laut.de-Kritik
New Wave, Art-Pop, Kraut und elektronische Geräuschmechanik.
Review von Franz Mauerer"Magic" ist das erste Album des Wiener Projekts, das tatsächlich als Album und nicht als nachträglich gebündelte Sammlung von Singles entstanden ist. Seit rund zehn Jahren treibt Florian Seyser-Trenk alias Peter T. Euroteuro durch die österreichische Poplandschaft, irgendwo zwischen Synth-Pop, NDW, Lo-Fi, Schlager und bewusstem Kasperletheater. Auf "Magic" aber sollen nun Trauer, Hoffnung und Tod verhandelt werden; das Projekt soll erwachsen werden. Tatsächlich klingt die Platte anfangs, als hätten Euroteuro beschlossen, das ironische Sicherheitsnetz einfach wegzuziehen.
Das funktioniert bemerkenswert gut. So ungefähr wie man sich wünschen könnte, Jens Friebe würde einmal das Kaspern lassen oder Drangsal nicht permanent sein Feuilletonstanding mitdenken: deutscher Synth-Pop von großer Erhabenheit und Schönheit, der nicht dauernd zwinkern muss, um sich seiner selbst sicher zu sein.
Der Titelsong "Magic" ist dafür ein geradezu überwältigendes Argument. Peter T. singt im Duett mit Anja Plaschg von Soap&Skin, dazu kommen Lap-Steel-Gitarre, Bläser, Violinen und Piano. Das Ergebnis ist getragen und entblößend, öffnet sich langsam wie eine knospende Blüte und wirkt gleichzeitig karg und vollkommen.
"Connection" zieht anschließend das Tempo an, ohne deshalb einfacher zu werden: repetitiver Krautrock-Beat, Gitarre, Piano, Violinen, Trompeten, dazu Peter T. und Katarina Maria Trenk im Wechselspiel. Nervöser, komplexer New Wave mit einer spröden Eleganz, die tatsächlich an Kiev Stingl denken lässt. Was könnte es für ein besseres Kompliment geben?
Und "Favourite" setzt noch einen drauf. Repetitiv im Sakko tanzen, stoischer Vorwärtsdrang: Für dreieinhalb Minuten sind Euroteuro die deutschsprachigen LCD Soundsystem. Ell-Tse-Deeh-Geräuschmechanik, Spatzi! Drei Songs lang steht da also plötzlich eine Band, von der man glauben könnte, sie habe sich aus ihrer eigenen Kunstfigur herauskomponiert. Dann kommt "Energie" und es geht: die Energie. Gleichzeitig wird an dieser Stelle deutlicher, wie sehr "Magic" nicht nur ein Peter-T.-Album ist. Katarina Maria Trenk singt bereits auf "Connection" und "Favourite", übernimmt auf "Energie" gemeinsam mit Peter T. sogar Arrangement und Gesang und bleibt danach auf weiten Teilen der Platte seine zentrale Partnerin. Das ist wichtig, weil sich damit auch die naheliegende Erklärung erledigt, Euroteuro würden sich im weiteren Verlauf einfach in wechselnden Gastauftritten verlieren. Im Gegenteil: Ausgerechnet als sich das Kernpersonal stabilisiert, beginnt die Platte auseinanderzufallen.
"Energie" ist zunächst nur egal, gewöhnlicher Synth-Pop, dessen Harmlosigkeit nach den ersten drei Stücken wie ein Dämpfer wirkt. "Pumpe" ist dann zum Haareraufen: weniger fertiger Song als allererste Demo eines Tracks, bei dem Melodie, Arrangement und Idee erst noch gefunden werden müssten. Und "Vulkan" erinnert in seiner doofen Schunkeligkeit ausgerechnet an den fürchterlichen Andreas Dorau.
Zum Glück stolpert anschließend "Federn" um die Ecke. Plötzlich glaubt man, Isolation Berlin zu hören, nur weniger verrumpelt und genauso versoffen. Also ziemlich gut. Der Eindruck kommt nicht völlig aus dem Nichts: Neben Peter T. und Katarina Maria Trenk singt hier auch David Schweighart, der zugleich Gitarre spielt; dazu kommen Mellotron, Schlagzeug, Violinen und Piano. Vielleicht klingt "Federn" deshalb so sehr nach einer Band, die gemeinsam in einem Raum steht, statt nach einem Projekt, das eine Idee illustriert.
Überhaupt ist das Merkwürdige an "Magic", dass die Platte immer dann, wenn man sie abgeschrieben hat, einen neuen stilistischen Weg findet, auf dem Euroteuro erstaunlich überzeugend wirken. New Wave, Art-Pop, NDW, Kraut, Dream-Pop, Cloud-Rap, dunkler Indie-Rock: Peter T. versucht hier tatsächlich, all das nicht bloß nebeneinanderzustellen, sondern in einen emotionalen Zusammenhang zu bringen. Dass ein Album über Verlust und Vergänglichkeit stilistisch permanent seine Gestalt verändert, ist als Idee sogar ziemlich schön. Nur gelingt das eben längst nicht immer.
"Nacht", auf dem Voodoo Jürgens mit Peter T. singt, ist das drastischste Beispiel. Der Zweiminüter erinnert an eine Gesangsspur, die Yung Hurn seinem Produzenten Stickle zuschickt: als Rohmaterial gar nicht schlecht, als kompletter Song ein Witz. Und tatsächlich ist das Arrangement beinahe demonstrativ reduziert: Beats und Synths von Peter T., dazu Gitarre und weitere Synths. Eine Ästhetik zu erkennen ersetzt eben noch keinen Song. "Time" ist anschließend nett, entwickelt aber nie jene Gravitas, auf die es erkennbar abzielt. Ein Wave-Popper mit hübschem Spin, dem die letzte Entschlossenheit fehlt. Für das dunklere, rockigere "Schweben" gilt fast dasselbe – mit einer auffälligen Ausnahme: Irgendwann lösen wenigstens die Drums endlich die Handbremse, und für einen Moment hört man, welche Wucht in dieser Platte stecken könnte.
Peter T. versucht hier tatsächlich eine Weiterentwicklung – weg von der ironischen Euroteuro-Kunstfigur, hin zu einer Musik, die Trauer, Trost, Zweifel und Transzendenz aushalten will, ohne sich hinter einem Gag zu verstecken. Und wo diese Weiterentwicklung gelingt, gelingt sie richtig. Die ersten drei Stücke und "Federn" zeigen eine Band, die aus New Wave, Art-Pop, Kraut und elektronischer Geräuschmechanik etwas Eigenes bauen kann und dabei plötzlich eine Schönheit und Würde erreicht, die man Euroteuro vielleicht gar nicht zugetraut hätte.


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