Zeitlos brutal gut: Queens Of The Stone Age und System Of A Down spielen im Olympiastadion das Konzert des Jahres.

Berlin (dp) - Es gibt wahrlich schlechtere Arten, einen Mittwochabend zu verbringen als mit Queens Of The Stone Age und System Of A Down. Das wissen offenbar auch die Berliner:innen. Denn als QOTSA-Boss Josh Homme und seine Mitstreiter die Bühne des Olympiastadions betreten, wirkt hier niemand so, als würde er gerade nur pflichtbewusst auf den Hauptact warten.

Warum auch? Die Band gehört seit Jahren auf die großen Bühnen. Dass sie heute als Support unterwegs sind, macht diesen Abend nur ungewöhnlich luxuriös besetzt. Und Homme liefert direkt den schönsten Grund zur Freude: Nach gesundheitlich schwierigen Jahren scheint er in der Form seines Lebens: Man sieht ihm an, dass es ihm gut geht. Klingt vielleicht banal, ist es aber nicht. Der 53-Jährige wirkt gelöst, seine Stimme ist voll da, und die Band spielt sich mit sichtbarer Freude durch ein Set, das die Wartezeit auf System Of A Down nicht verkürzt, sondern bereits das erste Highlight des Abends markiert.

QOTSA: ohrenbetäubender Jubel

Mit "Regular John" geht es zurück zum Anfang, "The Lost Art Of Keeping A Secret" rollt gewohnt elegant durchs Stadion und spätestens bei "Feel Good Hit Of The Summer" sammelt Homme den Innenraum ein. Troy Van Leeuwen bleibt währenddessen der Mann, der vermutlich selbst bei der Steuererklärung noch Stil zeigen würde. Doch die heimliche Coolness-Krone geht an Michael Shuman. Mikey Shoes verschwendet keine Energie an unnötige Posen. Er steht da, spielt Bass und lässt das Olympiastadion zu sich kommen. Wer das aus der Nähe überprüfen möchte: Mit seinem Soloprojekt GLU kehrt er in gut anderthalb halb Wochen wieder nach Berlin zurück.

Nach "Sick, Sick, Sick", "The Fun Machine Took A Shit And Died", "Paper Machete" und "My God Is The Sun" geht es mit den Kulthits "Little Sister" und "Go With The Flow" auch schon in Richtung Finale. "No One Knows" muss natürlich sein, "A Song For The Dead" ebenso. Das Publikum dankt es der Band mit ohrenbetäubendem Jubel. Was für eine Show! Dann ist Schluss, und die Bühne frei für System of A Down.

System Of A Down: Berlin ist sofort da.

Interessant ist zunächst, was alles nicht passiert. Keine überdimensionierte Showproduktion, kein Versuch, das Olympiastadion optisch zu erschlagen. Vier Musiker reichen. Eine fast schon arrogante Entscheidung, wenn man nicht die Songs hätte, um genau damit davonzukommen. Nach dem Intro "Soldier Side" knallt "B.Y.O.B." ins Stadion rein, und Berlin ist sofort da. Nicht langsam oder nach ein paar Songs. Sofort.

Serj Tankian wirkt dabei wie der felsenfeste Mittelpunkt dieses Wahnsinns. Während Daron Malakian noch immer diese Mischung aus verschmitztem Grinsen und leichtem Irrsinn ausstrahlt, bleibt Serj fast durchweg bei sich. Viel Bewegung braucht er nicht. Seine Stimme füllt den Raum auch so aus. Dass dieser Raum Olympiastadion heißt, und der Sound trotzdem funktioniert, darf man ruhig als kleine Sensation verbuchen.

Ein Dirigent namens Serj Tankian

Überhaupt Serj – das Charisma dieses Mannes erreicht im Stadion wirklich auch den letzten Platz. Wenn er so dasteht, ein wenig tanzt, mit einem versunkenen Lächeln auf den Lippen, und sich nach so vielen Jahren noch über die eigenen Kompositionen und die Reaktion des Publikums freut, dann erliegt man ihm im Nu. Er, der klassische Komponist und sinfonische Musiker, lebt für seine Kunst. Und wir lieben ihn dafür. Er dirigiert nicht nur seine Band, sondern auch das Publikum.

Und seine Band? Die rockt noch immer! Ein bisschen weniger subtil allerdings. Man nehme nur Daron. Wer Angst hatte, dass mit den Jahren etwas von dieser seltsamen Energie verloren gegangen sein könnte, kann beruhigt sein. Die verrückten Blicke sind noch da. Die pointierten Ansagen auch: "Yes, we're here. System is here!" Was heute Abend wirklich beeindruckt, ist weniger die schiere Größe, sondern die Hingabe. Die Ränge stehen fast komplett. Es gibt kein mühsames Überreden, kein Stadion-Entertainment nach Vorschrift. Wenn Malakian "Everybody jump up and down" fordert, springt Berlin. Wenn er "Bang! Your! Head!" ruft, schütteln alle die Haare. Von so einem Publikum können manche Kollegen nur träumen.

