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Platz 2: Sticky Fingers

Vorab eine kleine private Erinnerung, man möge mir verzeihen. Ein Bekannter, mit dem ich in den 1990ern zu tun hatte und der mich an die Musik der 1960er und 1970er heranführte, erzählte mir einst seine ganz persönliche "Sticky Fingers"-Geschichte. Am Tag der Veröffentlichung kaufte er sich die Platte mit dem berühmten, von Andy Warhol entworfenen Artwork mit dem echten Reißverschluss. Da ihm zu Hause aber gerade der Reißverschluss einer Hose kaputtgegangen war, schnitt er kurzerhand den aus dem Cover aus und nähte ihn in sein Beinkleid ein. Vielleicht nicht der intelligenteste Move seines Lebens. Jedenfalls kann ich "Sticky Fingers" bis heute nicht hören, ohne an diese Geschichte zu denken. Falls du das hier liest, Mr. D.: Grüße gehen raus an dich.

Für die Rolling Stones selbst stellt das Album einen Reigen der ersten Male dar: Erstmals gehört der junge Mick Taylor im Studio zur Stammbesetzung und feiert einen ebenso selbstbewussten wie virtuosen Einstand. Erstmals veröffentlicht die Band ein Album auf ihrem eigenen Label Rolling Stones Records. Erstmals prangt darauf das von John Pasche entworfene "Tongue and Lips"-Logo, das bald ebenso berühmt werden sollte wie die Band selbst. Vor allem aber bedeuten diese ersten Male Freiheit, die die Stones kreativ auskosten.

Taylors melodisches, fließendes Gitarrenspiel bildet einen wunderbaren Gegenpol zu Richards' Riffs und macht "Sticky Fingers" zu einem der musikalisch feinsten Alben der Band-Karriere. Zwar besteht "Sticky Fingers" mit Blues, Country, Soul und Rock'n'Roll aus denselben Zutaten wie "Beggars Banquet" und "Let It Bleed", doch kommen einem diese Alben im Rückblick nur wie eine Übungsstunde für dieses Meisterwerk vor.

Der Opener "Brown Sugar" zeigt die Stones mit seinem Riff, dem Groove und Bobby Keys' Saxofon musikalisch am Höhepunkt, leidet leider aber auch wieder unter seinem Text. Der lässt sich zwar auch als Anspielung auf Heroin und Drogenkonsum interpretieren, doch viel offensichtlicher wälzt sich Jagger durch Sklaverei, sexuelle Gewalt und rassistische Bilder. All das mag als bewusste Provokation und als Spiel mit der widerlichen Figur des Erzählers gedacht gewesen sein, angenehmer macht es den Song nicht. "Bitch" zeigt sich als kleine Schwester des Stücks und besticht mit wuchtigem Bläsersatz, der das ohnehin treibende Gitarrenriff noch einmal zusätzlich nach vorne schiebt.

"Wild Horses" geht wohl als DIE Country-Ballade der Rolling Stones schlechthin durch. Ergreifend, staubig, verletzlich und doch vollkommen frei von Kitsch, über den schmerzhaften Moment, in dem Liebe und Loslassen plötzlich dasselbe bedeuten. Die Grundidee stammte von Keith Richards, der es als Wiegenlied für seinen Sohn schrieb. Marianne Faithfull erzählte später, die Worte "wild horses couldn't drag me away" seien die ersten Worte gewesen, die sie nach ihrem sechstägigen Koma 1969 zu Mick Jagger gesagt habe.

"Can't You Hear Me Knocking" beginnt dagegen als klassischer, leicht vertrackter Stones-Rock, bevor das Lied nach gerade einmal zweieinhalb Minuten vollkommen unerwartet in einen ausgedehnten Latin-Rock-Jam abbiegt. Bobby Keys am Saxofon und Mick Taylor erhalten sämtlichen Raum für Improvisationen: ein erster Eindruck davon, welche Möglichkeiten die Band nun mit ihrem neuen Gitarristen hat. Taylor ersetzt Brian Jones nicht, er eröffnet ihnen und ihrem Zusammenspiel aber ganz neue Welten. Auf seine ganz eigene Art hebt er sie auf ein höheres Level.

Der Drogen-Song "Sister Morphine" schleppt sich wie im Delirium durch seine gut fünf Minuten. Kaum etwas an diesem Stück wirkt stabil. Die Musik schwankt zwischen Benommenheit und Verzweiflung, während Morphium gleichzeitig als Erlösung und Bedrohung erscheint. Ry Cooders Slide-Gitarre klingt dabei, als stehe sie selbst unter Drogen. Marianne Faithfull veröffentlichte das Lied bereits 1969 als B-Seite ihrer Single "Something Better", schrieb den größten Teil des Textes. Stand die auf der UK-Pressung der Single noch als Autorin, sah das bereits auf der US-Single ganz anders aus, da wie auch auf "Sticky Fingers" wurde der Song komplett Jagger/Richards zugeschrieben. Faithfull kämpfte jahrzehntelang um ihre Anerkennung als Co-Autorin, bis sie 1994 offiziell den Credit erhielt. Nach 25 Jahren.

Zehn Songs, die schmutzig, elegant, verletzlich und manchmal abstoßend sein können und trotzdem wie aus einem Guss wirken: "Sticky Fingers" ist ein Meisterwerk voller Gegensätze. Die Stones waren selten besser.

Für die Playlist: "Sister Morphine", "Can't You Hear Me Knocking", "Wild Horses"

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