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Platz 5: Tonfilm (1999)

Neueinspielung von alten Kamellen? Nee komm, geh weg. Ach nein, so blöd ist das eigentlich gar nicht. Zumindest für den Start einer neuen Besetzung. Schon stand ein Unplugged-Album im Raum, das dann mit halber elektrischer Verstärkung 1999 erschien – noch im selben Jahr wie "Comics & Pin-ups", allerdings nach personeller Umstrukturierung.

Mit Neuzugang Helmut Krumminga an der Gitarre hat Niedecken jetzt neben Bassist Kopal und Drummer Zöller gleich drei ehemalige Wolf Maahn-Musiker an Bord. Hinzu kommt Gundermann-Veteran Michael Nass an den Keyboards.

"Tonfilm" ist die perfekte öffentliche Probe: Mit Klavier, Blueslicks, Jazzbesen und Akustikgitarre ein brutaler Gegenentwurf zu den jüngsten satt produzierten Alben, gleichzeitig mit deutlicher Huldigung an altes Material von "Diss Naach Ess Alles Drin" bis "Ruut-Wieß-Blau". Der Liveliebling "Nemm Mich Met" erhält seine offizielle Studioversion, "Jupp" ein neues Western-Intro und wenn "Müsli Män" als lupenreine(!) Jazzversion erklingt, könnte man fast schon von Angeberei reden.

Dabei ist "Tonfilm" kein arrogantes Muckertum, sondern ein klarer Befreiungsschlag. Nicht von Ex-Gitarristen oder Ex-Tonmännern, sondern von Zeiten, in denen eine Band im Studio bisweilen gegen- statt miteinanderarbeitet hat – ein Umstand, angesichts dessen sich im Rückblick alle an die eigene Nase fassen dürfen.

Doch nicht nur das alte Material profitiert von den neuen Arrangements, rund die Hälfte der Platte besteht ja aus neuen Tracks – zum Klassiker hats davon zwar keiner gebracht, "Jede Draum Jedräump" sei an dieser Stelle besonders ans Herz gelegt.

Niedeckens neuzeitliche Berichte über die Major-Ära mögen teils etwas einseitig sein, doch etwas daran passt sehr gut zu "Tonfilm": seine Dankbarkeit und Liebe zu dessen Kompositionen. Oder wie Drummer Jürgen Zöller schrieb: "Endlich konnte man dem Material dienen, und nicht mehr nur dem Komponisten."

"Tonfilm" leitet die vielleicht beste BAP-Phase überhaupt ein – zumindest was Zusammenspiel, Ausgewogenheit und Abwechslungsreichtum angeht.

Wolfgang Niedecken:

"Jürgen ist lieb (lacht). Die neue Besetzung war natürlich ein Traum. Dieses Album hatten wir ursprünglich noch mit dem Major machen wollen. Aber das wäre vermutlich ein typisches Unplugged-Album mit den größten Hits und vielen blonden Streicherinnen geworden. Stattdessen haben wir uns eher am 'Stripped'-Album der Stones orientieren können."

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