Platz 26: The Rolling Stones No. 2
Ab hier wird es knifflig. Wir betreten langsam die Welt der unterschiedlichen UK- und US-Versionen. "The Rolling Stones No. 2" erschien in den USA gar nicht. Die meisten Songs fanden sich jedoch bereits einen Monat später auf "The Rolling Stones, Now!" wieder, dem dritten amerikanischen Album der Band.
Zwischen ihrem Debüt und "The Rolling Stones No. 2" lagen gerade einmal 273 Tage. In diese Zeit stopften die Stones die EP "Five By Five". Hätten sie dieses Tempo nach "A Bigger Bang" hingelegt, wären bis "Hackney Diamonds" theoretisch 24 Studioalben entstanden, fast noch einmal ihre gesamte Diskografie. Heute würde vermutlich jeder Marketingmensch bei einem solchen Veröffentlichungsrhythmus Schnappatmung bekommen. 1965 gehörte es dagegen zum guten Ton: Wer erfolgreich war, lieferte. Die Rolling Stones lieferten. Viel.
Damals musste die Band auch niemandem beweisen, dass sie noch immer die gefährlichste Rockband der Welt war. Sie war es einfach. Die Stones standen für dreckigen Blues, Hunger und rohe Energie. Eine schmuddelige Gegenposition zu den Beatles, die selbst ohnehin schon genug Eltern auf die Palme brachten. Dabei startet "The Rolling Stones No. 2" laut John Lennon mit einem unverzeihlichen Fehler: "The album's great, but I don't like five-minute numbers", soll dieser laut Bill Wyman zu Solomon Burkes heute vor allem aus "The Blues Brothers" bekannten "Everybody Needs Somebody To Love" gesagt haben.
Insgesamt ist "The Rolling Stones No. 2" ein starkes zweites Album, das jedoch noch etwas hinter dem Debüt zurückbleibt. Jagger und Richards trauen sich beim Songwriting ("What A Shame") zwar bereits deutlich mehr zu, trotzdem hört man noch einer Band zu, die weit davon entfernt ist, ihre endgültige Identität gefunden zu haben. Den größten Teil des Albums nehmen nach wie vor Coverversionen ein. Chuck Berry, Muddy Waters und Allen Toussaint heißen die Autoren. Bei ihren Songs liegt die Keimzelle der Rolling Stones. Wer die Band verstehen will, muss an diesen Ort. Dort sind sie bis heute am stärksten, am dreckigsten, am hungrigsten. Der Rest ist Lametta.
Natürlich fehlt "The Rolling Stones No. 2" noch die Klasse der späteren Meisterwerke. Wie bei fast allen Bands dieser Zeit sind wir hier noch live dabei, wie sich fünf junge Musiker überhaupt erst finden. Aus der Musik, die sie zunächst nachspielen, entwickelt sich nach und nach eine eigene Identität. Gleichzeitig hört man hier eine Band, die ihren Hunger noch nicht verloren hat. Jeder Song klingt, als stehe etwas auf dem Spiel. "The Rolling Stones No. 2" zeigt keine Rock-Legenden, sondern fünf junge Musiker, die abseits ihres rauen Images zeigen wollen, dass sie den Blues verstanden haben, sich aber zeitgleich weiter entwickeln möchten.
Für die Playlist: "What A Shame", "Time Is On My Side"
Für die Tonne: "Goen Up Wrong", "Under The Boardwalk"
Kaufen?
Wenn du über diesen Link etwas bei amazon.de bestellst, unterstützt du laut.de mit ein paar Cent. Dankeschön!
Noch keine Kommentare