sod" und "No Money To Burn" sind ja durchaus mit Augenzwinkern gestaltet. Der Humor kommt bei euch sicherlich nicht zu kurz ...

Gillan hat eine interessante Sichtweise auf die Dinge. Es gibt immer mehrere Ebenen. Der offensichtliche Eindruck führt meistens in die Irre und ist nicht das, was du erwartest. In "Lazy Sod" geht es um darum, den Hintern nicht hochzubekommen. Gillan erzählte mir, dass seine eigentliche Inspiration für den Track daher stammt, dass er Angst gehabt hat, dass sein Haus abbrennt. Der Mann ist ein Genie und überrascht mich immer wieder.

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