Platz 27: Black And Blue
"Wo sehen Sie sich in 50 Jahren?"
"In Ihrem Unternehmen. Dort, wo ich mich wohlfühle und gute Arbeit leisten kann."
So ähnlich dürfte wohl das Vorstellungsgespräch von Neuzugang Ron Wood bei den Rolling Stones ausgesehen haben. Wood war nie ein Klangtüftler wie Brian Jones und auch nie ein Virtuose wie Mick Taylor. Er ist das kleine, sympathische Arbeitstierchen, der Kerl, mit dem man nach Feierabend noch in den Pub geht. Brian Jones brachte die Farben, Mick Taylor die Technik und Ron Wood das Bandgefühl.
1975 suchten die Stones nach dem überraschenden Ausstieg des introvertierten Mick Taylor einen neuen Gitarristen. Während der Aufnahmen zu "Black And Blue" wurden gleich mehrere Kandidaten ausprobiert. Neben Jeff Beck testeten sie Harvey Mandel ("Hot Stuff", "Memory Motel"), Wayne Perkins ("Hand of Fate", "Fool To Cry") und eben Ron Wood ("Cherry Oh Baby", "Hey Negrita", "Crazy Mama").
Diese Suche prägt "Black And Blue" wie kein anderes Stones-Album. Die Platte wirkt weniger wie ein fertiges Werk als wie ein öffentliches Casting. Mal dominiert Perkins' geschmeidiges Gitarrenspiel, dann übernimmt Mandel mit seinen ungewöhnlichen Soli, ehe Ron Wood wieder auftaucht. Einen roten Faden sucht man vergeblich. Dafür hört man einer Band zu, die sich ausprobiert und erstaunlich entspannt mit ihrer eigenen Unsicherheit umgeht.
Letztlich entschieden sich die Stones weniger für den virtuosesten Gitarristen als für den Menschen, der am besten zur Band passte. Nach dem Auslaufen seines Vertrags bei den Faces wurde Ron Wood 1976 offiziell Mitglied und entwickelte sich vom vermeintlichen Übergangsgitarristen zu einem heute kaum noch wegzudenkenden Teil der Rolling Stones.
Musikalisch verlassen sich die Stones auf "Black And Blue" stärker denn je auf Groove statt auf große Riffs. Reggae ("Cherry Oh Baby"), Funk ("Hot Stuff"), Blues und Soul stehen gleichberechtigt nebeneinander. Vieles klingt mehr nach einer Jam-Session als wie ein fertiger Song. Trotz seiner offensichtlichen Schwächen und Längen besitzt "Black And Blue" eine Lockerheit, die vielen späteren Stones-Alben abgeht. Hier versucht niemand krampfhaft, modern oder relevant zu sein. Die Band spielt einfach. Es klingt wie ein Album, das etwas zu früh aus dem Proberaum kam.
Vielleicht liegt genau darin die größte Stärke der Platte. "Black And Blue" ist kein Klassiker, sicherlich kein Longplayer für den schnellen Einstieg und ganz sicher nicht ihr bestes Album. Es ist aber eines der sympathischeren Werke der Stones. Es zeigt Musiker, die nach dem Verlust eines wichtigen Bandmitglieds verblüffend unverkrampft weitermachen. Das Ergebnis mag unfertig wirken, birgt dafür aber eine Wärme und Gelassenheit, die sich bei den Stones in dieser Form später nur noch selten findet.
Für die Playlist: "Memory Hotel", "Hot Stuff"
Für die Tonne: "Cherry Oh Baby", "Melody"
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