Robert Smith hat nichts an Strahlkraft verloren und besitzt wohl einen Vertrag mit dem Teufel: Eine ewig jugendliche Stimme scheint garantiert.

Berlin (dp) - Einer Umfrage zufolge ist "A Forest" der beliebteste Song von The Cure. Passender könnte die Venue ihrer drei Deutschlandkonzerte also kaum gewählt sein: Statt in einer Arena steht die Band am Freitagabend mitten im Wald. Die Berliner Parkbühne Wuhlheide, ein verwunschenes Amphitheater zwischen hohen Bäumen, wirkt ohnehin wie aus einem The-Cure-Song gefallen.

Wer möchte, reist sogar mit der kleinen Parkeisenbahn an. Dass ausgerechnet eine Bimmelbahn zum Pflichtprogramm einer Grufti-Pilgerfahrt wird, sorgt für viel gute Laune: Wer behauptet, Schwarzromantiker hätten keinen Sinn für die kleinen Freuden des Lebens, wird an diesem Abend eines Besseren belehrt.

The Cure im goldenen Licht

Ein milder Sommerabend taucht die Wuhlheide in goldenes Licht, als The Cure kurz nach halb neun die Bühne betreten. Von der Urbesetzung ist längst nur noch Bandkopf Robert Smith übrig.

Stammbassist Simon Gallup fällt gleichwohl krankheitsbedingt (an allen drei Wuhlheide-Gigs) aus, für ihn steht sein Sohn Eden am Viersaiter. Der größte Jubel gilt aber ohnehin Smith. Er nimmt ihn entgegen wie immer: dieses schüchterne, fast verlegene Lächeln, das ihn seit Jahrzehnten begleitet. Es wirkt erstaunlich echt. Kaum ein Künstler seines Formats scheint sich über den Zuspruch des Publikums noch so ehrlich zu freuen.

Ganz unbeschwert ist die Stimmung trotzdem nicht. Smith erwähnt selbst, es sei ein schwieriger Tag gewesen. Was genau hinter den Kulissen vorgeht, bleibt offen. Auf der Bühne ist davon allerdings kaum etwas zu spüren. The Cure spielen konzentriert und leidenschaftlich.

Eine glasklare Stimme

26 Songs in knapp zwei Stunden liefern die Engländer – kürzer als die legendären Marathonshows der Band, was allerdings weniger mit mangelnder Lust als mit den strengen Lärmschutzauflagen der Wuhlheide zu tun hat (der dritte Abend beginnt früher, so dass es für 28 Songs reicht). Dennoch bleibt keine Minute ungenutzt. Selbst wenn die Band hier und da etwas rumpelig klingt, erhebt sich über allem Robert Smiths Stimme. Sie ist noch immer glasklar, zerbrechlich und von einer Schönheit, die einen fast sprachlos macht. Über vier Jahrzehnte scheinen an ihr spurlos vorbeigegangen zu sein.

Wenn Smith in "Lullaby" noch immer davon singt, wie er von einer Spinne verfolgt wird, wirkt er dabei nicht wie ein Mann Mitte 60. Sondern eher wie jemand, der seine eigene Jugend nie ganz hinter sich gelassen hat. Das zerzauste Vogelnest sitzt, Schwarz steht ihm ohnehin ausgezeichnet, und in seinen Augen glimmt dieselbe Leidenschaft wie in den Achtzigerjahren.

Schwerpunkt: "Disintegration"

Vor der Bühne versammelt sich eine ebenso ungewöhnliche wie sympathische Mischung. Goths mit kunstvoll verschmiertem Kajal stehen neben Rentner:innen im Blumenhemd, Popfans tanzen neben Lederjacken und Bandshirts. Generationen und Szenen verschwimmen. Es wird gelacht, Rücksicht genommen, gemeinsam gesungen. Selten wirkt ein ausverkauftes Konzert mit über 17.000 Menschen so friedlich.

Musikalisch liegt der Schwerpunkt auf dem Jahrhundertalbum "Disintegration". Liebe, Verlust, Vergänglichkeit und existenzielle Dunkelheit ziehen sich wie ein roter Faden durch das Set. Zu Beginn ist es fast noch zu hell für diese Musik. Doch während die Sonne langsam hinter den Baumwipfeln verschwindet, wächst die Atmosphäre mit jedem Song. Die Wuhlheide wird zur perfekten Kulisse für diese bitterschönen Hymnen.

Bitterschöne Hymnen

Der Einstieg mit "Plainsong" und "Pictures Of You" sorgt sofort für Gänsehaut. Zu den eindringlichsten Momenten zählt jedoch "One Hundred Years". Während auf den Leinwänden historische Kriegsaufnahmen erscheinen, singt Smith von einer Welt, die sich immer wieder selbst zerstört. Die Bilder kommentieren nichts und sagen doch alles.

Natürlich wird auch "A Forest" frenetisch gefeiert. Doch den eigentlichen Triumphzug hebt sich die Band für die Zugaben auf. "I'll put on my happy face", kündigt Smith mit trockenem Humor an, bevor The Cure zum ersten Mal die Bühne verlassen.

Was folgt, ist das bekannte Hitfeuerwerk: "Lullaby", "Friday I'm In Love", "Just Like Heaven" und schließlich "Boys Don't Cry". Mittlerweile spannt sich auch der klare Sternenhimmel über die Wuhlheide. Und für einen kurzen Moment sehen The Cure tatsächlich noch mal aus wie die Kids aus ihrem alten "Boys Don't Cry"-Musikvideo.

Ein Pakt mit dem Teufel?

Zeit scheint für diese Band ohnehin ein dehnbarer Begriff zu sein. Die Songs haben nichts an Strahlkraft verloren, und Robert Smith besitzt offenbar einen Vertrag mit dem Teufel, den andere Sänger gern ebenfalls unterschrieben hätten: Eine ewig jugendliche Stimme scheint ihm garantiert.

Die Berliner Wuhlheide erlebte einen Auftakt nach Maß. Und wer nach diesem Abend noch daran zweifelt, dass The Cure zu den größten Livebands ihrer Generation gehören, dürfte seine Meinung spätestens zwischen "Friday I'm In Love" und "Boys Don't Cry" geändert haben.

Text und Fotos: Désirée Pezzetta.

Setlist 10. Juli:

  • Plainsong
  • Pictures Of You
  • High
  • A Night Like This
  • Lovesong
  • Burn
  • Fascination Street
  • Never Enough
  • alt.end
  • Push
  • Play For Today
  • A Forest
  • Primary
  • Shake Dog Shake
  • From The Edge Of The Deep Green Sea
  • Prayers For Rain
  • One Hundred Years
  • Disintegration

Zugaben:

  • Lullaby (dedicated to Simon Gallup)
  • The Walk
  • Friday I'm In Love
  • In Between Days
  • Just Like Heaven
  • Close To Me
  • Why Can't I Be You?
  • Boys Don't Cry

Fotos

Berlin, Wuhlheide, 2026 Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band.

Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Drei Deutschland-Konzerte in Folge in der Wuhlheide: Robert Smith und Band., Berlin, Wuhlheide, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta)

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