Zeitlos brutal gut

System Of A Down arbeiten sich dabei nicht einfach durch ihre Hits. Dafür sind diese Songs auch viel zu komplex konstruiert. "Prison Song", "Violent Pornography", "I-E-A-I-A-I-O" oder "Needles" klingen immer noch so, als hätte niemand ihnen gesagt, wie Rockmusik eigentlich geschrieben werden sollte. Zum Glück. Bei "Psycho" zeigt sich endgültig, dass Nostalgie hier eigentlich keine Rolle spielt. Diese Tracks funktionieren live zeitlos brutal gut. Es riecht mittlerweile deutlich nach Gras, Joints werden herumgereicht.

Nach dem Überhit "Chop Suey!", bei dem das ganze Stadion mitbrüllt, und "Lonely Day" folgt "Lost In Hollywood". Malakian macht daraus stellenweise eine Hommage an die Stadt, lässt die Arme hochgehen und genießt sichtbar das Feedback. Danach folgt endloser Jubel. Die Band schaut sich an und lacht. Nur ein kleiner Moment, aber vielleicht gerade deshalb einer der schönsten.

Circle Pits öffnen sich, Bengalos leuchten

Und fast unbemerkt entsteht hinten am Schlagzeug noch ein zweiter. John Dolmayans Tochter verfolgt den Auftritt ihres Vaters mit großen pinken Noise-Cancelling-Kopfhörern und übernimmt zwischendurch mal den Schellenkranz. Dolmayan selbst trägt ein Shirt mit deutschem Adler. Zwischen all den Circle Pits entsteht ein überraschend friedliches Familienbild. Die Begeisterung bei Vater und Tochter ist offensichtlich.

Bei "Aerials" steigen rote Rauchbomben im FOS 1 auf, bei "Roulette" wird es dann noch einmal ruhig. "From this anger comes this pretty little song", kündigt Malakian an. Natürlich hält diese Ruhe nicht an. Vor "Toxicity" gibt er den Fans Zeit, sich vorzubereiten. "I give you a little time to organize." Dann zeigt er in verschiedene Richtungen des Innenraums und überall öffnen sich Circle Pits. Zu viele, um sie zu zählen. Bengalos leuchten, im vorderen Bereich tanzen Menschen im und um den roten Rauch, wie um ein kulthaftes Signalfeuer, während die Ränge immer noch nicht ans Sitzen denken. Was passiert hier? So hat man das Olympiastadion in dieser Konzertsaison noch nicht erlebt.

Das Konzert des Jahres

Mit "Sugar" endet ein Abend, der vor allem eines zeigt: System Of A Down müssen ein Stadion nicht größer machen. Sie schaffen es, dass es sich kleiner anfühlt. Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass die Amerikaner bereits jetzt das Konzert des Jahres abgeliefert haben und ihren Fans dabei das Gefühl geben, als wären sie in einem kleinen, verschwitzten Club gestanden. Chapeau, mehr geht nicht.

Eine System Of A Down-Fotogalerie ist in Vorbereitung. Die Veröffentlichung erfolgt, sobald die Band die Fotos freigegeben hat.

Text und Fotos: Désirée Pezzetta.

Fotos

Berlin, Olympiastadion, 2026 Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down.

Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Josh Homme und Band auf Tour mit System Of A Down., Berlin, Olympiastadion, 2026 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta)

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laut.de-Porträt System Of A Down

System Of A Down hat sich einen Namen als Crossover-Band der extremen Sorte gemacht, da sie eine große Zahl von unterschiedlichen Stilrichtungen zu Klangkollagen …

2 Kommentare

  • Vor 5 Minuten

    Qotsa und Soad nacheinander.
    Es fühlt sich an wie 2005.
    Das einzige was ich zu meckern hätte, wären die Golden Circle tickets, aber das lass ich mal stecken.

  • Gerade eben

    Gestern in Berlin war ein ordentlicher Auftritt, der Laune gemacht hat. Es gab ausreichend Interaktion mit dem Publikum, interessanterweise hat das komplett Malakian übernommen. Überhaupt wirkte Serj stark zurückhaltend und etwas schwach in der Stimme. Stellenweise wirkte es, als betreibe er Ausdauermanagement, um den Auftritt zu überstehen. Aber Charme hatte er noch! Malakian war dagegen ein herrlich verrückter Giftzwerg. Die ganze Atmosphäre war sehr entspannt, fast alle Ü30 und gut gelaunt. QOTSA waren auch toll, haben ordentlich Gas gegebenen, aber die Crowd hat die leider nicht ausreichend gewürdigt. Viele waren noch draußen beim Mergestore oder bei dem Bierständen. Acid Bath waren solide. Bei unserem Standort auf den Rängen war die Soundmische leider unterirdisch, alles ist in wummernden Bässen abgesumpft, was vor allem QOTSA massiv geschadet hat. Würde mich interessieren, ob das im Field anders war?