Wenn große Weite leise wird: Die isländischen Alternative-Größen kreieren mit Orchester ein Gesamtkunstwerk.
Berlin (dp) - Die Lichter sinken, der Saal hält den Atem an. Ein einzelner Ton schwebt über den Köpfen, dünn wie Reif, bis ihn warme Streicher schmelzen lassen. Sigur Rós stehen nicht vor dem Orchester, sie erwachsen aus ihm: Stimme als ferner Lichtkegel, Gitarre als langgezogener Atem, die Pauke setzt den Puls. Und in der Uber Eats Arena ist es mucksmäuschenstill – eine seltene Disziplin, die man in Hallen dieser Größe kaum noch erlebt.
Nur vereinzelt glimmen Displays auf, ein Foto, ein kurzer Clip, dann wieder Dunkel. Bruno Poets Licht ist kein Effekt, sondern Dramaturgie: viel Schatten, tiefes Rot, gedimmte Glühbirnen wie kleine Sonnen hinter Nebel. Erst, wenn ein Stück seine Klimax sucht, reißt manchmal ein heller Schein den Vorhang auf. Die Bühne erstrahlt, als würde jemand den Himmel kurz öffnen.
Unter der Leitung von Robert Ames – Mitbegründer und Music Director des London Contemporary Orchestra – wirkt das Orchester, das die isländischen Alternative-Größen nach Berlin mitgebracht haben, erfrischend jugendlich, agil und ohne Scheu vor den langen Atemzügen, die diese Musik verlangt. Da ist keine Schwere um der Schwere willen, sondern ein Körper, der weiß, wie man trägt, ohne angestrengt zu drücken.
Sigur Rós, sonst bekannt für dröhnende Post-Rock-Wellen, fügen ihre Songs organisch in den orchestralen Klang: Nichts ragt sperrig hervor, alles greift ineinander, als wären diese Arrangements immer schon im Material eingeschrieben gewesen. Jón Þór 'Jónsi' Birgissons Falsett – klar, zugleich fern – deutet Linien an, die die Streicher weiterspinnen. Georg Hólms Bass zeichnet den Horizont, Kjartan Sveinsson hält das Wetter mit Tasten in Bewegung.
Die bittersüße Vergänglichkeit
"Blóðberg" öffnet wie ein langsamer Tidenhub, das Orchester hebt und senkt, bis die Fläche trägt. "Ekki Múkk" und "Fljótavík" zeigen, wie Stille zur Partnerin wird: Der Raum hört mit. Kein Hüsteln, kein Rascheln, nur das leise Knacken von Holz auf dem Podest, wenn Bögen die Richtung wechseln.
Die Musik erzählt von Weite, von dieser isländischen Geografie aus Luft, Wasser, Stein. Sie meint Freiheit und Fernsicht, und doch liegt auf allem der Grundton der Melancholie – nicht schwer, eher wie die Kühle eines Nachmittags, an dem die Sonne schon hinter dem Hügel verschwindet. Wenn "Andvari" sein inneres Leuchten freilegt, wenn "Starálfur" die vertraute Süße bekommt, die mit Orchester plötzlich größer wird, merkt man: Hier geht es nicht um mehr, hier geht es um die bittersüße Vergänglichkeit von allem.
Bruno Poet lässt das Licht changieren, aber nie dominieren. Ein roter Schleier über den Streichern, ein glühender Rand an den Percussions, dann wieder Momente, in denen die Bühne hell aufleuchtet, weil es die Musik verlangt. Das Orchester antwortet leidenschaftlich, aber nie kitschig. Robert Ames führt schlank, präzise und jederzeit aufmerksam – die Einsätze sitzen, die Übergänge atmen. Die Band verschwindet nicht, sie geht auf: Jónsis mit Geigenbogen gestrichene Gitarre schreibt lange, schimmernde Linien, die Holzbläser zeichnen feine Risse hinein, die Hörner füllen sie mit Luft.
Wenn sich dieser Klangteppich über die Arena legt, wenn alle gemeinsam schwingen, steigen Tränen in die Augen – nicht, weil hier sentimental gedrückt wird, sondern weil alles an seinem richtigen Platz ist. Kaum vorstellbar, dass dieses Setting jemanden kalt lässt.
Kindliches ohne Naivität, Helles ohne Kitsch
Im zweiten Teil des Konzertabends verdichten sich Form und Gefühl. "Vaka“ (Untitled #1)" hält still wie zwischen zwei Atemzügen. "Samskeyti (Untitled #3)" klebt nicht an Nostalgie, es zieht weg: Die Akkorde schreiten dahin, das Orchester legt den Grund, über den die Töne wie Lichtflecken über Wasser gleiten. "Ylur" und "Skel" bringen Wärme und spröde Schönheit ins Gleichgewicht. "Álafoss (Untitled #5)" legt die Zeit in Schichten, bis sich die Oberfläche öffnet.
Bei "Sé Lest" entsteht diese spezielle Sigur-Rós-Magie: das Kindliche ohne Naivität, das Helle ohne Kitsch. "Ára Bátur" wächst zum offenen Hymnus, Chorflächen ohne Chor, getragen von Streichern, die nicht glimmen, sondern brennen. "Hoppípolla" hält, was es verspricht: Ein kindlicher Sprung in die Pfütze, aber hier mit orchestraler Lunge, die die Phrase lang trägt. "Avalon" schließt wie ein spätes Licht, das länger bleibt, als die Uhr erlaubt.
Berlin hört zu, hält still, lässt zu
Gesungen wird auf Isländisch und in Vonlenska – eine erfundene Sprache, die nicht übersetzt werden will, weil sie nicht Worte, sondern Klang bedeutet. Es ist erstaunlich, wie unmittelbar das wirkt: Keine Semantik, die im Weg steht, nur Stimme als Instrument, das Bedeutung erst im Hören erzeugt. Vielleicht deshalb diese Stille im Publikum. Vielleicht deshalb die Bilder im Kopf: Wolkenränder, Basaltsäulen, eine Straße, die auf den Horizont zugeht, ohne ihn je zu erreichen. Daraus macht das Orchester aber kein Postkartenmotiv, sondern eine lebendige Topografie.
Die Band – eigentlich gewohnt, große Räume zu füllen – nimmt sich zurück, wo Zurücknahme Tiefe schafft, und geht nach vorn, wenn Weite Richtung braucht. Am Ende der beiden Sets bleibt ein Gefühl von Sehnsucht und Frieden. Sigur Rós beweisen, wie selbstverständlich ihre Musik in orchestraler Form zu Hause ist. Das ist kein Aufpolstern, kein Goldrahmen, sondern eine Offenlegung der Statik, auf der diese Songs ruhen. Berlin hört zu, hält still, lässt zu. Und wenn das Licht schließlich endgültig ausgeht, bleibt im Dunkeln etwas zurück, das man nicht festhalten oder fotografieren kann.
Set 1:
Blóðberg
Ekki múkk
Fljótavík
8
Von
Andvari
Starálfur
Dauðalogn
Varðeldur
Set 2:
Untitled #1 – Vaka
Untitled #3 – Samskeyti
Ylur
Skel
Untitled #5 – Álafoss
Sé lest
Ára bátur
Hoppípolla
Avalon
Dirigent: Robert Ames
Lichtdesign: Bruno Poet
Text und Fotos: Désirée Pezzetta.













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