Platz 29: Bridges To Babylon
"Bridges To Babylon" fängt perfekt den Moment ein, wenn Papa plötzlich versucht, die neuesten Jugendwörter in seinen Wortschatz einzubauen und auf der nächsten Familienfeier zeigt, wie gelenkig er doch noch tanzen kann. Das Album bietet gute Songs, bei denen schon im nächsten Moment die Fremdscham bereitsteht.
1997 wollten die Stones nämlich ein letztes Mal jung sein und holten sich alles ins Studio, das damals irgendwie nach Gegenwart klang: die Dust Brothers (Beastie Boys, Beck, Linkin Park), Danny Saber (Madonna, Busta Rhymes, Marilyn Manson), Babyface (Whitney Houston, Toni Braxton, Boyz II Men) und irgendwie auch Don Was (Bonnie Raitt, The B-52's, Bob Dylan), der wohl am besten zu ihnen passte. Keine Seite verstand die andere so recht, und im Ergebnis klingt alles vor allem viel zu laut. Richards warf Danny Saber während der Aufnahmen sogar einmal kurzerhand aus dem Studio.
Bis unter die Decke vollgestopft mit Loops, damals angesagten Beats und Produktionsideen, die Charlie Watts zeitweise beinahe ersticken, folgt auf einen überladenen Song plötzlich schnörkelloser Bluesrock, ehe irgendwo noch eine Ballade auftaucht. Wischt man all diesen Ballast zur Seite, steckt hier erstaunlich viel gutes und lebendiges Material. Das macht das Ergebnis nur umso ärgerlicher.
So findet sich in "Anybody Seen My Baby?", dessen Refrain sich unbeabsichtigt bei k.d. langs "Constant Craving" bedient, ein seltsam deplatziertes Biz Markie-Sample. Weil, warum nicht?! Zum Glück bemerkte ausgerechnet Keith Richards' Tochter die Ähnlichkeit noch rechtzeitig, sodass k.d. lang und Ben Mink vor der Veröffentlichung als Mitautoren aufgenommen wurden. Nach dem Weggang von Bill Wyman spielten zudem gleich neun verschiedene Bassisten auf dem Album. Darunter Meshell Ndegeocello, Doug Wimbish, Blondie Chaplin und Darryl Jones, der bereits seit 1994 mit der Band tourte.
"Bridges To Babylon" wirkt in der Folge wie ein überproduzierter Flickenteppich. Beim Songwriting funktionierte vieles noch erstaunlich gut. Auf dem Weg vom Proberaum ins Studio muss jedoch irgendetwas gründlich schiefgelaufen sein und irgendwer meinte, es noch einmalmal so richtig fett krachen lassen zu müssen.
Für die Playlist: "Out Of Control", "Anybody Seen My Baby?"
Für die Tonne: "Might As Well Get Juiced", "Thief In The Night"
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