Der Helden-Geschichte folgt die Origin-Story. Die Sängerin erzählt vom Aufwachsen in Kreuzberg und Freiburg und hadert mit der Frage: Ist das nett?

Berlin (dani) - Ein Kollege sagte einmal über Judith Holofernes, sie kenne einfach die gewaltigsten Worte. Dass er damit Recht hat, wissen alle, die den Lyrics von Wir Sind Helden auch nur ein Bruchteil der verdienten Aufmerksamkeit zukommen ließen. Oder den Texten von Holofernes' Solo-Songs. Oder ihren Gedichten über allerlei Getier. Oder dem so beeindruckenden wie niederschmetternden Buch, in dem sie vor ein paar Jahren schilderte, wie der versuchte Spagat zwischen Karriere und Familie sie beinahe in Stücke gerissen hätte.

Nun hat Judith Holofernes erneut ein Buch geschrieben. In "Hummelhirn" (Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, gebunden, 24 Euro) beschwört sie ihre Kindheit und Jugend herauf, die Zeit vor ihrer Rockstar-Werdung, quasi ihre ur-eigene Origin-Story. Dass auch die virtuos geschrieben und fulminant formuliert ist, versteht sich angesichts ihres Talents von selbst. Auch dieses Buch lässt sich entsprechend wunderbar weglesen und entführt dabei so mühelos wie wirkungsvoll in die Welt der jungen Judith.
Unkonventionelle Verhältnisse

Die Mutter der Erzählerin entstammt einer süddeutschen Adelsfamilie, mit der sie aus nicht näher aufgedröselten Gründen jedoch weitgehend gebrochen hat. Sie entzieht sich den Erwartungen schon als junge Frau, flüchtet ins links-alternative Milieu der damals noch geteilten Hauptstadt, wo sie kurzzeitig mit einem Mann anbandelt und schwanger wird. Die frischgebackenen Eltern trennen sich jedoch schon bald wieder. Sie entdeckt ihr Faible für Frauen, er seines für fernöstliche Heilslehren und die Schafzucht.

Beider Tochter Judith, ein kränkliches, verschusseltes Kind, kommt in Berlin zur Welt, wo sie ihre ersten Jahre in Wohngemeinschaften und Kinderläden verlebt, größtenteils in der Obhut der Mutter, die die kleine Familie als Übersetzerin gerade so über Wasser hält. Der Vater verschwindet zwar nicht ganz, ist jedoch weitgehend abwesend, schon rein räumlich betrachtet. Bei ihm hat Judith aber immerhin besuchsweise ein zweites Zuhause, das bald obendrein eine Stiefmutter (die jedoch keine besonders bedeutende Rolle zu spielen scheint) und innig geliebte jüngere Geschwister bevölkern.

Aus Kreuzberg in den Breisgau

Die Jahre ziehen ins, der Vater erst aufs Land, später nach Wuppertal. Die Mutter bewegt sich unterdessen wieder in die Nähe der familiären Wurzeln zurück: Sie übersiedelt samt Kind in den Breisgau. Hier verbringt Judith ihre Jugendjahre, fühlt sich dabei immer ein wenig fremd, anders, am Rand stehend. Kein Wunder, gehört sie nicht wirklich dazu: Um sie herum sprechen die Leute unverständliches Badisch, während sie selbst leise berlinert.

Das Familienmodell 'alleinerziehende, in lesbischen Partnerschaften lebende Mutter mit Kind' dürfte selbst im vergleichsweise liberalen Freiburg in den 1980er Jahren nicht an der Tagesordnung gewesen und entsprechend mit Argusaugen beäugt worden sein. Zudem ist Judith unentwegt krank, ringt nach Luft, mit ihrem Asthma, Allergien und ihrer Vergesslichkeit, für die sie erst im Erwachsenenalter eine Diagnose bekommen soll.

Das Setting ist eigentlich nicht uninteressant. Leider wollte Judith Holofernes aber keine Milieustudien betreiben. Sie wollte weder über die Kluft zwischen Arm und Reich schreiben noch traditionelle und ungewöhnliche Lebensmodelle einander gegenüberstellen, oder das urbane Leben dem eher ländlich geprägten. Sie wollte, ihr gutes Recht, ihre ganz persönliche Geschichte erzählen. Und leider wird es genau da einfach sterbenslangweilig.

Wie ein Teenie-Tagebuch

Ob echt oder rekonstruiert, die vielen, vielen Auszüge aus ihrem Teenie-Tagebuch lesen sich leider genau so: wie ein Teenie-Tagebuch. Ausufernd bekommen wir da die Schwärmereien aufgetischt, für Frederic, Timo, Ulf oder wie der jeweils angeschmachtete Jüngling gerade heißt. Klar bedeutet es für eine Elf-, Zwölf-, Dreizehnjährige in diesem Moment die Welt, wer mit wem geht, gern ginge, Schluss macht oder Schluss zu machen in Erwägung zieht. Wie solches aber einer doch ja wohl größtenteils erwachsenen Leser*inneschaft irgendeine Regung abnötigen soll, die über ein mitleidig-gelangweiltes "Ach!" hinausgeht ... ich kann es mir wirklich nicht vorstellen.

