Keine Ahnung? Macht nix!
Anders als meistens, starten wir heute im internationalen Segment. In der Woche, in der alle gebannt die Halbzeit-Show des Superbowl-Finales verfolgt haben, geht das ja kaum anders. Wir haben es hoffentlich alle gesehen: Bad Bunny hat die Sause gerockt, farbenfroh, quirlig und genau so ein Dorn in Donald Trumps Auge, wie es zu erwarten stand.
So zumindest unsere Wahrnehmung. Jürgen Kaube, immerhin Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, muss eine andere Performance gesehen haben. "Politisch war am Auftritt von Bad Bunny gar nichts", nölte er in seinem Kommentar, und schmähte den Rapper als "unterhaltsamen Hasen, mehr nicht": "Ein im weißen Anzug auftretender Sänger, der von vielen Frauen, auch ein paar Paaren umtanzt wurde, bewegte sich durch einen Hain so, wie es früher die Schlagerstars in den Kulissen der Abendshows mit dem Fernsehballett taten. Tscha-tscha-tscha in Rap-Version. Gute, rhythmisch beschwingte Laune. Bestätigung aller Phrasen vom lateinamerikanischen Temperament. Womöglich stimmen sie ja sogar."
"Die Operette ist keine Form des Widerstands und Bad Bunny ist eine Operettenfigur, ein puertoricanischer Czardasfürst", doziert Kaube da so herablassend wie am Thema vorbei, nicht ohne sich auch direkt noch über Bad Bunnys Fans zu erheben, die er offenbar für mindestens ein bisschen dumm hält: "auch wenn seine Anhänger davon nichts wissen." Ich bin ehrlich baff ob der unverblümten Arroganz und frage mich, wie weit oben jemand seine Nase tragen muss, damit ihm nicht nur die Zwischentöne entgehen konnten, sondern direkt die komplette Melodie.
Jürgen Kaube hat tatsächlich nichts von diesem Auftritt verstanden, nada. Nicht die (eigentlich recht unmissverständliche) Darstellung herrschender Missstände. Nicht die kolossale politische Sprengkraft darin, das "America" in "God bless America" einmal wörtlich zu verstehen, statt es zum Synonym für "USA" zu kastrieren. Schon gar nicht hat Kaube gerafft, dass sich in diesen aufgeheizten Zeiten keine revolutionärere Botschaft hätte in die Welt senden lassen als die, die in kapitalen Lettern (und zum besseren Verständnis sogar auf Englisch) hinter Bad Bunny zu lesen stand:
"THE ONLY THING MORE POWERFUL THAN HATE IS LOVE."
"Klassismus, Ethnozentrismus und keine Ahnung von nix geben sich hier ein Stelldichein der Ignoranz und Bösartigkeit", bricht die wunderbare Rebecca Spilker Jürgen Kaubes Artikel auf seine Essenz herunter.
Fürs Protokoll: Ich finde vollkommen legitim, wenn jemand wenig bis nichts über einen Künstler weiß, über seine Musik, seine Kultur, die Probleme seines Landes, seine Motivation. Es ist nicht nur okay, Wissenslücken zu haben. Es ist normal. Niemand kann sich überall auskennen. Völlig absurd finde ich aber, dass jemand ohne jede Grundlage über ein weltweit beachtetes Spektakel schreiben darf, und das nicht in seinem Tagebuch, in irgendeinem privaten Blog oder einer schwurbeligen "Stattzeitung", sondern in einer der verdammtnochmal renommiertesten Tageszeitungen dieses Landes. Fanden sie bei der FAZ wirklich niemanden mit wenigstens einem bisschen Bezug oder gar einem Funken Liebe für das Thema? Ohje, ohje, Journalismus steckt wirklich tief in der Krise.
Tatsächlich noch ein bisschen faszinierender als den Umstand, dass dieser Text abgedruckt wurde, finde ich, dass Kaube ihn überhaupt verfasst hat. Er muss ein wahrlich beeindruckendes Ego haben, um sich von völliger Ahnungslosigkeit nicht bremsen zu lassen. Ich könnte da echt noch 'ne Menge lernen, scheint mir. Ich habe zum Beispiel keinen Schimmer von Finanzthemen, und sie interessieren mich auch nicht. Ich sehe demnach eine goldene Zukunft für mich - im Wirtschafts-Ressort der FAZ.
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