Der Schauspieler tourt mit Band. Und fast vergisst man, dass ein Superstar auf der Bühne steht.
Berlin (jas) - Natürlich versammelt man sich heute Abend im Berliner Huxley's Neue Welt vorwiegend wegen Keanu Reeves. Ja, der Schauspieler, den man auf Postern schon im Teenageralter über dem Bett hängen hatte: absoluter Lieblingsfilm immer noch "My Own Private Idaho". Hätte ich in den 1990ern erfahren, Keanu ist in der Stadt, ich wäre den ganzen Tag durch die Straßen gerannt, um ihm zu begegnen
Spaß an der Musik
Vielleicht tritt er nicht immer als der überzeugendste Schauspieler in Erscheinung. Aber Reeves ist für seine aufmerksame und emphatische Art bekannt. Den Trubel um seine Person liebt er nicht so sehr, und das auch am heutigen Konzertabend. Keanu hat Spaß an der Musik und darum geht es.
Dogstar sind wieder vereint, und der Hollywoodstar beherrscht sein Instrument. Wer aber euphorische Rockgesten oder fröhliche Ansagen ans Publikum erwartet, der wird enttäuscht. Abgesehen von einem Handkuss in die Menge spielt er lässig den Rhythmus und schwingt auch mal die Hüfte. Ansonsten stellt er sich nicht in den Vordergrund, sondern zelebriert das Zusammenspiel mit seiner Band.
Reeves gründete die Alternative-Rockband 1991 gemeinsam mit dem Schlagzeuger Robert Mailhouse (übrigens ebenfalls Schauspieler und u.a. in "Seinfeld" zu sehen). Das Duo suchte nach einem geeigneten Bandnamen. BFS (Big Fucking Shit) hießen sie zwischenzeitlich und wurden dann zu Dogstar. Der Name ist dem Roman "Sexus" von Henry Miller entlehnt. Sänger Bret Domrose ist seit 1994 dabei. 2002 löste sich die Band dann auf, als Keanu erfolgreicher im Filmbusiness unterwegs war und weniger Zeit für Musik blieb. Während der Corona-Pandemie gab es aber ein Wiedersehen, und Dogstar nahmen das aktuelle Album "All In Now" auf, mit dem sie derzeit touren.
Klassischer Männerrock
Aber auch Fans der ersten Stunden bekommen einen Mix aus dem älteren Rock-Repertoire der Platten "Somewhere Between The Power Lines And Palm Trees" (2023) und "Happy Ending" (2000) präsentiert. Bei den Zugaben bekommt man auch Coverversionen zu hören, etwa "Just Like Heaven" von The Cure. Die britische Band um Robert Smith scheint eh ein großer Einfluss Dogstars zu sein.
Musikalisch ist das jetzt keine Sensation. Anfangs dachte ich: Oje, aber so schlimm kommt es dann doch nicht. Dogstar spielen typisch klassischen Männerrock. Muss man mögen. Manchmal denkt man an Muse (wobei das englische Power-Trio live eine ganz andere Dynamik rüberbringt) oder auch an U2. Am Ende klingt es dann aber eher nach Stadionrock der Marke Bon Jovi. Viel mehr Aktionen als Mitklatschen gibt es im Zuschauerraum dazu nicht. Bier holen läuft flüssig, hier und da mal ein rhythmisches Kopfnicken. Oft werden auch ein paar Zeilen mitgesungen, dennoch fragt man sich: Kennen die Anwesenden überhaupt die Songs?
Es juckt sie nicht
Die Antwort scheint die drei Musiker auf der Bühne nicht zu jucken. Sie ziehen ihr Programm einfach durch. Manchmal gibt es eine kurze Ansage von Sänger Bret (seine Eltern kommen wohl aus der Nähe von Berlin, er spricht aber kein Deutsch, was ihm leid tut). Manchmal durchzuckt einen ein Bassintro, und die Melodie hält sich gut im Ohr, bevor sie sich dann doch wieder in einem eher langweiligen Gitarrensoli verliert. Gesanglich holt mich das auch nicht unbedingt ab. Zudem passiert auf der Bühne gar nicht so viel – aber genau das macht es auch irgendwie sympathisch: Nicht spektakulär, aber auch keine krampfhaften Versuche, etwas unbedingt Neues bieten zu wollen.
Dogstar sind drei Typen, die gerne Mucke machen, was man sich anderthalb Stunden gut anhören kann. Und irgendwann vergisst man sogar, dass da ein Superstar auf der Bühne steht. Zwei Tage zuvor hat man im selben Raum Aldous Harding gesehen – und dazwischen liegen Welten. Die Neuseeländerin sorgte für eine unfassbare Ruhe im ganzen Saal. Mit voller Faszination betrachtete man ihre ungewöhnliche Bühnen-Performance. Die Amerikaner greifen dagegen beherzt in die Saiten, Mailhouse bearbeitet seine Drums, während Bret für nölenden Gesang sorgt. Als er zum Bassisten tänzelt und ein kurzes Bass-Gitarren-Battle folgt, johlt das Publikum laut auf.
Wie zu VIVA/VIVA Zwei-Zeiten
Man fühlt sich in einer Art Retro-Trance, mir denkt spontan an die vielen Rock-Videos zu VIVA/VIVA Zwei-Zeiten: Männer mit langen Haaren sitzen verschwitzt im Cabrio und fahren durch eine heiße Wüste. Dogstar klingen immer noch, wie diese Gitarrenbands aus Kalifornien, die um die Jahrtausendwende das Musikfernsehen beherrschten. Könnte schlimmer sein und bei den sommerlichen Temperaturen kann man sich tatsächlich gut eine Autofahrt mit dieser Musik als Soundtrack im warmen Fahrtwind vorstellen.
Beim ruhigeren Song "Everything Turns Around" sieht man hinter dem Drummer einen Roadie, der mit einer Leuchte das Publikum animiert, die Handys zu zücken, um eine romantische Stimmung im Saal entstehen zu lassen. Gelingt sogar teilweise. Nur werden hier vorwiegend Feuerzeuge gezückt, was auch zeigt, welche Generation heute Abend feiert. Ist das alles am Ende doch nur eine einzige große Inszenierung? Dogstar spielen am 1. Juli noch in Köln. Kleiner Tipp, er steht wie immer auf der rechten Seite.
Text: Jasmin Lütz. Fotos: Désirée Pezzetta.





















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