Von der Thatcher-Ära bis in die Gegenwart: Ein Roman über einen magischen Sommer, Musik als Ausweg und die Kraft der Freundschaft.
Irvine/Manchester (rnk) - Großbritannien im Jahr 1986, hartes Pflaster und Heimat bahnbrechender Bands: Andrew O'Hagans Roman "Maifliegen" (Ullstein, Hardcover, 336 Seiten, 24,99 Euro), in England bereits 2020 unter dem Titel "Mayflies" erschienen, holt zu Anfang genau in diese Zeit zurück. Die trotzige Aufbruchstimmung der Sex Pistols scheint verschwunden, dafür kommt aus der dunklen Industriestadt Manchester ein neuer, kalter Sound.
Post-Punk gibt genau die depressive Stimmung wieder, die das ganze Land in den 1980er Jahren erfasst hat. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher treibt eine unbarmherzige und radikal-neoliberale Wirtschaftspolitik gegen Gewerkschaften voran. Niemand in der sogenannten Working Class, die eigentlich gar keine Arbeit mehr hat, erhofft sich noch ein besseres Leben.
Soziale Kälte und die Magie der Musik
Keine einfache Zeit, die O'Hagan im ersten Teil seines Romans skizziert. Die gesellschaftliche Lage geprägt von Spaltung, wirtschaftlichem Niedergang und ständigen Arbeitskämpfen lässt auch Familien härter werden und emotional abstumpfen. Irgendwo in dieser prekären Situation müssen sich James, ein sensibler Junge, und der extrovertierte Tully ihren Platz erkämpfen. In den Sozialbauten des schottischen Kaffs Irvine herrscht den ganzen Tag Streit, also flieht James in seine Bücher. Das macht ihn im rauen Klima der Arbeiterklasse zum Außenseiter, zum Weirdo.
Zum Glück teilt er mit seinem lauten Kumpel Tully eine große Leidenschaft: Musik. Gemeinsam planen die beiden eine Fahrt nach Manchester, zum "Festival of the Tenth Summer". The Jesus And Mary Chain, die Tully als Kerle abtut, die nur fünfzehn Minuten spielen und dabei mit dem Rücken zum Publikum stehen, interessieren die beiden trotz der gemeinsamen schottischen Herkunft nicht sonderlich. Das Line-Up mit New Order, The Smiths, The Fall und Magazine euphorisiert sie hingegen umso mehr. Es bietet eine Möglichkeit, der Frustration und dem kleinstädtischen Leben zu entkommen.
O'Hagan bietet einen Klassiker der Adoleszenz-Erzählung auf: Musik funktioniert nicht nur als verlängertes Abi-Party-Wochenende, sie bildet eine Insel inmitten eines trübsinnigen Lebens. Die Wohnungen sind graue Dreckslöcher, Irvine ein perspektivloses Kaff, im Sehnsuchtsort Manchester aber, da geht in den Vorstellungen von James und Tully die Post ab. Für die Kids aus Schottland ist die nordenglische Metropole die große Stadt, in der ihre Idole spielen: ein Arkadien, ein Schlaraffenland jenseits der Grenze.
Obwohl sie Morrissey betrunken als "altes Arschloch" beschimpfen, rauchen sie kurz darauf gemeinsam eine Zigarette, an der noch der Speichel Johnny Marrs hängt: "Das bisschen Spucke macht mir nichts aus. Der Mann hat 'How Soon Is Now' geschrieben." O'Hagan beschreibt diesen jugendlichen Überschwang und die Liebe zu den Idolen wirklich mitreißend und authentisch. Kein Wunder, schließlich basiert "Maifliegen" auf dem echten Leben O'Hagans, der 1986 mit seinem besten Freund Keith, der als Vorlage für Tully diente, das legendäre Event in Manchester besuchte.
A Means To An End
Im zweiten Teil seines Romans zieht existenzieller Erwachsenen-Realismus ein. Die Geschichte springt dreißig Jahre nach vorne, ins Jahr 2017. Die Freunde haben losen Kontakt gehalten, doch eine Schocknachricht bringt sie wieder zusammen: Tully hat Speiseröhrenkrebs im fortgeschrittenen Stadium, ihm bleiben nur noch wenige Monate. Aus dem Jugendroman wird eine zutiefst erwachsene Geschichte zweier Männer, die noch einmal gemeinsam das Leben feiern wollen, diesmal nicht in verrauchten UK-Clubs, sondern in der Schweiz, wo sie ihre Jugend rekapitulieren, abrechnen mit dem, das hätte sein können, und sich verabschieden von dem, das bleibt.
Tully hat sich für die Sterbehilfe entschieden, und es ist James, der ihm dabei zur Seite steht: eine Entscheidung, die O'Hagan weder verurteilt noch verklärt, sondern mit schonungsloser Aufrichtigkeit begleitet. Die letzte gemeinsame Zeit zusammen wird nicht kitschig beschönigt. Das Ende kommt, wie es kommen muss, und natürlich endet alles auf einem Sportplatz, als allerletzter Triumph über den Tod. Genau in dieser Szene kann man "Atmosphere" von Joy Division förmlich hören und beendet diese sehr britische Lektüre mit einem dicken Kloß im Hals.
Es schwingt etwas von Nick Hornby in "Maifliegen" mit: Der Ton ist männlich-rau, Arbeiterklasse durch und durch, und dennoch steckt in diesen knorrigen Menschen eine große Herzlichkeit. Den Rausch der Jugend beschreibt "Maifliegen" genauso schön wie die Freundschaft bis in die letzten Momente eines Mannes, der sein Leben wirklich gelebt hat. O'Hagans Roman erinnert daran, was wahre Freundschaft bedeutet.
Filmreifer Stoff
Die lebhafte, kinematografische Beschreibung schreit schon beim Lesen nach einer Verfilmung. Tatsächlich setzte die BBC "Mayflies" zu Weihnachten 2022 als zweiteilige Serie um, die wie der Roman hervorragende Kritiken erhielt. Eine deutsche Umsetzung gibt es leider noch nicht.
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