Auch die ganzen anderen Teenagersorgen, die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, das Sich-Unverstanden-Fühlen, das ewige Chaos im Kopf und im Herzen ... "Ach!" Das kennt zwar wirklich jede*r, das haben wir alle durchgemacht, es erscheint im Rückblick aber unerträglich banal und ist tatsächlich wohl weder ansatzweise so dramatisch gewesen, wie es uns damals vorgekommen ist, noch ist es auch nur halb so interessant, wie es sein müsste, um darüber ein spannendes Buch zu schreiben.

Das Identifikationspotenzial von Wischiwaschi

Irgendwohin geführt hätte vielleicht, wenn Judith Holofernes die ganzen Symptome, die ja überlaut "ADHS!!!" brüllen, rückblickend eingeordnet und mit ihrer später erhaltenen Diagnose verknüpft hätte. Aber während sie unentwegt an völlig uninteressanten Stellen gnadenlos tief ins Detail geht, bleibt sie ausgerechnet hier vage. Klar darf sie intime Informationen über ihren Zustand für sich behalten, es geht die Öffentlichkeit ja nichts an, woran genau sie nun leidet oder nicht. Da sie aber behauptet, sie konkretisiere ihre Krankheit extra nicht, um mehr Betroffenen Anknüpfungsmöglichkeiten zu bieten ... äh, sorry: Das Identifikationspotenzial von Wischiwaschi halte ich doch für recht überschaubar.

Statt in der Sache, die dem ganzen Buch ja sogar den Titel gegeben hat, Klartext zu sprechen, seziert Judith Holofernes lieber mit Monk-mäßiger Penetranz eine Frage, die niemand gestellt hat, außer ihr selbst, sie dafür aber unentwegt: Was ist "nett" und was nicht? Mit dem Resultat, dass mir am Ende des Buches nicht nur das Wörtchen "nett" girlandenartig zum Hals herausrankt, sondern vor allem die dahinterstehende Fähnchenimwind-Attitüde, es immerfort jemandem recht machen zu wollen.

Ist das nicht nett?

Ab einem gewissen Zeitpunkt haben sich sich das ewige Dies-ist-nett/das-ist-nicht-nett mit der fünften Bravo-Lovestory und dem x-ten verlegten Federmäppchen offenbar verschworen, Hand in Hand auf dieselbe, in neonfarbenen Majuskeln hinter meiner Stirn blinkende Frage zuzurennen: Wen verdammtnochmal juckts? Dass jemand, der so schreiben kann wie Judith Holofernes, das eigene Talent daran verplempert, sich an vollkommenen Wumpigkeiten aufzureiben, kommt mir jedenfalls weder besonders nett noch dezidiert nicht nett vor. Nur schade.

Trotzdem kaufen?

Judith Holofernes - "Hummelhirn"*

Wenn du über diesen Link etwas bei amazon.de bestellst, unterstützt du laut.de mit ein paar Cent. Dankeschön!

Fotos

Judith Holofernes und Wir Sind Helden

Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Alex Klug) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Judith Holofernes und Wir Sind Helden,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig)

Weiterlesen

laut.de-Porträt Judith Holofernes

Alles auf Anfang - und doch ganz anders. So in etwa lautet die Quintessenz des Statements, das Judith Holofernes (bürgerlich Judith Holfelder-Roy) im …

laut.de-Porträt Wir Sind Helden

Kann man einer Sängerin vertrauen, die den Namen Judith Holofernes (bürgerlicher Name: Judith Holfelder von der Tann) trägt? Deren biblische Namensgeberin …

1 Kommentar mit einer Antwort

  • Vor 8 Minuten

    "Irgendwohin geführt hätte vielleicht, wenn Judith Holofernes die ganzen Symptome, die ja überlaut "ADHS!!!" brüllen, rückblickend eingeordnet und mit ihrer später erhaltenen Diagnose verknüpft hätte. Aber während sie unentwegt an völlig uninteressanten Stellen gnadenlos tief ins Detail geht, bleibt sie ausgerechnet hier vage."

    Welch unerbittliche Tragik :D...

    • Gerade eben

      Das is net ADHS, das kommt vom 1Life in Freiburch:
      "Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse
      Fahrradfahrer dieser Stadt
      Ich bin alleine und ich weiß es
      Und ich find' es sogar cool
      Und ihr demonstriert Verbrüderung

      Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse
      Backgammon-Spieler dieser Stadt
      Ich bin alleine und ich weiß es
      Und ich find' es sogar cool
      Und ihr demonstriert Verbrüderung

      Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse
      Tanztheater dieser Stadt
      Ich bin alleine und ich weiß es
      Und ich find' es sogar cool
      Und ihr demonstriert Verbrüderung

      Ich bin alleine und ich weiß es
      Und ich find' es sogar cool
      Und ihr demonstriert Verbrüderung"