'La Dolce Vita' ist bei Eric Pfeil nicht nur ein vergnüglicher Trip durchs beliebte Urlaubsland. Er beschreibt auch Ecken, die der normale Kreuzfahrtschiff-Touri hoffentlich niemals entdecken wird.
Italien (jas) - Der Sommerurlaub steht vor der Tür. Haben Sie sich schon einen Reiseführer gekauft? Macht man das noch, weil man ja eh alles im Internet finden kann? Und die sogenannten geheimen Lieblingsorte, dank Social Media nicht mehr lange verborgen bleiben. Venedig oder auch die Amalfiküste erleiden regelmäßig Anstürme von Touristen aus aller Welt. Und bei kurzen Tagesausflügen mit verstopften Gassen und etlichen Menschenmassen bleibt von der Schönheit dieser Plätze kaum was hängen.
Wir empfehlen, in der Hochsaison einfach mal zu Hause zu bleiben und "Hotel Celentano" von Eric Pfeil zu lesen - mit einem kühlen Getränk im heimischen Garten, auf dem Balkon oder am Badesee. Hier erleben Sie eine entspannte Sommerreise durch ein anderes Italien in den eigenen vier Wänden. Und warum diese förmliche Anrede? Weil auch Alfred Bioleks Großmutter schon zu jedem guten Gericht sagte: Dazu muss man "Sie" sagen.
Mit Azzurro nahm der Kölner Musiker und Autor 100 Italo-Songs unter die Lupe. Zwei Jahre später folgten mit Ciao Amore, Ciao weitere Geschichten über das vielfältige italienische Songrepertoire. Hier konnte man sich nicht nur über den musikalischen Background eines Liedes informieren, sondern wurde auch mit allerlei politischem und gut recherchiertem Hintergrundwissen bereichert.
Erics Liebe zu "La Dolce Vita" wird durch seinen lebendigen Erzählstil nicht nur ein vergnüglicher Trip durchs beliebte Urlaubsland. Er beschreibt auch Ecken, die der normale Kreuzfahrtschiff-Touri hoffentlich niemals entdecken wird. Vergessene Orte, die sich Eric mühevoll auf der Landkarte ankreuzte, um sie zu bereisen und zu beschreiben. Gemeinsam mit seiner Frau setzte er sich ins Auto, und avanti ging es auf die sommerliche Entdeckungsreise.
Dabei betrachtet er nicht nur die schöne Landschaft und genießt das gute Essen und den Wein. Wir bereisen bekannte Städte (Rom, Neapel), aber erfahren viel mehr über Kunst, Kultur, Musik und Filmgeschichte, als gängige Reiseführer bisher beschrieben haben. Auf den Spuren von Adriano Celentano in Mailand erkundet er die Gegend, das Viertel rund um die Via Cristoforo Gluck 14, in dem der bekannte Sänger und Schauspieler aufgewachsen ist. Eric betrachtet auf seiner Reise durch Italien nicht die kitschige Postkarten-Aussicht, sondern erforscht das wahre Leben. Da kann auch schon mal der Putz von der Decke bröseln.
Wir fahren in das kleine Örtchen Molteno. Hier begegnen wir Lucio Battista, die Ikone der italienischen Popmusik. Eric Pfeil beobachtet die Menschen ganz genau und blickt hinter die Kulissen bekannter Filmgrößen: "Auch das Casting Marcello Mastroiannis für die Hauptrolle in 'La Dolce Vita' fand in Fregene statt. In einem Interview erinnerte sich der Schauspieler, wie er den Regisseur und dessen Drehbuchautor Ennio Flaiano in Fellinis Villa dei Pini aufsuchte, um für den Part vorzusprechen. Fellini habe sehr vage und abstrakt die Idee des Films dargelegt. Als Mastroianni darum bat, das Drehbuch sehen zu dürfen, habe Flaiano ihm eine Mappe gereicht, in der sich lediglich eine fantastisch-pornografische Zeichnung befunden habe. In Fregene, erzählte Fellini einmal, sei er zum Regisseur geworden."
Hotel Celentano liest sich kurzweilig, man kann sich jede Charakterisierung, Darstellung, persönliche Befindlichkeiten, bildlich vorstellen. Der Autor reiste zwei Monate durch das Land und beschreibt aufmerksam, authentisch und mit Liebe zum Detail seine Orte, die er schon immer mal besuchen wollte. Der Leser spürt die Leidenschaft und leider spürt man auch den Schmerz, denn während der Reise plagte den Autor Zahnschmerzen und auch Halsschmerzen begleiten den sommerlichen Trip. Derlei körperliches Unwohlsein braucht man nicht, vor allem, wenn auch die kulinarischen Ergüsse während der Recherche eine große Rolle spielen. Diese sind sofort nachvollziehbar und immer wieder amüsant auf den Punkt gebracht: "Wir trinken in einer Bar in der Nähe des Bahnhofs einen Aperitif. Das mediterrane Italien ist noch fern. In Turin mischten sich alle Dialekte Italiens, sagt der alte Barmann und stellt uns einen Teller mit stuzzichini, getränkbegleitenden Naschwaren, hin. Wir müssen uns noch angewöhnen, sie vorzeitig abzubestellen, um nicht später im Restaurant schon vor dem Hauptgang krumm im Möbel zu hängen."
Da möchte man sofort mit chillen, ins Auto steigen und die Drehorte besuchen, wo die guten alten Spaghettiwestern gedreht wurden und an den längsten Stränden Italiens aufs Meer glotzen. Man erinnert sich an die eigenen Reisen über die Autobahn, an den heißen Sommertagen im Stau stehen, an den Maut-Stationen die vollgepackten Autos betrachten, mit dem alten Ford prustend die Fahrt über den Gotthardpass halb verschlafen, um dann mit dem Sonnenaufgang aufzuwachen und schon ist man in Italien.
Als Nicht-Italiener weiß man aber auch, dass es oft nur eine leidenschaftliche Sehnsucht ist, die einen durchfährt, wenn man an Italia denkt. Eine nachhaltige Kindheitserinnerung, die man glücklicherweise öfter in den Sommerferien erleben durfte. Lebt man in diesem Land, wird man schnell eines Besseren belehrt und erkennt, dass nicht alles Sommer, Sonne, Leichtigkeit ist.
Aber dafür sind Bücher gemacht. Geschichten, in die man eintauchen, Orte von denen man träumen kann. Dieser Reiseführer des Vertrauens sollte in jeden Koffer gepackt werden und kann stellenweise natürlich auch mit der Vespa abgefahren werden. Sollte es dieses Jahr nicht nach Italien gehen, so träumt man mit diesen Zeilen davon, lässt dem Fernweh seinen Lauf und plant mit Sicherheit fürs kommende Jahr eine ähnliche Route.

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