laut.de-Kritik

Lead, never follow.

Review von

Zeitlosigkeit, Einfluss, das Setzen neuer Maßstäbe - oft dauert es einige Jahre bis Jahrzehnte, um diese oder ähnliche Kriterien für den 'Classic'-Stempel endgültig zu bestätigen. Viele Fans scheinen darüber einig, dass die Sternstunde im Fall Lancey Foux bereits 2022 stattfand. Das ist gar nicht lange her, ergibt aber irgendwo Sinn. Er punktete in Sachen Kreativität zu einer Zeit, als ein Großteil der neuen Generation Rager den innovativen Sound noch nicht über 'Geil, das mache ich auch' hinaus weiterdachte. Noch dazu hat sein Album "Life In Hell" einen großen Teil zum Mythos um seine Person beigetragen. Lancey war buchstäblich dieser mysteriöse Alien-Mann auf dem "Life In Hell"-Cover. Im Gegensatz zu Atlantas Vampir, sogar ohne die Agenda krampfhaft nach außen tragen zu müssen. Obendrauf gewann der UK-Underground mit ihm eine Figur, die in vielerlei Hinsicht eine Vorbildfunktion erfüllt und deren Einfluss sich heute in den jungen Gesichtern der Szene von Fakemink und YT, bis hin zu Skaiwater und Fimiguerrero widerspiegelt. Dagegen ist schwer zu argumentieren.

Höchstwahrscheinlich wird "The Time Of Our Lives" nichts von all dem nachbilden. Wir beobachten nämlich: Lancey droht langsam in den Hintergrund zu geraten, weil seine Zöglinge mit seiner Blaupause etwas kommerziell erfolgreicheres gebaut haben und nach und nach zu Stars heranwachsen. Das ist allerdings gar nicht so ungewöhnlich. SpaceGhostPurrp, Hi-C, Izaya Tiji - sie alle sind inzwischen dort.

Obschon es unvorteilhaft sein kann, den Underdog-Anzug erneut anzuziehen, so steht er unserem kreativen Freigeist ziemlich gut. Der immersive Opener "Reap What You Sow" setzt mit viel Hall und leisen Backup-Stimmen eine ruhige Soundlandschaft zusammen, die der darauffolgende Track sofort in Stücke reißt. "Seeing To It" bringt triumphalen Rage-Sound, energiegeladen und parallel dazu sehr erfrischend.

Doch für dieses Album schlägt er einen anderen Weg ein. So finden wir uns nach zwei bouncenden Hypertrap-Nummern, die er vergleichsweise lustlos abarbeitet, bei psychedelischem R'n'B wieder. "Change Your Mind" spielt mit verschiedenen Variationen von Lanceys Stimme. Über ein Instrumental, das komplett auf Drums verzichtet, funktioniert das großartig. Tatsächlich ebenso über PluggnB auf "Naked On A Yacht". Ehe man sich verhört, setzen auf "Rockstar Rider" UK-Drill-Drums und schwere, verzerrte 808s ein.

Das Sequencing für "The Time Of Our Lives" betrachtet Foux mehr wie einen Vorschlag anstelle tatsächlicher Praxis. Doch ist die erste Hälfte deutlich turbulenter und wilder, wohingegen nach "Wait For The Sun (Sugar)" das Momentum stark abnimmt. Daraufhin handelt er einige persönliche Struggles ab, diese Zeilen fielen mir nicht zuletzt aufgrund der erschreckend ehrlichen Formulierung besonders auf: "They want me back on Barking Road like it's 2010 / It's like they want me back on drugs, they said that's the best him / Cause when I went sober for two years, the fans stopped listenin’. Er bleibt damit über weite Strecken konstant, wobei es ihm dafür dann doch zu sehr in den Fingern juckt, um keinen Gegenentwurf unterzujubeln. Also: "Porsche Poet", Luxury-Rap über einen wunderschönen Sample-Flip von Q. T. Hush und Teena Maries "Soul Mates".

Vieles an "The Time Of Our Lives" wirkt sperrig und skizzenhaft. Mehr als in einem Album fühlt sich der Hörer wie in einem Irrgarten aus Foux' musikalischen Facetten. Es wäre leicht für ihn gewesen, sich der aufkommenden Szene, die er maßgeblich mitgeprägt hat, zu fügen. Wer hätte es ihm denn verwehren können? Er selbst zum Glück schon. Letzten Endes ist es doch diese Unberechenbarkeit, die "The Time Of Our Lives" aufregend und interessant gestaltet.

Trackliste

  1. 1. Reap What You Sow
  2. 2. Seeing To It
  3. 3. To The Money
  4. 4. Lingo Bingo
  5. 5. Who Do You Love?
  6. 6. Change Your Mind
  7. 7. Naked On A Yacht
  8. 8. All My Girls
  9. 9. Rockstar Rider
  10. 10. All The Time
  11. 11. Wait For The Sun (Sugar)
  12. 12. I Don't Wanna Know
  13. 13. Miss The Night
  14. 14. Body
  15. 15. Tell Em Who It Is
  16. 16. Therapist
  17. 17. When It Rains It Pours
  18. 18. Trying My Best
  19. 19. Everything Works Out
  20. 20. A Whole Lot
  21. 21. Porsche Poet

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