34 Grad, staubige Luft, ein Meer aus roten Baseball-Caps: Fred Durst und Band blicken in Berlin auf ihr Werk.
Berlin (dp) - Schon lange bevor Limp Bizkit die Bühne der Berliner Wuhlheide betreten, sieht es davor aus, als hätte sich eine ganze Generation zum Klassentreffen verabredet. Das rote Basecap ist dabei weniger modisches Statement als kollektive Verbeugung vor Frontmann Fred Durst, dessen Markenzeichen auch 2026 noch zuverlässig funktioniert.
Ein pogender Organismus
Apropos: Der Durst im Publikum ist an diesem Abend allerdings nicht nur symbolischer Natur. Bei Temperaturen, die selbst Beton ins Schwitzen bringen, wird ausreichende Hydrierung schnell zur Überlebensstrategie. Gut so, denn Limp Bizkit verwandeln die Wuhlheide wenig später in einen einzigen springenden und pogenden Organismus.
Die Bühne präsentiert sich als überdimensionierter Ghettoblaster, irgendwo zwischen nostalgischem Hip Hop-Fiebertraum und Jahrmarktattraktion. Gitarrist Wes Borland erscheint wie gewohnt aus einer anderen Dimension. Sein Outfit aus Gold und Schwarz wirkt wie ein surrealer Luxus-Albtraum, während Fred den Gegenpol gibt: Baseball-Shirt, Baseball-Cap, fertig. Grau ist er geworden, der Fred. Kein Wunder. Über zwei Jahrzehnte steht er inzwischen im Zentrum eines Phänomens, das immer wieder totgesagt wird und doch nie verschwindet.
Zwischen Therapie und Gottesdienst
Überhaupt scheint er sich etwas verändert zu haben: Der einstige Provokateur wirkt altersmilde. Die aggressiven Ansagen, die früher wie Brandbeschleuniger funktionierten, bleiben weitgehend aus. Stattdessen blickt Durst beinahe gelassen auf das Treiben vor der Bühne. Zwischen den Songs entstehen immer wieder überraschend lange Pausen. Momente, die mit Einspielern wie "99 Luftballons" überbrückt werden, und die Dynamik des Konzerts leider kurz ausbremsen. Ob die Band schlicht durchschnauft oder dem Publikum Gelegenheit geben möchte, sich neu zu sortieren, bleibt unklar.
Denn sortieren muss man sich hier tatsächlich. Kaum setzt ein neuer Song ein, explodiert die Menge: Limp Bizkit demonstrieren eindrucksvoll, dass sie auf der Bühne inzwischen oft mit minimalem Aufwand maximale Wirkung erzielen. Die Songs erledigen den Rest. Riesige Moshpits öffnen sich wie Kraterlandschaften. Circle Pits drehen sich wie wilde Strömungen in der Menge. Jeder Refrain wird mit einer Inbrunst zurückgeschrien, die irgendwo zwischen Therapie und Gottesdienst liegt.
Übermotorisierte Neunzigerjahre-Karre
Bei "Rollin'" steigt die gesamte Wuhlheide imaginär in eine übermotorisierte Neunzigerjahre-Karre und cruist durch die eigene Vergangenheit. "My Generation" entwickelt sich zur generationsübergreifenden Selbsthilfegruppe, in der die einst frustrierte Generation X gemeinsam mit einer missverstandenen Gen Z gegen die Welt lamentiert. Und als wäre einmal nicht genug, spielen Limp Bizkit an diesem Abend tatsächlich zweimal "Break Stuff". Einmal zum Warmwerden, könnte man sagen. Und einmal, um die Wuhlheide abzureißen.
Fliegendes Bier vermischt sich mit Schweiß und aufgewirbeltem Staub zu einer Atmosphäre, die so dicht ist, dass sie beinahe physisch spürbar wird. Für einen Moment fühlt es sich an, als hätte jemand ein Wurmloch in die frühen Nullerjahre geöffnet. Endlich wieder Nu Metal. Endlich wieder die Songs hören, die man seit Jahren auswendig kennt. Endlich wieder fühlen, was man damals gefühlt hat.
"Wir spielen unsere Jugend nach"
Am Einlass sagt ein Besucher mittleren Alters zu seinem Kumpel: "Heute spielen wir unsere Jugend nach." Ein Satz, der zunächst nach Kalenderspruch klingt, sich im Verlauf des Abends aber als erstaunlich präzise Beschreibung der Lage herausstellt. Genau das passiert hier. Die Menschen kommen nicht nur wegen der Musik. Sie kommen wegen einer Erinnerung. Wegen einer Version ihrer selbst, die irgendwo zwischen Skatepark, MP3-Player und MTV hängengeblieben ist.
