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Ach, ist das so?

Wovon wir dagegen echt mehr als genug haben, sind Männer, die die Welt erklären. Vor allem Männer, die Frauen die Welt erklären, oder Männer, die die Welt der Frauen erklären wollen, kann ich echt nur noch ganz schwer aushalten. Es muss also ein echt masochistischer Moment gewesen sein, als ich MC Renes Betrachtungen (er nennt das natürlich wieder einen "Essay") über Frauen im deutschen Hip Hop angeklickt habe.


... und, wow, es war einerseits gar nicht schlimm, es stand ja nix großartig Falsches drin. Andererseits war es aber auch komplett unterwältigend. Zumindest soweit ich die Schwammigkeiten durchsteige, erzählt Rene da in vielen Worten, was längst bekannt ist:

"Ikkimel ist nicht die Erste. SXTN war vor ihr. Şahin war vor SXTN. Tic Tac Toe war vor Şahin. Es gibt eine ganze Reihe, und sie ist fast komplett aus dem öffentlichen Gedächtnis gefallen."

Ach, ist das so?

Ikkimel hat also kommerziell wesentlich mehr Erfolg als die Kolleginnen, die ihr zweifellos den Weg geebnet und Türen aufgetreten haben. Das mag mit ihrer Hautfarbe zusammenhängen, sicher auch damit, dass die Industrie gelernt hat, aus Empowerment Kapital zu schlagen. Letzteres war allerdings auch schon bei Tic Tac Toe der Fall, und ich bin immer noch der Ansicht, dass Lady Bitch Rays Nie-wirklich-Fußfassen im Musikgeschäft sicher nicht nur, aber schon auch zum Teil daran lag, dass sie (früher, inzwischen mag sich das geändert haben) einfach irre unsympathisch aufgetreten ist. Mit einer Person, die andere unentwegt unsachlich von der Seite anpampt, arbeitet man halt wahrscheinlich eher nicht zusammen, wenn man nicht muss, das muss gar nicht zwingend mit der Herkunft zusammenhängen, mit dem Geschlecht oder mit den transportierten Inhalten.

Egal, Rene schreibt so Sätze wie den hier: "Wer darf eine Geste besitzen, ohne dass sie ihm als Pathologie ausgelegt wird? Wer darf umstritten sein, ohne dass die Hautfarbe vor der Geste verhandelt wird? Wer wird im Feuilleton gelesen — und wer im Polizeibericht?" Oder den: "Wem gehört die Geste, für die wir Empowerment sagen Wenn wir die Frage nicht stellen, machen wir denselben Fehler, den die Branche gemacht hat, als sie Şahin alleine ließ und Bushido einen Bambi gab", und ich habe keine Ahnung, worauf er eigentlich genau hinauswill. Dafür fühle ich mich, als säße ich in einem dieser Laber-Meetings, die nicht enden, wenn alles gesagt wurde. Sondern erst, wenn (absichtlich nicht gegendert) jeder alles gesagt hat.

Apropos: Rene hat offenbar noch nicht alles gesagt: Seine "Essyas" erscheinen im Herbst unter dem Titel "Die ungestellte Antwort" in Buchform. Freut ihr euch?

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