Zwischen toller Setlist und unerträglichen Predigten: Der Söllner versteht sich selbst nicht mehr und wirkt ein wenig wie ein fader Lokalpolitiker.
Graz (fma) - Hans Söllner im Ausland – ein seltener Genuss. Da reist man als Bayer natürlich gerne von Berlin nach Graz. Das steiermärkische Juwel ist ja immer einen Besuch wert. Als Tourist befindet man sich auf dem Schlossberg allerdings im rund 500 Leute zählenden Publikum in der argen Minderheit. In den Kasematten haben sich diesen Sommer u.a. noch Sportfreunde Stiller, Faun, Angelo Kelly, Peter Cornelius und auch Wolfmother angesagt.
Der boarische Grantler hat inzwischen ein Alter erreicht, in dem seine hagere, lockere Gestalt beeindruckend fit und gar nicht zerbrechlich wirkt. Zwar sitzt Söllner durchgehend, für dessen Wirbelsäule und federnde Dynamik würde ein Wolfgang Ambros aber offenkundig töten.
Die Magie zwischen Künstler und Klampfe
Das Fitnesslevel äußert sich am vergangenen Samstag auch musikalisch: Der 70-Jährige spielt zwar nicht immer fehlerfrei, passt aber dort klug an die Livesituation an, wo es nötig ist. Sehr bewusst und wenig einstudiert, entsteht immer wieder diese Magie zwischen Klampfe und Künstler, die den Liedermacher von jeher prägt.
Verständigungsschwierigkeiten gibt es keine: Die Besucher:innen sind an den Rändern des sprachwissenschaftlich mittelbairischen Raums zu verorten. Söllners Stimme ist an diesem Abend eine einzige Freude: Seit er – eigener Aussage zufolge – weniger raucht, hat er noch einmal an Tiefe gewonnen, aber auch an kratzigem Timbre, das seine eh schon charaktervolle Stimme unterstreicht. Ein Genuss, zu dem er auch in den typisch langgestreckten wehklagenden Passagen seiner Lieder brilliert.
Perfekte Setlist
Der Barde zückt in Graz eine ausgewogene Songmischung quer durch seine Karriere, dabei liegt der Schwerpunkt auf kontemplativen Stücken. "Mei Zustand" und "Nordwind" stehen beispielhaft für die nicht verbitterten, aber atmosphärisch ernsten Teil des Konzerts. Mit "Freiheit", "Hoffnung", "Ned Aloa" und "Owei I" sind gar vier Stücke seines besten, sehr bandlastigen, Albums "Owei I" vertreten.
Vor allem "Ned Aloa" gerät zu einer lustvollen, verspielten Angelegenheit: Der beste Söllner überhaupt, wie er sich um den eigenen Track wogt, von dem ihn keinerlei zeitliche oder emotionale Distanz zu trennen scheint. Mit "Sturm" schafft es auch ein recht seltenes Stück auf die Playlist – neben "Vorbei Damit" (in einer ebenfalls herzzerreißenden Version) eines seiner allerbesten.
Dass es dann auch noch "Landshut" zu hören gibt, macht eine fast perfekte Setlist vollkommen. Als erste Zugabe – die zweite "Blumen Und Farben" bricht er fröhlich ab, da er sich verspielt – folgt der Publikumspleaser "Edeltraud" sowie "So So So". Lediglich das Ende des regulären Sets fällt mit "Lotta" schwächer aus.
Unerträglich: die Predigt
Bisher bewunderten wir den musikalischen Teil des Abends. Doch Söllner hat natürlich noch einen anderen in petto: den Gesprächsteil. Besser: Vortragsteil. Noch besser: die Predigt. Und diese gerät unerträglich. Natürlich ist Söllner unhinged, das bleibt Teil seines Markenkerns. Doch mittlerweile gerät das zusammenhanglose Geschimpfe völlig aus den Fugen. Es missachtet jeden Kontext, hat keine Kohärenz, nicht mal eine, ja, völlig legitime Fundamentalopposition hört man. Es dient nur noch als Projektionsfläche für Menschen, die nicht verstehen wollen oder können.
Das tut weh
Dass jemand, der die Rechtsgeschichte so maßgeblich mitgestaltet hat wie er und der tatsächlich Justizdruck erlebt hat und um seine Meinungsfreiheit kämpfte, nicht erkennt, dass er die falsche Sache vertritt, das tut weh. Man mag nicht wiedergeben, was der Hansi innert zwei Stunden alles an Unsinn von sich gibt, aber es bleiben einige Grundübel. Etwa der Widerspruch aus schärfster Schmähkritik „an denen da oben“ – womit Söllner allerdings lediglich Teile der bayerischen Staatsregierung bzw. den Bundeskanzler meint – und dem ostentativen Zurschaustellen seiner Unkenntnis über jedweden staatlichen oder kommunalen Zusammenhang in diesem Land.
Oder der Widerspruch aus humanistischen Appellen und der Verächtlichmachung von Körperteilen bayerischer Landespolitikerinnen. Der Widerspruch aus einer aggressiv für sich in Kauf genommenen Neutralität und der Nichtbeachtung des Umstands, dass im ganzen Saal völlige Stille herrscht, als er eine einzige als pro-migrantisch verständliche Aussage trifft gegenüber Gejohle und Gekreische bei Rants gegen die vermeintliche Abschaffung des Bargelds und anderer geläufiger rechtspopulistischen Themen.
Vom Söllner zum faden Lokalpolitiker
Der Widerspruch, dass er explizit behauptet, er fühle sich von "denen da oben" nicht verstanden und der Behauptung, dass "die da oben" mit dem Plastikwal Timmy und anderen Sperenzchen eh nur von ihrem organisierten Diebstahl ablenken wollten. "Bleibts bei euch" ruft er auf, also kümmert euch um euch selbst. Gleichzeitig kritisiert er aber Klimakleber und spricht Menschen mit Smartwatches jegliches Recht auf Mitbestimmung ab.
Das alles ist nicht aufzulösen. Man musste dem Drittweltempathen, Flüchtlingsunterstützer und Hanfvorkämpfer beileibe noch nie zustimmen – aber wenigstens war er spannend. Dieser Söllner von heute ist leider zum faden Lokalpolitiker mutiert.
Text: Franz Mauerer.

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