Platz 1: Exile On Main St
Wenn Albentitel in Deutschland ähnlich wie Filmtitel übersetzt würden, hieße "Exile On Main St" hierzulande wohl "Die Rolling Stones - Auf der Flucht!" Die Probleme der Band mit den britischen Steuerbehörden hatten sich massiv zugespitzt. Jahrelang waren ihre Finanzen schlecht verwaltet worden, ein gewaltiger Berg an Steuerschulden hatte sich angehäuft, gleichzeitig stritten die Musiker mit ihrem ehemaligen Manager Allen Klein um die Kontrolle über ihre Aufnahmen und Verlagsrechte. Bei britischen Spitzensteuersätzen, die bis weit über 90 Prozent reichen konnten, sahen die Stones als Ausweg schließlich nur noch, das Land zu verlassen. Sie gingen ins Exil.
Selbiges fanden sie in Frankreich, in Keith Richards' Villa Nellcôte. Sie hätten es schlimmer treffen können, in Ludwigshafen stranden, oder so. Statt dessen landeten sie an der Côte d'Azur, wo nach "Sticky Fingers" ihr nächster Meilenstein entstand. Den Strom für das improvisierte Studio im Keller soll Richards kurzerhand von einer Leitung im Garten abgezapft haben.
Seine Planlosigkeit, das Unfertige und Unausgegorene hebt "Exile On Main St" von allen anderen Stones-Alben ab. Dieses Stolpern von einem Moment in den nächsten. Das absolute Chaos, das immer noch mehr Chaos anzieht. Chaos aus Chaos zu gebären, ist nicht schwer. Es passiert ständig und überall. Das Faszinierende an diesem Album ist, dass es trotzdem funktioniert und niemand so genau weiß, warum. Wahrscheinlich am allerwenigsten die daran Beteiligten. Postproduktion sei Dank.
Achtzehn scheinbar wirr aneinandergefügte Songs, zusammengehalten von einer durchgehenden Stimmung, ungeheurer Kraft. Entstanden in einer Zeit, in der Jagger sich zunehmend aus dem Chaos herausbewegte, während Richards immer tiefer darin versank. "Exile On Main St" ist der rattige Bruder von "Sticky Fingers". Wo dort alles auf Perfektion getrimmt ist, lauert "Exile" im Schatten, beißt dir garstig in die Ferse und köttelt dir anschließend in die Bude.
Die Band fiel während der Aufnahmen vor allem damit auf, dass sie nicht anwesend war. Oft entstanden die Songs in wechselnden Formationen. Die Musiker kamen und gingen. Richards tauchte auf, wenn er Bock hatte und halbwegs ansprechbar war, Bill Wyman blieb angepisst ebenfalls oft ganz fern, Jagger hatte Wichtigeres zu tun. Dafür wuselten Gäste wie Gram Parsons, William S. Burroughs, Terry Southern, John Lennon, Marshall Chess und zahlreiche andere auf dem Anwesen herum. Eigentlich die denkbar schlechtesten Voraussetzungen, um ein neues Album aufzunehmen.
Zudem funktioniert "Exile On Main St" nur schwer in Häppchen, sondern viel mehr als Gessamtwerk. Es lebt von seinem Fluss, vom Ineinanderlaufen der Songs und davon, dass Hochglanz und Proberaumaufnahme scheinbar direkt nebeneinander existieren. Manches klingt produziert, anderes, als habe jemand einen alten Kassettenrekorder in die Mitte des Proberaums gestellt und auf Aufnahme gedrückt. Blues, Soul, Country und Rock'n'Roll verschwimmen dabei zu einem einzigen schmutzigen Strom.
"Rocks Off" eröffnet das Album dreckig. Bläser, Gitarren und Jaggers halb verschluckter Gesang drängeln sich gegenseitig aus dem Weg, als würde die Band jeden Moment auseinanderfallen und genau deshalb immer weiter nach vorne stolpern. Slim Harpos "Shake Your Hips" führen sie nicht ins Licht, sondern drücken es nur noch weiter in den Schlamm. Eine Aufnahme, mehr Zustand als Song.
Einzig "Tumbling Dice" klingt durchorganisiert, fast schon zu brav und auf den Punkt. Das erhebende "Shine A Light" bietet mit Billy Prestons Orgel einen warmen, beinahe erlösenden Gospel-Rock-Abschiedsgruß an Brian Jones. Quasi das "Shine On You Crazy Diamond" der Stones. Dass Richards ausgerechnet das rotzige "Happy" schreibt und singt, wirkt mit Blick auf seine damalige Situation beinahe grotesk. Auftrumpenfe Bläser und seine räudige Gitarre verstärken seine heisere Stimme.
Eigentlich hätte hier nichts Vernüftiges entstehen dürfen. Alles schreit nach Giftschrank, nach einem Album, das nach den Aufnahmen im Müll landet. Stattdessen entstand ein Meilenstein und das größte Album, das die Rolling Stones je veröffentlichten. "May the good Lord shine a light on you / Make every song you sing your favorite tune."
Für die Playlist: "Shine A Light", "Shake Your Hips", "Happy", "Rocks Off"
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