Platz 3: Let It Bleed
Willkommen in den Top drei, in denen es mehr als eng zugeht. Hier kuscheln sich die Meisterwerke so nah aneinander, dass letztlich kleinste Unterschiede und die jeweilige Tagesform über die Platzierung entscheiden.
"Beggars Banquet" lieferte die Blaupause für den klassischen Sound der Rolling Stones. Auf "Let It Bleed" perfektionieren sie ihn. Noch dreckiger, noch düsterer, noch bedrohlicher. Blues, Country, Gospel und Rock'n'Roll stehen im Mittelpunkt. "Let It Bleed" spiegelt dabei die Dunkelheit des Jahres 1969 wider, die nur wenige Monate nach dem Woodstock-Festival einsetzte.
Gleichzeitig stellt "Let It Bleed" den Abschied vom Gründer und ehemaligen Bandleader Brian Jones dar. Einzig auf "Midnight Rambler" und "You Got The Silver" spielt er noch mit. Anfang Juni 1969 entließen die restlichen Rolling Stones ihn, am 3. Juli 1969 starb er in einem Swimmingpool im Alter von 27 Jahren. Das zwei Tage später stattfindende Gratis-Konzert der Band im Hyde Park widmeten sie ihm.
Seinen Platz an der Gitarre nahm der gerade einmal 20-jährige Mick Taylor ein, der auf "Live With Me" und "Country Honk" zu hören ist, einer mit Fidel ausgestatteten Country-Version von "Honky Tonk Women", der eigentlichen Grundidee des Songs. Den größten Teil der Gitarrenarbeit auf "Let It Bleed" übernimmt aber Richards selbst.
Die Klammer des Albums bilden jedoch der Opener "Gimme Shelter" und der Schlussakkord mit "You Can't Always Get What You Want". Am Anfang stehen Krieg, Mord, Vergewaltigung und Angst. "Gimme Shelter" verdichtet diese zu dem bedrohlichsten und wütendstem Song ihrer Bandgeschichte und führen diesen mit den Vocals von Merry Clayton zur Perfektion. Mitten in der Nacht ins Studio gerufen, singt sie nicht einfach mit Jagger, sie schreit ihn beinahe aus dem eigenen Song: "Rape, murder! It's just a shot away! It's just a shot away!" Zum Ende switchen beide zu "Love, sister, it's just a kiss away." Von der Apokalypse zur Hoffnung innerhalb weniger Minuten. Ein Song mit traurigen Folgen: Als Clayton von den Sessions zurückkommt, erleidet sie eine Fehlgeburt.
Am anderen Ende von "Let It Bleed" wartet "You Can't Always Get What You Want", die Stones-Antwort auf "Hey Jude". Der London Bach Choir eröffnet das Stück, bevor nach und nach die Band einsteigt, begleitet von French Horn, Orgel und Percossions. Ausnahmsweise übernimmt Produzent Jimmy Miller das Schlagzeug, da Charlie Watts nicht richtig in den Song fand. Letztlich steigert sich das Lied zu einem brachialem Finale. Drogen, Liebe, Frustration und die ernüchterte Stimmung des ausgehenden Jahrzehnts fließen zusammen. Nach der Apokalypse von "Gimme Shelter" endet das Album damit nicht glücklich, aber mit einem Funken Hoffnung. "But if you try sometime / You'll find / You get what you need."
Innerhalb dieses Rahmens darf Richards auf dem wunderschönen Country-Blues "You Got The Silver" erstmals allein den Leadgesang übernehmen.
"Let It Bleed" erscheint am 5. Dezember 1969. Einen Tag später spielen die Rolling Stones beim kostenlosen Altamont-Festival. Was als friedliches Gegenstück zu Woodstock und großes Finale des Jahrzehnts gedacht war, endet in Chaos und Gewalt. Hells Angels prügeln auf Zuschauer ein, erstechen die gerade einmal 18-jährige Meredith Hunter unmittelbar vor der Bühne. Die Rolling Stones beerdigen den Hippie-Traum und die 1960er an ihrem dunkelnsten Punkt. "Love, sister, it's just a kiss away."
Für die Playlist: "Gimme Shelter", "You Can't Always Get What You Want", "Midnight Gambler", "You Got The Silver"
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