40 Jahre Megadeth: Dave Mustaine erinnert sich an vieles, und verliert noch öfter den Faden. Richtig grotesk ist aber die visuelle Umsetzung.

Konstanz (bsch) - Megadeth sind Geschichte! Zum einen haben sie Metal-Geschichte geschrieben und definiert. Zum anderen sind sie nun tatsächlich am Ende angelangt: Ein letztes Album ist heute erschienen und nach den Touren dazu darf Vic Rattlehead dann endlich seine Maske an den Nagel hängen. Zeit also, einen Blick hinter diese Maske zu werfen.

Allerdings sollte man den gestern erschienenen Film "Behind The Mask" so sehen, wie Mustaine es selbst zu Beginn nennt, als "Album-Listening-Event". Nicht als Doku. Denn wir gehen mit ihm zwar chronologisch die Bandhistorie durch, aber wer eine bewegende Geschichte, ein klares Bild von allen Charakteren und spannende Archiv-Einblicke erwartet, ist hier falsch.

Wer wenig bis kaum Ahnung von Megadeth hat, wird fast gar nichts verstehen. Vor allem wegen der Struktur des Films: Das zentrale Element ist das neue Album, dessen elf Tracks wir in ganzer Länge zu hören bekommen. Zwischen diesen Songs erzählt Mustaine dann etwas über die jeweilige Entstehung und kehrt dann kontextlos wieder zur Bandgeschichte zurück, wo er zu jedem Album noch ein bis zwei Anekdoten erzählt.

Um da hinterherzukommen muss man einen umfassenden Überblick über die Diskographie und die wichtigsten Ereignisse hinter den Kulissen haben. Denn Mustaine erwähnt nie Veröffentlichungstermine, Namen von Bandmitgliedern oder Line-Up-Wechsel. Warum wurden Leute rausgeschmissen? Wird nie erklärt. Zahlreiche Namen fliegen einfach herum, und alle Zuschauenden, die sich fragen, welcher Drummer oder Lead-Gitarrist auf welchem Album spielt, dürften nur Bahnhof verstehen.

Das ist ja okay, es darf auch Filme geben, die nur auf eingefleischte Fans zugeschnitten sind. Aber selbst für die wird es teilweise verwirrend. Mustaine fängt Anekdoten an, schweift ab und bringt die ursprüngliche Geschichte nicht zu Ende. Warum wurde da nicht sinnvoller geschnitten? Er wirkt dadurch eher wie ein alter Opa, der alle seine Erinnerungen auf einmal teilen will, aber andauernd den Faden verliert, durcheinander kommt und stellenweise ewig nach dem richtigen Wort sucht. Da hilft der ständige Wechsel zwischen dem neuen Album und den alten Geschichten nicht.

Unterhaltsamer Größenwahn und obskure Stories

Auf der Pro-Seite: Unterhaltsam ist das als Fan schon – vor allem, wenn man akzeptiert, dass Mustaine ein größenwahnsinniger, größtenteils unsympathischer Rockstar zu sein scheint. Natürlich darf er als einziges Bandmitglied in diesem Film sprechen, damit hatte man schon gerechnet. Aber manche seiner wahnhaft egozentrischen Statements sind schon ziemlich lustig. Zum Beispiel die Tatsache, dass man als Venue oder Vertragspartner:in 500 Dollar Strafe zahlen muss, wenn man den Bandnamen Megadeth falsch schreibt.

Oder dass Mustaine immer wieder beteuert, wie wichtig es ist, dass jedes Bandmitglied etwas zum Songwriting beisteuert, nur leider hätten die meisten eben nicht so gute Ideen wie er. Was, Marty Friedman hatte einen Songwriting-Vorschlag? Das war so eine schlechte Idee! Oh, wie verletzt ich dann war, als Marty auf einmal nicht mehr in der Band sein wollte, weil er das Gefühl hatte, dass seine Meinung nie geschätzt wurde. Ach ja, und dass "Risk" ein schlechtes Album war, lag am Management.

Man erfährt auch tatsächlich Stories, die viele vielleicht noch nie gehört haben. Manche interessant: So waren Megadeth scheinbar die erste Band der Geschichte mit einer eigenen Website. Manche weniger interessant: Als sie auf Tour waren, hat sich Mustaine zweimal einen Zahn ausgebissen, erst an Schokolade, dann an einer Melone! Daher ist die Zeile "I lost my job and I lost a tooth" auf dem neuen Song "Another Bad Day" für ihn sehr persönlich.

Amateurhafte Umsetzung

Was die Videos zu den neuen Songs angeht, hinterlässt "Megadeth: Behind The Mask" einen unglaublich lieblosen Eindruck. Außer zwei Videos zu den Singles sehen wir simple Visualizer, Kriegs-Stock-Footage mit billigen Flammeneffekten, iTunes-Visualizer-Blitze oder Standbilder mit Vic-Rattlehead-Artwork. Da wurde irgendwann einfach die Arbeit hingeschmissen, oder was? "Let There Be Shred" hat auf YouTube sogar ein Musikvideo, aber der Film benutzt schlecht aufgelöste, alte Konzertplakate.

Vieles wirkt geradezu amateurhaft, als hätte da niemand drübergeguckt. Immer billiger werdende Schriftarten und nach jedem Song eine blendend weiße Leinwand stechen jedes Mal schmerzhaft ins Auge. Alte Songs sind teilweise wesentlich lauter als der Rest des Films, was im Kino bei der ohnehin hohen Lautstärke zusammenzucken lässt. Beim Produktionsvalue des Films halten Megadeth es also wie beim KI-generierten Ankündigungsvideo zu ihrer Band-Auflösung: möglichst wenig Geld und Arbeitszeit hineinstecken.

Selbst als Kenner der Band staunt man, wie so eine Doku offiziell als Kino-Event veröffentlicht werden kann. Aber abseits von der Umsetzung: Man bestellt Mustaine, man kriegt Mustaine. Da kann man sich schon köstlich amüsieren, aber darf nicht erwarten, ihn später als Mensch besser zu kennen oder gar sympathisch zu finden. Über den Rest darf man sich mit gutem Gewissen beschweren.

"Megadeth: Behind The Mask" von Casey Tebo läuft bis zum 24. Januar deutschlandweit im Kino. FSK: 16 Jahre. Länge: 108 Minuten.

Fotos

Megadeth

Megadeth,  | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Megadeth,  | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Megadeth,  | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Megadeth,  | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Megadeth,  | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Megadeth,  | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Megadeth,  | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Megadeth,  | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Megadeth,  | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Megadeth,  | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Megadeth,  | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Megadeth,  | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Megadeth,  | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Megadeth,  | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Megadeth,  | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Megadeth,  | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta)

Weiterlesen

laut.de-Porträt Megadeth

Der ein oder anderen dürfte wissen, dass Dave Mustaine, Sänger, Gitarrist, Hauptsongwriter, Egomane, Teilzeit-Junkie und Gründer von Megadeth, vor …

Noch keine Kommentare