laut.de-Kritik
Weltmusik-Seminar für Synth- und Psychedelic-Nerds.
Review von Michael SchuhNiemand kennt Kunzite. Daran hat sich seit dem fantastischen Debüt "Visuals" samt Lee "Scratch" Perry-Feature vor fünf Jahren nichts geändert. Lumpige 10.000 Insta-Follower, null Promo-Power seitens der Industrie, und nun nennen sie ihr neues Werk auch noch "Secrets". Ja gut, dann bleibt es eben unser gemeinsames Geheimnis, deines und meines.
Stünde "Secrets" in Schaufenstern hiesiger Plattenläden, würde jeder Ästhet beim Anblick des Covers sofort bemerken, dass hier Herausragendes vor sich geht. Wie ein Stockfoto aus einem (Papier-) Katalog der 70er Jahre grinst einen das Artwork an: Frau reitet Delphin, Wassertropfen spritzen, blaues Meer, weißer Sand, das Setting kreischt Südsee! Dazu extra verratzte Ecken und die hellen Abdrücke einer Vinylplatte, als hätte man den Tonträger aus dem Koffer einer Wohnungsauflösung gefischt, wo sie 50 Jahre lang begraben lag.
Für alle Nichteingeweihten muss es sich anfühlen wie die Bergung eines Schatzes, sobald die Wassergeräusche "Secrets" ankündigen und ein analoger Synth-Bass 70s-Scores wie "Dr. Snuggles" heraufbeschwört. Die einsetzenden Beatles-Chöre leiten über in "Himalayas" und dort wird schnell klar, warum das Label Sol System Records heißt: Space is the place.
Das machte 2021 schon der Clip zum Überhit "Frosty" klar: Skatende und surfende Frauen, Palmen, Kalifornien, Pop-Hooks in Super-Slomo. Ergebnis: traurige 160.000 Youtube-Views. Mike Stroud und Agustin White war es egal, sie schraubten einfach fünf Jahre lang weiter, denn Nerds sind geduldig. "Secrets" ist erneut ein homogenes Werk geworden, manchmal mit Gesang, meistens ohne, dafür aber auch immer tolle Samples. Herausragend: Die schiebenden Percussions in "Caldron" oder die fordernde Frauenstimme im diesjährigen Hit "Pagos", die unentwegt fordert: "Come On now!"
"Ashka" ist nur einer der Songs, die nach einer Damon Albarn-Kollabo schreien, doch Kunzite bleiben in ihrem Weltmusik-Seminar ganz bei sich selbst. Ihre Musik ist nicht für Single-Auskopplungen gemacht, es geht um den Flow, um die Reise, nicht um Beginn und Ziel.
Die mitreißenden Gitarrenriffs von Strouds Ex-Band Ratatat blitzen nach wie vor auf ("Soursop", "Silverfox"), jedoch gedrosselt und eingebettet in gleißende Psychedelica. Eben so, wie es klingt, wenn der eine auf pakistanischen Folk (Stroud) und der andere auf westafrikanischen Jazz der 1970er Jahre steht (Agustin). Auf "Secrets" erweckt das Duo die kosmischen Grooves alter Vokaltruppen zum Leben und eifert eigenen Helden wie dem inzwischen 91-jährigen Trompeter Eddie Okonta aus Nigeria nach. Am besten sofort das Vinyl ordern, "Visuals" ist jetzt schon nicht mehr erhältlich. So ist das eben mit Geheimtipps.


3 Kommentare
Sehr billige Synthie-Sounds.
Astreine Tame Impala - Imitation. Löst gar nichts aus gerade...
"KI, würfle mir bitte ein Album zusammen."
"Klar, Kunzite, kein Problem. Wie sollen wir das Album nennen?"
"Hm... lass es uns Secrets nennen, es soll ja geheim bleiben, dass du es zusammengewürfelt hast."