Mittendrin steht Fred Durst. Der Master of Desaster. Die Reizfigur. Der Mann, der für Woodstock '99 bis heute stellvertretend verurteilt wird. Der Unsympath, als den ihn viele sehen wollen. Und doch blickt er an diesem Abend mit sichtbarer Genugtuung auf das Chaos vor seiner Bühne. Denn unabhängig davon, wie man seine Rolle in der Rockgeschichte bewertet: Dieses Spektakel geht mit auf sein Konto.
"Keep on rollin', baby."
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe eines Limp Bizkit-Konzerts im Jahr 2026. Es geht längst nicht mehr um Rebellion. Nicht um Wut. Nicht einmal um Nu Metal. Es geht um Erinnerung als Liveerlebnis. Um die seltsame Magie, gemeinsam in eine Vergangenheit einzusteigen, die es so vielleicht nie gegeben hat. Während Tausende Menschen hinter Dursts blaue Augen blicken und sich noch mal in die alte Karre setzen, rollen wir gemeinsam los, um Sachen kaputtzumachen, die längst nicht mehr existieren.
Und Fred? Der lächelt verschmitzt. Als hätte er verstanden, dass Nostalgie heute die stärkste Droge des Rockgeschäfts ist. Für einen kurzen Moment scheint er sich über die Menge zu beugen und einem leise ins Ohr zu flüstern: "Keep on rollin', baby."
Fotos und Text: Désirée Pezzetta.

































7 Kommentare mit 8 Antworten
"Bei "Rollin'" steigt die gesamte Wuhlheide imaginär in eine übermotorisierte Neunzigerjahre-Karre und cruist durch die eigene Vergangenheit. "My Generation" entwickelt sich zur generationsübergreifenden Selbsthilfegruppe, in der die einst frustrierte Generation X gemeinsam mit einer missverstandenen Gen Z gegen die Welt lamentiert."
Der Hauptpreis des Feuillton geht dieses Jahr an Frau P. für diese wahnsinnig treffende und gleichzeitig aber völlig abgefahrene Skizzierung einer Band, die ihre besten Zeiten wohl längst hinter sich hat, was man vor allem auch daran erkennt, dass das "i" in "cruist" stehen bleiben durfte. Geschenkt & Gratulation!
Auch wenn ich von den anderen Heads mir das ein oder andere Despektierliche angesichts meines Fandoms von LB anhören musste, blieb ich dieser Kapelle lange Jahre treu. Leider konnte ich nicht zu diesem Auftritt in die ferne Hauptstadt traveln.
Es beschleicht mich der Eindruck, dass früher wirklich vieles besser war. Und damit meine ich die 90er und frühen 2000er. War wirklich besser als heute.
Veränderung ist die einzige Konstante im Leben. Ich lebe in der ewigen Gegenwart.
Ich war dieses Jahr bei Limp Bizkit Live und das was sehr geil. Keine Aussetzer, Stimme wie auf dem Album und ansich alles geil gewesen. Die Pausen um sich auf den nächsten Song vorzubereiten, fand ich ok. 90 Minuten und ich kannte jeden Song. Nice. Nostalgie ist überhaupt nicht mein Familie. Zeitloser Sound und Themen weiterhin lebendig.
Also ich liebe LB immer noch, auch wen die Jungs sich mit Alben extrem lange zeit lassen. Die Konzerte sind Cool, aber man muss schon sagen das die Pausen zwischen den Songs etwas doof sind, ich wünschte mir das das ganze etwas weniger abgehackt wäre. Auch wen ich andererseits verstehe das die Songs sehr Energiegeladen sind und sich kleine Pausen anbieten.
Man muss sie einfach mögen. Bin froh, dass ich sie nochmal gesehen habe jüngst, sodass ein etwaiges vom-Bus-überrollt-werden zwar nicht kommen darf, aber dennoch dezent konform ginge mit meiner Bucket-List.
...übrigens als Tipp: der RiP/RaR-Gig von 2001 ist verfügbar und für mich der Beste zur Zeit, schlägt auch Woodstock 99, mE.
Rest in Peace - Gig
Schön, dass die Sache mit Woodstock 99 kurz erwähnt wurde. Fred Durst ist und bleibt ein Arschloch und jeder der ihn feiert, hat nicht mehr alle Latten am Zaun.
...jetzt hoffe ich nur noch, dass du eine Frau bist und mein Sonntag ist perfekt - Mission Completed! *takealookaroundintroentersthechat*
Okay Thorsten!
LB gehen mir auf den Sack.
Dann gib halt keinen Fuck.
@Gummibernd ♥