Platz 18: Blue & Lonesome
Eigentlich brauchte das Rolling-Stones-Unternehmen 2016 überhaupt kein neues Album mehr. Seit "A Bigger Bang" waren elf Jahre vergangen, in denen die Gelddruckmaschine trotzdem hervorragend funktioniert hatte. Längst verdiente man mit Tourneen, Live-Alben, Boxsets und Wiederveröffentlichungen jede Menge Geld, ohne auch nur einen einzigen neuen Song zu schreiben. Live verkamen die Stones in dieser Zeit zunehmend zu ihrer eigenen Cover-Band, die sich für kaum etwas zu schade war.
Dabei war seit Beginn an ihre größte Stärke nicht das Covern von Rolling Stones-Liedern, sondern von Blues-Klassikern. Das eher aus einem Unfall heraus entstandene "Blue & Lonesome" zeigt das eindrucksvoll und pfeift komplett auf jede Form von Absatzchance. Weiter vom Zeitgeist entfernt war wohl kein Stones-Album zuvor. Hier spielen die Engländer einfach das, was sie am besten können und am meisten lieben. Tragischerweise zum letzten Mal auf einem Studioalbum mit Charlie Watts.
Eigentlich wollte die Band an einem neuen Album mit eigenen Songs arbeiten. Da sie damit jedoch nicht wirklich vorankamen, spielten sie zwischendurch alte Blues-Tracks. Dann den nächsten Klassiker. Gefolgt vom nächsten. Plötzlich war das Album fertig. Innerhalb von drei Tagen entstanden zwölf Aufnahmen von Songs von Little Walter, Howlin' Wolf, Willie Dixon, Memphis Slim und anderen Acts. Keine Jagger/Richards-Komposition, kein Versuch einer Stadionhymne. Die Stones kehrten nach mehr als fünfzig Jahren einfach dorthin zurück, wo alles angefangen hatte.
Plötzlich klingt die Band so lebendig wie lange nicht mehr. Kein bisschen nach großer Bühne, sondern nach feuchtem Keller, verschüttetem Bier und überquellendem Aschenbecher. Richards und Wood werfen sich trockene, dreckige Gitarren zu, Charlie Watts tut, was Charlie Watts eben tut, und Mick Jagger erinnert daran, dass eines der am meisten unterschätzten Instrumente der Stones schon immer seine Bluesharp war. Fünf Jahrzehnte nach ihrem Debüt sind die Rolling Stones plötzlich wieder das, was sie schon immer waren: eine der besten Blues-Coverbands der Welt. Ausgerechnet, weil sie kurz vergessen hatten, dass sie die Rolling Stones sind.
Für die Playlist: "Just Your Fool", "Hate To See You Go"
Für die Tonne: -
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