Platz 28: Emotional Rescue
Nachdem das Comeback-Album "Some Girls" 1977 den Zeitgeist erkannt und den Punk nicht nur geküsst, sondern auch etwas mit ihm gefummelt hatte, machten die Stones drei Jahre später das Unlogischste, das man sich vorstellen konnte: Sie gingen in die Disco. Die war zu dem Zeitpunkt aber schon lange leer. Das erscheint in etwa so sinnig, als hätten sich Nirvana nach "Nevermind" von Mötley Crüe inspirieren lassen.
Ja, auch hier gibt es noch energische Songs, und ja, schon auf "Some Girls" flirteten die Stones mit dem Travolta-Chic. Nur lagen zwischen den beiden Alben drei Jahre sowie der rasante Niedergang des Disco-Booms. Ausgerechnet den Titelsong mit Bee Gees-Falsettgesang und einer Produktion, die klingt, als stehe sie mitten auf einer bunt beleuchteten Tanzfläche, als Vorabsingle zu veröffentlichen, war nicht nur mutig, sondern auch ausgesprochen unklug. Nett ausgedrückt.
Mit dem Abstand von fast einem halben Stones-Leben zeigt "Emotional Rescue" eine Band auf der Suche, ohne das Ziel zu kennen. Disco, Reggae, Country, Soul und klassischer Stones-Rock wechseln sich munter ab. Immerhin stehen mit "She's So Cold" oder "Dance (Pt. 1)" noch starke Songs auf der Habenseite, doch die Ausfälle nehmen zu. Mehrere Stücke stammten aus älteren Sessions, andere wurden während der Aufnahmen immer wieder umgebaut und verändert.
Zeitgleich wirkt das Album wie ein merkwürdiges Bindeglied zwischen zwei Bandepochen, das die von "Some Girls" eröffnete Chance ordentlich versemmelt. Nach Jahren, in denen die Stones scheinbar mühelos einen Klassiker nach dem anderen veröffentlicht hatten, hört man hier erstmals einer Band zu, die ihren nächsten Schritt selbst noch nicht kennt: der Anfang einer Entwicklung, die sich auf den folgenden Alben immer deutlicher zeigen sollte.
Für die Playlist: "Dance (Pt. 1)", "She's So Cold"
Für die Tonne: "Indian Girl", "Where The Boys Go"
Kaufen?
Wenn du über diesen Link etwas bei amazon.de bestellst, unterstützt du laut.de mit ein paar Cent. Dankeschön!
Noch keine Kommentare